Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen. 

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Jeden Tag wacht Karl-Heinz Bornschein in seinem kleinen Haus in Gera mit einer Frage auf, und jeden Abend schläft er mit ihr ein. Die Frage füllt mehrere Ordner in einem Schrank und noch mehr in seinem Computer. Sie hat ihn in zwölf Jahren durch alle Instanzen geführt, die das Sozialrecht in Deutschland vorsieht, über Altenburg, Erfurt und Kassel bis nach Karlsruhe.

Die Frage stellt sich auch an diesem Vormittag in seinem Wohnzimmer, in das die Sonne scheint. Bornschein,  mit Glatze und Schnauzer, trägt eine getönte Brille, dazu ein gestreiftes Kurzärmelhemd; die Schuhe stecken in Filzpantoffeln. Er kann sehr laut lachen und fluchen und dabei sein Gesicht ordentlich zerknautschen. Sein Lieblingsschimpfwort ist "Heinis", wobei er es ortstypisch zu einem weichen "Haaaiiniiis" lang zieht.

Hier in Heinrichsgrün, einem adretten Reihenhausviertel zwischen dem Zentrum von Gera und dem hübsch bewaldeten Hainberg, könnte Bornschein ein gutes Leben führen. Das Haus ist abbezahlt und die Gartenparzelle klein genug, um nicht allzu viel Arbeit zu machen. Die drei Kinder sind aus dem Haus, und das Geld, das insbesondere seine Frau verdient, reicht für den Urlaub mit dem Enkel im Erzgebirge.

Bornscheins Gerechtigkeit

Doch da ist eben immer diese eine Frage. Sie lautet: Was wäre, wenn die Electronicon GmbH Gera nicht am 27. Juni 1990 ins Handelsregister eingetragen worden wäre, sondern drei Tage später? Die Antwort weiß Bornschein längst. "Dann hätte ich Gerechtigkeit."

Natürlich hat die Gerechtigkeit, die Bornscheid meint, mit Geld zu tun. Es geht um 200 Euro im Monat, vielleicht auch etwas mehr. Die Summe mag aus Sicht eines pensionierten Oberstudienrats in Hamburg unerheblich sein. Doch aus der Perspektive eines vormaligen DDR-Ingenieurs, den die Wende in Arbeitslosigkeit schleuderte, bedeutet sie die finanzielle Anerkennung dafür, dass auch er etwas mit seinem Leben angefangen hat.

Es war 2003 und Bornschein sollte bald seinen 60. Geburtstag feiern, als er sich das erste Mal an die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte wandte. Dort teilte man ihm mit, dass ihm eine Rente von etwa 680 Euro zustehe, plus bis zu 366 Euro Intelligenzrente. Insgesamt also etwa 1.000 Euro, was Bornschein in Anbetracht der historischen Umstände einigermaßen in Ordnung fand.

Rente für die Intelligenz

Das mit der Intelligenzrente, also einer Zusatzrente, hatte sich die DDR ausgedacht. So wollte man damals nicht sonderlich gut bezahlte Wissenschaftler, Ingenieure und Techniker stärker an sich binden. Doch längst nicht alle besaßen einen Anspruch. Die Rente wurde wie eine Parteiprämie verteilt, nach Leistung, aber eben auch nach der sogenannten politischen Zuverlässigkeit. Als dann nach 1990 nur jene die Intelligenzrente erhielten, die eine amtliche Versorgungszusage vorweisen konnten, wogte die Klagewelle bis zum Bundessozialgericht, das schließlich 1998 allgemeingültige Kriterien festlegte.

Erstens: Der Rentner hat in einem staatlichen Produktionsbetrieb gearbeitet. Zweitens: Er besitzt einen Ingenieursabschluss. Zum Dritten: Voraussetzungen eins und zwei müssen bis zum 30. Juni 1990 erfüllt gewesen sein, also bis zum Tag vor der Währungsunion. Und genau hier, an der Frage des Stichtags, scheitert Karl-Heinz Bornschein bis heute vor jedem Gericht. Denn bevor die Bundesversicherungsanstalt ihm Rente zahlte, schaute sie noch einmal im Handelsregister nach. Dabei stellte sie fest, dass der VEB Elektronik Gera am 27. Juni 1990 zu Gunsten der Electronicon GmbH aus dem Handelsregister verschwunden war. Sein Betrieb war drei Tage zu früh gelöscht worden.

"Drei Tage!" ruft Bornschein am Wohnzimmertisch und knautscht sein Gesicht theatralisch zusammen. Drei Tage, in denen er im wahren Leben noch im VEB arbeitete, aus dem er erst Wochen später ausschied. Drei Tage, die ihm über die Jahre mindestens 20.000 Euro an Rente gekostet haben und viele Stunden Lebenszeit. Drei Tage, die ihn mit seinen 71 Jahren zu der Auffassung bringen, dass der Rechtsstaat eine ziemlich ungerechte Angelegenheit sein kann.

Speicher-Spezialist

Nun würde Karl-Heinz Bornschein niemals behaupten, dass alles in seinem Leben schief lief, trotz DDR, Arbeitslosigkeit und Rentenärger. Als er vor 71 Jahren in Gera zur Welt kam, war der Krieg vorbei. Die Eltern führten einen kleinen Tabakhandel und schafften es, sich trotzdem im Realsozialismus einigermaßen einzurichten. Die Familie gehörte "nicht zu den dunkelroten Genossen", wie Bornschein sagt, aber sie arrangierte sich.

Bei der GST, der Gesellschaft für Sport und Technik, in der Heranwachsende für die Volksarmee euphorisiert werden sollten, lernte der junge Karl-Heinz das Funken. Von da an war klar, dass er nach dem Abitur irgendetwas Technisches studieren wollte. Er bekam einen Platz für Elektrotechnik an der Hochschule in Ilmenau zugeteilt, wo er sein Ingenieurdiplom erwarb. Zwischendrin, sagt er, sei er von der Staatssicherheit angeworben worden. Aber er habe Nein gesagt.

In Ilmenau wurde der Computer MC80 entwickelt, der von 1982 an in Gera in Produktion ging. Ein klobiger Kasten mit integriertem Monochrom-Bildschirm, der in der Industrie eingesetzt wurde. Bornschein war da längst in seine Heimat zurückgekehrt und arbeitete im VEB Elektronik. Er hatte sich auf Ferritkerne spezialisiert, die damals als interne Speicher dienten, und arbeitete im Kundendienst.

Abgewickelt

"Gera", sagt er, "war damals noch etwas wert". Bornschein war es auch. Er wurde im Auslandsgeschäft eingesetzt, flog nach Budapest oder Moskau. Nur in die Länder, die zum sogenannten nichtsozialistischen Währungsgebiet gehörten, also in den Westen, durfte er nicht reisen.

Mit dem Ende der DDR endete auch das Berufsleben von Karl-Heinz Bornschein. Die Deindustrialisierung von Gera begann. Nachdem die Stadt, in deren Nähe Uranvorkommen lagern, in vier Jahrzehnten zur sogenannten sozialistischen Arbeitsstadt aufgepumpt worden war, entwich aus ihr nun binnen weniger Jahre die von Schloten verdreckte Luft.

Die Wismut AG, in der die Umwelt und die Gesundheit Abertausender Mitarbeiter ausgebeutet worden war, wurde eilig abgewickelt. Auch das Werkmaschinenkombinat und die Textilfabrik gingen ein. Von 30.000 Industriearbeitsplätzen blieben nur 3.000 übrig.

Der Volkseigene Betrieb Elektronik, in dem Bornschein und 5.000 andere Menschen angestellt waren, verwandelte sich in ein neues, deutlich kleineres Unternehmen. Nur wenige Mitarbeiter bekamen ein neues Angebot von der Nachfolgefirma Electronicon. Die meisten, auch viele der 500 Ingenieure, verloren ihre Stelle.