Am 9. November 2014 schrieb mir Andreas Mühe, der Fotograf, eine SMS, in der stand, dieses Foto habe ich auch für Dich gemacht, und ich wusste nicht, was er mir damit sagen wollte. Es war ein Sonntagmorgen, der 25. Jahrestag des Mauerfalls. Am Abend würde ich mit Tausenden anderen Berlinern an der ehemaligen Mauer entlanglaufen, also genau dort, wo man fast 7.000 Lichtballons aufgebaut hatte, sodass man nun wahrscheinlich auch vom All aus sehen konnte, wie geteilt diese Stadt, dieses Land einmal gewesen ist. So lange war das ja noch nicht her. Ich solle zum Briefkasten laufen, schrieb Andreas noch, dann würde ich schon sehen.

Ich lief also tatsächlich runter zum Briefkasten, schlug die Sonderausgabe der Bild-Zeitung auf und sah Andreas' Bild. Ein irres Foto, ein ziemlich geniales Foto, ein fast größenwahnsinniges Bild, wie ja viele Bilder von Andreas Mühe leicht größenwahnsinnig sind.

In den Morgenstunden hatte er das Brandenburger Tor ausgeleuchtet und neben den Schattenwurf einer der Säulen den alten und damals bereits sehr kranken Helmut Kohl gesetzt. So, dass auch Kohl selbst einen langen Schatten auf den Asphalt warf. Eine beachtliche Leistung.

Allein, beim Anblick des Bildes fühlte ich nichts. Stattdessen fragte ich mich, was hatte ich mit diesem Bild zu tun? Oder anders gesagt, ich fragte mich, was hatte dieses Bild mit mir zu tun?

Wahrscheinlich aber, das denke ich nun, wo Helmut Kohl gestorben ist und sich viele an ihn zu erinnern versuchen, beschrieb diese Leere in mir am präzisesten mein Gefühl zu diesem Mann. Jenem Mann, der so lange Kanzler meines Landes war wie niemand anderes. Jenem Mann, der die deutsche Einheit, die ja auch meine Einheit war, als Politiker so geprägt hatte wie kein anderer. Und auch jenem Mann, der Europa, für das ich hoffe und bete, so früh und so fest ins Auge gefasst hatte wie niemand sonst. Eigentlich müsste es doch für mich nichts Leichteres geben, als mein Leben an seinem Leben zumindest in großen Teilen entlang zu erzählen. Irgendetwas aber hält mich zurück.

Albtraumjahre Nachwendezeit

Und ich glaube, diese Scheu, die gar nicht unbedingt nur Abwehr ist, rührt daher, dass Helmut Kohl mich an eine Zeit erinnert, an die ich nicht gern erinnert werde, an die ich mich, je älter ich werde, immer weniger erinnern möchte. Ich rede von den frühen neunziger Jahren, ich spreche von den Nachwendejahren, der Nachwendezeit. Im Nachhinein kommen sie mir manchmal wie Albtraumjahre vor.

Bei uns im Osten blieb bekanntlich kein Stein auf dem anderen; nichts, was gestern noch war, galt auch am nächsten Tag noch; niemandem und nichts war mehr wirklich zu trauen; alles löste sich auf und baute sich ab und definierte sich um und wollte unbedingt neu sein. Und Helmut Kohl war in jenen Jahren eine Art Übervater, Gott gleich, der auf uns blickte, über uns wachte, weil er es doch war, der uns sicher nur aus den besten Gründen versprochen hatte, dass alles gut ausgehen würde. Habe ich je danach wieder einem Politiker so vertraut wie ihm?

Und vieles ist auch gut ausgegangen, ich habe da gar keine offenen Rechnungen, aber ich habe in jenen Jahren so viele Menschen gesehen, die ihren Glauben verloren und bis heute nicht wiedergefunden haben. Manche dieser Leute nennen sich heute Pegida oder sie wählen die AfD. Kohl ist das nicht vorzuwerfen, er hat daran nicht Schuld, aber sie erinnern mich an ihn und Helmut Kohl erinnert mich an sie. Wie zwei Seiten einer Medaille. Das ist nun mal so, und das wird wohl auch immer so bleiben.

Wahrscheinlich war es das, was Andreas Mühe mir mit seinem Bild sagen wollte. Er wollte, dass ich mich noch einmal erinnerte, obwohl ich mich nicht erinnern wollte. Dass ich mich daran erinnerte, wie sehr wir einst an diesem Mann gehangen hatten, wie sehr dieser Mann zu uns gehörte. Und wir zu ihm. Dass er nun aber alt und gebrechlich geworden war und im Rollstuhl sitzend auf sein Leben zurückschaute, wie auch wir eines Tages auf unser Leben würden zurückschauen müssen. Bis dahin aber haben wir noch Zeit und wenn Helmut Kohl uns wohl eines raten würde, dann das: Großes zumindest zu versuchen.

Von Jana Hensel

Altbundeskanzler - Die Welt trauert um Helmut Kohl Der Tod von Altbundeskanzler Helmut Kohl hat weltweit Trauer ausgelöst. Beileidsbekundungen kamen etwa vom früheren Solidarność-Führer Lech Wałęsa und dem Papst. © Foto: Keystone/Hulton Archive/Getty Images