Hat Deutschland zu viele Flüchtlinge aufgenommen? Diese und vier weitere Ja-Nein-Fragen (etwa: "Geht der Westen fair mit Russland um?") haben wir den Lesern von ZEIT ONLINE vier Wochen lang gestellt – und sie anschließend eingeladen, sich mit jemandem in ihrer Region zu treffen, der ganz anders geantwortet hat als sie selbst. Mehr als 12.000 Leserinnen und Leser haben sich für die Aktion "Deutschland spricht" registriert, etwa 600 Paare haben sich an diesem Sonntag getroffen (wie wir das gemacht haben, lesen Sie hier). Am Anfang von "Deutschland spricht" stand die Idee, Menschen mit unterschiedlichen politischen Ansichten wieder ins Gespräch zu bringen. Ist uns das gelungen? Seit dem Nachmittag sind in der Redaktion mehr als 100 Mails von Teilnehmerinnen und Teilnehmern eingegangen. Hier dokumentieren wir einige der ersten Reaktionen.

Da waren zum Beispiel Thomas und Herr B., die sich in Lünen trafen. Offensichtlich eine gute Situation:

Herr B. stand dann auch pünktlich kurz vor 15 Uhr, völlig unnötig mit einer Flasche Wein bewaffnet, vor unserem Haus und wir konnten uns dann bei dem herrlichen Wetter für unsere Diskussion in den Garten setzen, wo wir gleich unsere gemeinsame Liebe für Streuselkuchen feststellen konnten.

Eine Diskussion über den Atomausstieg und die Flüchtlingsfrage entspann sich, und dann kam das Thema Russland:

… haben mich die Kenntnisse meines Gegenübers zu Land und Geschichte beeindruckt und der Umstand, dass quasi familiäre Bindungen dorthin bestehen. Auf einem derartigen Hintergrund, der weit über das hinausgeht, was ich als normaler Konsument der hier verfügbaren Medien mitbekommen habe, sind andere Einschätzungen nachvollziehbar.

"So weit lagen wir gar nicht auseinander" – das ist eine der häufigsten Reaktionen, die wir bekommen haben. Manchmal lag das daran, dass die Partner sich in nur ein oder zwei Fragen unterschieden. Oft aber schien auch das Gespräch selbst zu ergeben, dass die Unterschiede kleiner sind als vorher vermutet.

So etwa bei Anna Veronika und Marko:

Anna Veronika und Marko © privat

Wir haben uns bei herrlichem Sommerwetter im Leipziger Auwald getroffen. Wir sind beide Wissenschaftler und beide Familienmenschen. Wir merkten, dass wir viele Einschätzungen teilen, wenn wir die sehr allgemein gefassten kontroversen Fragen in differenzierte Unterfragen zerlegten und sie dann diskutierten.

Ähnlich Joris und sein Gesprächspartner:

So konnte man auf die Frage "Nimmt Deutschland zu viele Flüchtlinge auf?" mit Nein antworten und meinen, dass es keine Obergrenze geben sollte, oder mit Ja, wenn man meint, dass es zu viele Flüchtlinge gäbe, weil nicht genug getan wird, um die Fluchtursachen vernünftig anzugehen. Trotzdem können dann beide Seiten genau den gleichen Ansatz verfolgen, möglichst alle Flüchtlinge aufzunehmen und gleichzeitig effizient und konsequent gegen die Ursachen vorzugehen.

Geradezu begeistert zeigte sich Thorsten von seinem Treffen mit Michael in Dresden, der Stadt, die in den vergangenen Jahren die härtesten Kontroversen erlebt hat:

Was haben wir beide an diesem Abend gelernt? Die Kunst für das Gelingen solcher Vorhaben liegt im Perspektivwechsel. Zu verstehen, wie der andere die Dinge bewertet, ohne diese gleich niederzumachen, das sollten wir uns auf die Fahne schreiben und uns als großartigen zivilisatorischen Fortschritt erhalten und weiterentwickeln.

Thorsten und Michael © privat

Es sollte einem auch bewusst sein, es gibt nicht die eine Wahrheit, nicht die eine Überzeugung. Das Leben ist nicht binär, es kennt kein null und eins, kein schwarz und weiß. Es gibt eben viele Grautöne und viele "Es kommt darauf an". Das Leben ist trotz Digitalisierung zum Glück eben immer noch analog.

Am Ende stellten wir beide fest: Es gibt gar nicht so viel Trennendes zwischen uns, man muss eben nur einmal miteinander reden.

Julian und Bernd trafen sich im Hamburger Stadtpark zu "Bier und Zoff". Letzterer fiel dann aber aus:

Worüber wollten wir uns streiten? Flüchtlinge und ein unfair behandeltes Russland. Was haben wir gelernt? Leben und leben lassen hilft. Zuhören, zuwenden, nachfragen und Zeit haben hilft. Wir haben uns viereinhalb Stunden genommen. Sich Aug in Aug gegenüberzusitzen, verbessert die Chancen auf eine vernünftige Diskussionskultur enorm. Eher trolliges Verhalten konnten wir beiden aber aus den vorbereitenden Mails schon in Tendenz ausschließen. Außerdem Respekt und Bier, haha.

Julian und Bernd © privat

Wie haben wir es gemacht? Wir klären Begrifflichkeiten, analysieren unsere Aussagen und stellen so fest, dass der Dissens nicht gar so groß ist. Wir gestehen uns gegenseitig ein, wo wir die Faktenbasis verlassen mussten und nur noch einem Gefühl trauen. Die radikale These löst sich bei näherem Hinsehen auf, oder kann von uns in Aussagen zerlegt werden, die akzeptabel werden.

Was hat gefehlt? Der Zoff. Was ist der Effekt? Die Welt weist einen "Nazi" und einen "Gutmenschen" weniger auf. Das ist doch was.

Auch Ute und Johannes konnte das Russland-Thema nicht von einer guten Debatte abhalten:

Johannes und Ute © privat

Wir trafen uns halb drei und sprachen zwei Stunden angeregt über alle politischen Themen, die uns in den Sinn kamen. Innerhalb der Ja-Nein-Frage zur Russland-Politik trafen wir uns in der Mitte mit der Tendenz im Detail zu unterschiedlichen Standpunkten.
Fazit: Wir fanden das Projekt mutig und spannend und waren froh, dass das Treffen geklappt hat. Eine echte Bereicherung im Alltag – wir haben unser Bürgergefühl entdeckt!

Iris traf sich mit Annette in einem Eiscafé in Rastatt. "Es war amüsant", schreibt sie.  

Je länger wir uns unterhielten, desto weniger unterschiedliche Ansichten kamen zum Vorschein. Das ist eine Erfahrung, die ich schon öfters gemacht hatte. Zuerst müssen wir uns abgrenzen und denken, wir wären so verschieden voneinander. Wenn man sich aber zusammensetzt und die Themen beleuchtet, auch genau zuhört, was die andere sagt, dann merkt man, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind.

Deutschland spricht - "Über dieses Gespräch werde ich weiter nachdenken" Waltraud und Jan waren Fremde, bevor sie sich in einem Biergarten trafen, um über Flüchtlinge und die Ehe für alle zu diskutieren. Eine Begegnung von "Deutschland spricht" © Foto: Jan Lüthje