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Hallo, ich bin "Jochen Wegner". Wollen Sie mit mir streiten? Ich bin "männlich", von Beruf "Journalist", verbringe meine Freizeit "auf dem Sofa sitzend", man erkennt mich an "1,91 groß, Brille, ergrauend", ich bin ein Freund von "japanischem Essen".

Mit diesen eher gedankenlos hingeworfenen Angaben habe ich mich Anfang Mai bei der Aktion "Deutschland spricht" von ZEIT ONLINE angemeldet. Unsere Idee: Wir wollten überall Paare einander unbekannter Menschen mit sehr gegensätzlichen politischen Ansichten zu einem Streitgespräch zusammenbringen. Am vergangenen Sonntag, den 18. Juni um 15 Uhr.

Ich war einer der ersten Test-User und sollte nur ausprobieren, ob unser hastig aufgesetztes System technisch funktioniert. Als sich dann im Laufe der folgenden fünf Wochen 12.000 Streitlustige registrierten, nahm ich meine Dummy-Anmeldung ernster als geplant: Ich wollte unbedingt dabei sein. Nicht nur Fragen zur Person, auch fünf politische Fragen hatte ich zu diesem Zweck beantwortet:

Hat Deutschland zu viele Flüchtlinge aufgenommen? (Nein.)
Soll Deutschland zur D-Mark zurückkehren?
(Nein.)
Geht der Westen fair mit Russland um?
(Ja.)
War der Ausstieg aus der Atomenergie richtig?
(Ja.)
Sollen homosexuelle Paare heiraten dürfen?
(Ja.)

Schließlich hatte unser Algorithmus nach 30 Minuten Rechnen aus 12.000 Datensätzen auch meinen perfekten Streitpartner ermittelt: "Guten Tag, dürfen wir Ihnen jemanden vorstellen?", stand in der E-Mail von ZEIT ONLINE: "Mirko", "männlich", "Maschinen- u. Anlagenführer", der seine Freizeit mit "Kochen, Kind bespaßen, Computerspiele" verbringt, den man an "einem 6mm Septum (dicker Nasenring)" erkennt, und der ein Freund von "flachen Witzen" ist. 

Mein Leben ist eine Filterblase

Wenn der Teilnehmer Mirko nicht selbst die Erfindung eines Witzbolds war, dann funktionierte unser Algorithmus besser als gedacht. Die Software sollte mir einen möglichst gegensätzlichen Menschen in meiner Nachbarschaft vorstellen. Mirko hatte in drei von fünf Punkten nicht nur andere Ansichten als ich: Flüchtlinge, Russland, Atomkraft. Er dürfte, so schloss ich aus seinen weiteren Angaben, auch sonst ganz anders sein als alle anderen Leute, die ich in unserer Gegend kenne.

Einen "Anlagenführer" – was macht der eigentlich? – mit "Septum" – wie sieht das noch mal aus? – habe ich in Berlin-Prenzlauer Berg jedenfalls noch nie getroffen, schon gar keinen, der für Atomkraft, für Putin und gegen Flüchtlinge ist. Hier wählen sie grün oder eine Schattierung von rot, sind Regisseure, Models, Unternehmensberater, Architekten oder Journalisten und gerne aus Schwaben zugezogen. (Ich bin Journalist, in Baden geboren, vor sechs Jahren hergekommen.) Ihre Kinder fahren sie gemeinsam mit dem Rad in den Waldkindergarten, treffen sich beim Eckitaliener, im Biomarkt, morgens beim amerikanischen Kaffeeröster und nachts im Späti, der Trüffelchips und Rotwein für 18 Euro verkauft. Mein Leben ist eine Filterblase. Einen Mirko gibt es hier nicht.

Er trägt meine Frisur, wie alle hier

Ich mache mir Sorgen. Nicht nur über die Existenz von Mirko. Sondern auch darüber, dass, falls es ihn doch gibt, er sich lieber nicht mit einem Journalisten treffen will. Ich bin nervös. So muss es sein, wenn man das heikle Date auf Parship oder Tinder zum ersten Mal anschreibt. Ich brauche eine Viertelstunde, um hoffentlich verbindliche, aber nicht ranwanzende 200 Zeichen zu formulieren.

Hallo, Mirko, ich freue mich auf unser Gespräch am Sonntag! Ich wohne an der Grenze Mitte/Prenzlauer Berg in Berlin. Ich kann gerne in Deine Nähe kommen – hast Du eine Idee für einen Ort? Beste Grüße, Jochen

Einen gefühlten Tag lang passiert nichts. Ich überlege, ob Mirko deutlich älter ist als ich, also weit jenseits der 47, und nicht alle zwei Minuten die Nachrichten auf seinem Smartphone checkt. Dafür sprechen vielleicht seine politischen Ansichten, nicht aber der Nasenring. Womöglich arbeitet er auch gerade als "Maschinen- und Anlagenführer" und kommt einfach nicht dazu? Den Job habe ich gegoogelt, es gibt ihn wirklich, eine anspruchsvolle Ausbildung.

Schreibt so ein Extremist?

Auch Mirkos vollen Namen habe ich gesucht, er ist in seiner E-Mail-Adresse zu finden, und klingt alltäglich, trotzdem gibt es nur sechs Treffer. Die ersten beiden führen auf Seiten, die angebliche Neonazis in Sachsen-Anhalt auflisten. Einige weitere Treffer sind offensichtlich gemäß EU-Recht "auf Vergessenwerden" gelöscht worden. Nun mache ich mir wirklich Sorgen. Dann, nach sechs Stunden, habe ich Mail:

Hallo Jochen, ich freue mich ebenfalls auf das Gespräch und bin ein wenig aufgeregt. Ich würde, etwas bedeutungsschwanger, das "Café en passant" vorschlagen. Eine kleine Frage an Dich: Bist du der Chefredakteur der Zeit online oder ein Namensvetter? Liebe Grüße, Mirko

Auch Mirko nutzt Suchmaschinen. Ich lasse höflichkeitshalber zwei Stunden verstreichen, bevor ich antworte:

Lieber Mirko, das Café ist prima, das kann ich zu Fuß erreichen. Du hast richtig gegooglet und kannst sicher sein, dass ich noch viel aufgeregter bin. :-) Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich zu den einzelnen Punkten noch einmal vorbereiten sollte, womöglich reden wir eh über ganz andere Themen. Herzlich, Jochen

Mirko antwortet acht Stunden später, um 5.50 Uhr am Morgen und gut gelaunt, vielleicht hat er Frühschicht oder ein kleines Kind.

Guten Morgen Jochen, es freut mich, dass dir das Café gut passt. Also ich werde mich ganz sicher mit dem ein oder anderen Punkt noch einmal etwas näher beschäftigen, hoffe aber sehr, dass wir abschweifen und andere Themen finden werden. Ich wünsche dir einen guten Start in den Tag. Liebe Grüße, Mirko

© Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Schreibt so ein Extremist? Endlich ist Sonntag. Wir haben inzwischen Handynummern ausgetauscht, und Mirko meldet sich kurz vorher spontan per WhatsApp: Er stehe schon vor dem Café, es habe geschlossen. Wir vereinbaren stattdessen ein anderes, ganz in der Nähe. In WhatsApp sehe ich zum ersten Mal ein Foto von ihm. Auf seinem Profilbild sieht er aus wie alle meine Nachbarn, ich bin erleichtert – und auch etwas enttäuscht: Selfie mit Hipsterbart, lila Wollmütze, grauer Hoodie mit lila Bändern, seine lächelnde Freundin mit einer Art Palästinenserschal schmiegt sich an ihn. Mirko sieht aus wie alle hier, er ist kein Neonazi, nur ein netter junger Mann mit für diese Gegend ungewöhnlichen Ansichten und einem Namensvetter in Sachsen-Anhalt.

Er steht schon vor dem Café, als ich ankomme, ich erkenne seinen Bart, aber keinen Nasenring, er trägt Karohemd, darunter ein Skater-T-Shirt von Cleptomanicx und Adidas-Sneaker. Er trägt meine Frisur, wie alle hier. Mit seiner Sonnenbrille sieht er einem Nachbarn verblüffend ähnlich, dem amerikanischen Kaffeeröster.

Dann versuchen wir zu streiten

© Hannes Jung für ZEIT ONLINE

"Ich habe vier Tage fast nichts gegessen, so aufgeregt war ich", sagt er zur Begrüßung. Er bestellt eine große Sprite, ich einen Milchkaffee. Dann reden wir drei Stunden ununterbrochen. Trotz der 30 Grad vergessen wir einfach, weitere Getränke zu bestellen, Mirko, der Raucher, vergisst zu rauchen. Wir tauchen ein in die fremde Welt des anderen, die auf den ersten Blick aussieht wie unsere eigene, die am selben Ort und doch völlig anders ist. Ich komme mir vor wie im Roman 1Q84 des Japaners Haruki Murakami, in dem die Protagonistin eine Parallelwelt betritt, einfach, indem sie eine alltägliche Notfalltreppe an der Autobahn hinabsteigt. Alles ist wie vorher, als sie unten ankommt. Nur stehen jetzt am Himmel zwei Monde. Beide Welten sind völlig real, doch nur selten hat man die Chance, zwischen ihnen zu wechseln.

"Mir ist klar, dass meine politische Einstellung nicht populär ist"

Die Hoffnung von "Deutschland spricht" war es, diese Tür für einen Moment zu öffnen. Ich bin einfach nur die Oderberger Straße hinuntergegangen und betrete Mirkos Welt und er meine. Mirko erlaubt mir, über unsere Begegnung zu schreiben, er möchte nur nicht erkannt werden. Deshalb ist sein Name geändert. Der Fotograf, den wir am Ende des Gesprächs hinzubitten, fotografiert nur seine Hand, seine Sonnenbrille, seinen Schatten.

Bevor wir endlich versuchen zu streiten, erzählen wir uns zum Aufwärmen aus unserem Leben. Ich bin 47 und habe zwei Kinder. Ich bin in Baden geboren und habe nach dem Abitur meinen Zivildienst, den es damals noch gab, in einem großen Klinikum abgeleistet. Danach war ich auf einer Journalistenschule, habe Physik und Philosophie studiert, war Wissenschaftsjournalist, später Online-Chefredakteur.

Mirko ist 27, hat Ende April sein erstes Kind bekommen, eine Woche mussten sie wegen leichter Komplikationen im Krankenhaus bleiben. Er kommt aus der Nähe von Magdeburg, war zunächst auf der Realschule und konnte wegen seiner guten Zeugnisse das Fachabitur machen. Danach wollte er eigentlich studieren, Deutsch und Patholinguistik, "doch da kam mir erst die Liebe und dann ein Kind dazwischen". Seine Freundin hat er bei der Arbeit in einem Callcenter kennengelernt, sie war seine Chefin. Die Schwangerschaft war ungeplant, Mirko wirkt sehr glücklich: "Wir wussten ja beide, wie Kinder entstehen." Er ist wirklich ausgebildeter Maschinen- und Anlagenführer, früher hat er eine Produktionsstraße für Kaffeeweißer gefahren, heute steuert er die eines bekannten Getränkeherstellers. Später hat er Nachtschicht, deswegen trägt er keinen Nasenring. Hygienevorschriften.

Dann versuchen wir zu streiten. Flüchtlinge. Oder, wie wir im Prenzlauer Berg sagen, Geflüchtete. "Mir ist klar, dass meine politische Einstellung nicht populär ist", sagt Mirko. "Hier bei uns herrscht ja diese Haltung vor: Wir sind die Guten." Viele seiner Kollegen seien aber anderer Meinung: "Auf Arbeit sind sie vollkommen gegen das Aufnehmen von Flüchtlingen." Mirko sieht es nicht so strikt, gibt aber zu bedenken: "Wenn jemand auf der Straße verprügelt wird, dann sollen wir nicht zu Hilfe kommen, wenn wir uns damit selbst gefährden." Auf die "Menschenmassen" seien weder der deutsche Sicherheitsapparat noch die Hilfseinrichtungen vorbereitet gewesen. Viele Kriminelle und Terroristen seien nach Deutschland gekommen, noch immer müssten Flüchtlinge in improvisierten Lagern vegetieren. "Wir haben schon nach einer ungeplanten Woche mit Baby im Krankenhaus den Lagerkoller bekommen", sagt Mirko. "Wie muss es erst diesen Menschen nach all der Zeit gehen?" Ich muss ihm in vielem zustimmen, und Mirkos Ansichten sind natürlich nicht so unpopulär, wie er vorgibt, sie sind Mainstream, jedenfalls außerhalb des Prenzlauer Berg. Ich wende noch ein, dass der deutsche Staat durchaus in der Lage sei, diese Aufgabe zu bewältigen. "Wir schaffen das" hätte keine trotzige Feststellung, sondern der leidenschaftliche Aufruf zu einem Grand Projet sein können, einer großen nationalen Anstrengung. Mit dieser Meinung zähle ich in Deutschland heute zur Minderheit.

Wir diskutieren noch eine ganze Weile, aber streiten können wir uns nicht. Wir sind uns einig, dass Europa massive Investitionen in Krisenregionen organisieren muss. Einen Marshallplan für Afrika finden wir beide gut. "Die zusätzlichen 3,5 Millionen Euro Flüchtlingshilfe für Libyen, die Sigmar Gabriel gerade angekündigt hat, sind noch viel zu wenig", findet Mirko sogar. Auch mit einer aktiven deutschen Einwanderungspolitik können wir uns beide anfreunden. "In meiner Heimat hatte ich allerdings viel mit Russlanddeutschen zu tun", sagt er. "Russland ist eine Raumfahrernation, aber selbst diese Leute hatten Probleme, ihre Ausbildung bei uns anerkennen zu lassen. Wie soll das mit Ländern gehen, in denen viele nicht einmal lesen und schreiben können?"

Was er im September wählen wird? "Die Tierschutzpartei!", sagt er so schnell, als habe er auf die Frage gewartet. Eine verlorene Stimme? "Ja, aber alle anderen gehen nicht." Die Linke gehe nicht wegen ihrer – trotz Sahra Wagenknecht – immer noch zu freundlichen Einstellung zu Flüchtlingen. Die AfD sei in diesem Punkt "super, aber die Außendarstellung ist mir zu plump. Jemand wie Höcke ist ein No-Go." Vor zwei Jahren sei Frauke Petry hier in der Nähe aufgetreten. Während der Diskussion sei er irgendwann aufgestanden und habe sie gefragt: "Was ist deutsch?" Gelächter im Saal. "Deutsch ist, wer einen deutschen Pass hat", habe Petry schließlich geantwortet.

Die CDU gehe natürlich ebenfalls nicht, wegen Flüchtlingen, aber auch, weil sie die Ehe für alle ablehne. Wie die SPD mit dem Thema umgeht, gefällt ihm ebenfalls nicht: "Die setzen sich nicht konsequent dafür ein." Im ZEIT-ONLINE-Fragebogen haben wir uns beide dafür ausgesprochen, dass Homosexuelle heiraten dürfen. "Mich stört dieses Rumgeeiere mit christlichen Werten", sagt er. Mirko ist nicht getauft. Ich erzähle, dass ich überlege, die CDU von Angela Merkel zu wählen. Wegen ihrer Europa- und Flüchtlingspolitik, und trotz der antiquierten Haltung zur Ehe von Schwulen, die in Deutschland längst breiten Rückhalt findet, nur nicht bei manchen Abgeordneten.

"Bin wirklich ich das auf dem Bild? Ja und Nein"

© Hannes Jung für ZEIT ONLINE

Die Grünen, die sich konsequent dafür einsetzen? "Gehen natürlich überhaupt nicht. Nicht nur wegen Flüchtlingen. Die sind fast schon fanatisch bei der Gleichberechtigung." Der Feminismus habe edle Ziele, dürfe aber nicht zu einer Bevorzugung von Frauen führen. Die Frauenquote sei "ein Schlag ins Gesicht von Frauen, die bereits Karriere gemacht haben". Zum ersten Mal streiten wir uns. Das Thema scheint Mirko sehr wichtig. Einmal, am Rande einer Kundgebung zum Weltfrauentag, den er "Frauenkampftag" nennt, hat er eine derbe Macho-Spaßaktion organisiert, die später im Internet viral ging, auch Medien haben darüber berichtet. Was, soll ich nicht schreiben, weil Mirko sonst vielleicht zu identifizieren wäre.

Die absurden Fotos, die er mir von der Sache zeigt, bringe ich nicht mit dem höflichen, bedächtigen Mann hier im Café zusammen. Das muss ein anderer Mensch sein. "Ich bin nur unter emanzipierten Frauen aufgewachsen", betont er. "Meine Eltern haben beide gearbeitet, das Wort von beiden galt gleichermaßen. Und auf Arbeit sind fast nur Frauen in Führungspositionen, das ist super."

Die FDP? "Die kann ich nicht wählen, ich bin schließlich Leiharbeiter." Das Büro seines echten Arbeitgebers hat er nur einmal gesehen, am Tag der Vertragsunterschrift, danach fing er beim Getränkehersteller an. Er kann jeden Tag nach Hause geschickt werden, sein Vertrag bei der Leiharbeitsfirma liefe dann noch zwei Wochen. "Das ist einem Kollegen drei Tage vor Weihnachten passiert, zwei Wochen später war er arbeitslos. Bis heute. Der ist 47." Es gebe Hunderte von offenen Stellen für Anlagenführer, fast alle bei Leiharbeitsfirmen, und nur eine Handvoll bei den Unternehmen selbst.

Der Junge auf dem Foto

Mirkos Mutter ist Friseurin und bekommt jetzt "endlich" Mindestlohn, sein Bruder ist "arbeitssuchend", der andere bei der Post, seine Großeltern, Handwerker, glauben bis heute leidenschaftlich an den Sozialismus. Wir schimpfen beide über den Mangel an Kinderkrippen in Berlin, über die nicht immer vorbildliche medizinische Versorgung, gerade für Kinder. "Wir mussten einen Monat auf einen Termin warten, um von einem Frauenarzt unsere Schwangerschaft bestätigt zu bekommen", erinnert er sich.

In meiner Welt, die dieser hier aufs Haar gleicht und wohl doch in einer anderen Dimension liegt, würde jemand wie Mirko SPD wählen. In seiner Welt aber, der mit den zwei Monden, ist es die Tierschutzpartei. Wir sind uns einig, dass es den Parteien immer schwerer fällt, ihre wichtigste Aufgabe zu erfüllen: die politischen Ansichten großer Bevölkerungsgruppen zu bündeln. Heute sind wir alle unsere eigene Partei, mit klaren Vorstellungen, die zu keinem einzelnen Wahlprogramm passen. Man kann für die Homo-Ehe sein, aber gegen Flüchtlinge.

Bevor wir gehen, tritt ein Mann an unseren Tisch, es ist der Wirt. "Ich habe euch die ganze Zeit heimlich zugehört, das ist das beste politische Gespräch, das ich seit Langem gehört habe. Darf ich euch einladen?" Wir verabschieden uns, bald beginnt Mirkos Spätschicht, und ich muss nach Hause, um diesen Text zu schreiben. Wir wollen uns wiedersehen, bei einem ZEIT-ONLINE-Festival im September.

Später, beim Schreiben, suche ich noch einmal im Netz Mirkos vollen Namen und stoße wieder auf die Neonazi-Listen in Sachsen-Anhalt. Ein alter Eintrag hat ein Bild, der Junge auf dem Foto trägt die Mütze tief im Gesicht, er hat noch keinen Bart, aber ich erkenne das strahlende Lächeln und die Augen. Es ist Mirko.

Ich rufe ihn an, er muss gleich zur Nachtschicht. "Ja, das bin ich, mit 15." Seine Sätze klingen, als habe er sie hundertmal gesagt: "Das war ein dunkles Kapitel, und ich würde gerne einen Haken daran machen. Ich habe mich längst davon entfernt. Bin wirklich ich das auf dem Bild? Ja und nein." Er wolle die Einträge bei Google löschen lassen. Auf diesen Listen seien "ganz viele junge Menschen von damals", die heute mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen hätten und nun darunter litten. Ich gehe nach draußen und suche den Mond am Nachthimmel. Da ist nur einer. Mirko gibt es hier nicht.