Während Sie diese Zeilen lesen, treffen sich mehr als 600 einander völlig unbekannte Paare zum hoffentlich gepflegten politischen Streit – in einem Kaffee in Berlin-Kreuzberg, an der Frauenkirche in Dresden, in einem Biergarten in Schwäbisch Hall. Flüchtlingsgegner- und -helfer, Atomkraftgegner und -freunde, Europabegeisterte und Menschen, die sich die D-Mark zurückwünschen. Sie alle sind einander unbekannt und sehr unterschiedlich in ihren Weltanschauungen. Zusammengebracht hat sie ZEIT ONLINE mithilfe eines Algorithmus, den wir intern Politik-Tinder nennen. Doch von vorne.

Am Anfang unseres Projekts stand diese Frage: Wenn es stimmt, dass ganze Teile der Gesellschaft verlernt haben, miteinander zu reden, wie bringen wir sie dann wieder in den Dialog? Am besten in ein Zwiegespräch? Ist doch der intensive Austausch mit jemandem, der nicht unserer Meinung ist, nach aktuellem Forschungsstand eine der wenigen Möglichkeiten, die Dinge noch einmal ganz neu zu sehen, durch die Augen eines anderen. Die Filterblase ist nämlich in unserem Kopf: Fakten, die unseren eigenen Überzeugungen widersprechen, tun wir sonst gerne als falsch ab oder ignorieren sie einfach.

"Dürfen wir Ihnen jemand vorstellen?", fragten wir deshalb Anfang Mai auf unserer Homepage. Unseren Lesern stellten wir fünf möglichst trennscharfe Ja-Nein-Fragen (etwa: "Hat Deutschland zu viele Flüchtlinge aufgenommen?", "Geht der Westen fair mit Russland um?"). Anschließend baten wir sie um ein paar Angaben zu ihrer Person: Postleitzahl, Mobilfunknummer, E-Mail-Adresse. Das Versprechen, das wir damals abgaben, hat uns in den vergangenen Wochen einige Sorgen bereitet. Es lautete: Wir finden für möglichst viele einen Partner, der völlig anderer Meinung ist, und fordern das gefundene Paar dazu auf, zu debattieren.

Schon Stunden später verzeichneten wir 2.000 Anmeldungen. Als wir das Formular nach vier Wochen offline nahmen, waren es 12.000. Dann begann die Auswahl, mit der wir uns viel Mühe gaben. Denn wir hatten eine Sorge: Tausende einander völlig unbekannte, sehr gegensätzlich eingestellte Menschen, die sich unbeobachtet irgendwo treffen? Das kann richtig schiefgehen. 

So sortierten wir zunächst all jene aus, deren Mobilfunknummer nicht in Deutschland oder nicht erreichbar war – rund 1.700 Teilnehmer. Weitere 4.500 reagierten nicht auf die SMS, die wir ihnen schickten. Mobile Erreichbarkeit aber war für uns eine notwendige Bedingung. Wir wollten sicherstellen, dass die Anmeldungen von echten Menschen kamen. So blieben 5.500 Teilnehmer übrig, die wir einander vorstellen konnten.

Deutschland spricht

Über 12.000 Leserinnen und Leser von Zeit Online haben an unserer Aktion “Deutschland spricht” teilgenommen. Rund 5.500 von ihnen haben wir zu Gesprächspaaren zusammengeführt. Jeder Teilnehmer hat dazu im Vorfeld mehrere Fragen mit “Ja” oder “Nein” beantwortet. Die Farbe der einzelnen Cluster zeigt die jeweilige Tendenz des Abstimmungsverhaltens in dieser Region.

Geht der Westen fair mit Russland um?

Hat Deutschland zu viele Flüchtlinge aufgenommen?

Soll Deutschland zur D-Mark zurückkehren?

Sollen homosexuelle Paare heiraten dürfen?

War der Ausstieg aus der Atomenergie richtig?

Die Auswahl der Paarungen sollte zwei Bedingungen berücksichtigen: Die beiden sollten möglichst unterschiedlicher Meinung sein. Und sie sollten weniger als 20 Kilometer voneinander entfernt wohnen. Wo die Nutzer wohnten, wussten wir zumindest ungefähr, dank der angegebenen Postleitzahl. (Nach der exakten Adresse hatten wir mit Absicht nicht gefragt.) Für jedes mögliche Paar prüften wir, wie viele der fünf Fragen die beiden Partner unterschiedlich beantwortet hatten. Es ergab sich eine Abstandstabelle, mit Werten von null bis fünf: Null bedeutete völlige Übereinstimmung. Fünf versprach hitzige Diskussionen.

Auf unseren Rechnern entstand eine Art Spinnennetz: Alle Paare von Menschen, die näher als 20 Kilometer voneinander wohnen, wurden mit einem virtuellen Faden verbunden. Zusätzlich wurde für jeden Faden gespeichert, wie viele Fragen das damit verbundene Paar unterschiedlich beantwortet hatte. Am Ende bestand das Netzwerk aus mehr als einer halben Million Verbindungen.

Aus dem Gewirr mussten wir möglichst viele Fäden auswählen, pro Teilnehmer aber höchstens einen Faden – und zwar so, dass die Partner möglichst unterschiedlicher Meinung sind. Das ist ein Klassiker unter den mathematischen Problemen, das "Finden eines größtmöglichen gewichteten Matchings in allgemeinen Graphen". Mitte der 1960er Jahre hat der amerikanische Mathematiker Jack Edmonds dafür einen schnellen Algorithmus entdeckt. Den bauten wir in unsere Software und ließen den Computer damit rechnen – immerhin eine halbe Stunde lang.