Ausgerechnet im Jahr des Reformationsgedenkens, das mehr zusammenführen als spalten sollte, stehen die christlichen Kirchen in Deutschland in einer wichtigen ethischen Frage wie auf zwei Kontinentalplatten, die auseinanderdriften. Während die Orthodoxie sich angesichts des Siegeszugs der gleichgeschlechtlichen Ehe in Nord- und Westeuropa sowie Amerika moralisch über den "dekadenten Westen" erhebt und die römisch-katholische Weltkirche zumindest doktrinär an ihrer Seite weiß, ist ein Großteil der Evangelischen dem Staat sogar vorausgeeilt: Mehrere Landeskirchen gaben sich mit "Segnungen" homosexueller Paare nicht zufrieden und lassen auch zwei Männer oder zwei Frauen vor Gott den Ehebund schließen.

Die katholische Bischofskonferenz hält geschlossen an der Ehe als "Lebens- und Liebesgemeinschaft von Frau und Mann" fest und verkündete durch ihren Vorsitzenden, Kardinal Reinhard Marx, es zu "bedauern, wenn dieser Ehebegriff aufgelöst werden soll und damit die christliche Auffassung von Ehe und das staatliche Konzept weiter auseinandergehen". Der Dissens ist klar markiert, aber Empörung klingt anders. Wer nach dramatischen bischöflichen Appellen an die Abgeordneten suchte, musste schon bis in den tiefen Südosten des katholischen Deutschlands gehen.

Unter deutschen Katholiken lag die Zustimmung zur Ehe für gleichgeschlechtliche Paare laut dem "Religionsmonitor" der Bertelsmann-Stiftung schon 2013 bei 70 Prozent, 8 Prozent hinter jener der Protestanten (Konfessionslose: 87, Muslime: 48 Prozent). Bei der letzten von den Bischöfen beauftragten Umfrage unter Katholiken, dem MDG-Trendmonitor Religiöse Kommunikation 2010, erklärte sich nur jeder Sechste "weitgehend einverstanden" mit dem "Umgang mit Homosexuellen in der Kirche", mehr als zwei Drittel zeigten sich "(eher) unzufrieden". Katholische Nationen wie Spanien, Irland und Frankreich haben die Ehe für Homosexuelle geöffnet. Auch der deutsche Katholizismus, den Johannes Gross 1992 die "protestantischste" Provinz der Weltkirche nannte, ist in dieser Frage nicht mehr das Bollwerk gegen den von Gender-Apokalyptikern beschworenen Untergang des Abendlandes.

Anthropologisch gesehen keineswegs erwartbar

Ein hoch angesehener deutscher Kardinal und Theologieprofessor, der Mainzer Alt-Bischof Karl Lehmann, schrieb vor der vatikanischen Familiensynode in seiner Bistumszeitung, die Kirche müsse sich "der Thematik der Homosexualität im Ganzen neu stellen". Das klingt nicht nur nach einem neuen Anstrich oder kleineren Renovierungen, sondern nach einer Überprüfung der Fundamente. Geschehen ist dies in der Synode nicht. Allerdings distanzierte sich die deutschsprachige Gruppe im Zwischenbericht von "harten und unbarmherzigen Haltungen, die Leid über Menschen gebracht haben, insbesondere über ledige Mütter und außerehelich geborene Kinder, über Menschen in vorehelichen und nichtehelichen Lebensgemeinschaften, über homosexuell orientierte Menschen und über Geschiedene und Wiederverheiratete. Als Bischöfe unserer Kirche bitten wir diese Menschen um Verzeihung", hieß es da.

Dass nur vergangenes Unrecht bedauert wurde, führt wieder zu den Kontinentalplatten zurück, insbesondere der afrikanischen. Eine globale Kirche wie die römisch-katholische ist nicht nur dem Heiligen Geist verpflichtet, sondern unterliegt kulturellen Ungleichzeitigkeiten. Dies begünstigt eine konservative Grundhaltung und erschwert lehrmäßige Reformen, weil es im Zweifel weniger riskant ist, "progressiven" Kirchenprovinzen weiterhin einen Status quo mit Plausibilitätsverlusten zuzumuten, als traditioneller geprägten eine modifizierten Lehre.

Mit der Reformation begann das Individuum, sich vom Kollektiv zu emanzipieren. Der Verfassungsrechtler Udo di Fabio nennt die Freiheit, über das religiöse Bekenntnis selbst zu entscheiden und selbst zu urteilen, "die große tektonische Verschiebung des christlichen Abendlandes"; der Religionsfreiheit komme die Rolle einer "Mutter der Grundrechte" zu. Dass 500 Jahre nach Luthers Thesen in seiner Heimat auch homosexuell Liebende den vollen Grundrechtschutz aus Artikel 6 für ihren Lebensbund bekommen, hat eine paradoxe religiöse Tiefendimension: Es lässt sich zugleich als Ausdruck der Abkehr Europas vom christlichen Ordo und als Frucht christlich inspirierter Empathie verstehen. Dass die übergroße Mehrheit der Heterosexuellen bereit ist, von der exklusiven Anerkennung und dem Schutz bloß des Eigenen loszulassen zugunsten einer doch oft noch irritierend anders empfindenden Minderheit, die zudem einen der klassischen drei Ehezwecke nicht aus sich heraus erfüllen kann, ist anthropologisch gesehen keineswegs erwartbar.

An der Seite der AfD

Die deutsche katholische Kirche steht nach ihrer herben Niederlage in dieser Frage politisch ausgerechnet an der Seite jener Rechtspartei AfD, vor der sie jüngst eindringlich warnte und die ideologisch einen Kult des "Eigenen" pflegt. Dies könnte zu denken geben. Dass die Hüter des Glaubens schon gegen die rechtliche Anerkennung von Lebenspartnerschaften opponierten, hat ihre Autorität in der Debatte um die Ehe geschwächt. Das Diskriminierungsverbot des Katechismus wird in der öffentlichen Wahrnehmung schwerlich in Einklang gebracht mit der kirchlichen Positionierung in praktischen Fragen.

Papst Franziskus empfing die Kanzlerin kurz vor ihrer Kehrtwende zugunsten einer Gewissensentscheidung. Er hatte seine Konservativen 2013 mit der Frage aufgeschreckt: "Wenn jemand homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?" Gewiss besteht für den Pontifex eine Ehe nur aus Mann und Frau. Doch könnte die Protestantin Angela Merkel durch ihr inzwischen wieder sehr gutes Verhältnis zur katholischen Kirche dank anderer, wesentlicher Gemeinsamkeiten ermutigt worden sein, den begrenzten Konflikt zu riskieren und sich zu fragen: "Wer bin ich, dass ich mich einem Votum von 80 Prozent der Bevölkerung, 60 Prozent meiner Wähler, 100 Prozent meiner künftig möglichen Koalitionspartner und meiner Kirche in den Weg stelle?" So gesehen war ihre Entscheidung nicht überraschend. Ein Wandel nicht der Doktrin, sondern des "Klimas" auch in der katholischen Konfession hat sie mit vorbereitet.