Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen. 

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Die Tauberts, zwei Schlagersänger aus Sachsen, haben eine eigene Kapelle gebaut. Darin gibt es weder Kreuze noch Altar. Es ist eine Geschäftsidee für Brautpaare im atheistischen Ostdeutschland. Vivienne und Tino Taubert haben nie an einen Gott geglaubt. Der stärkste Glaube, der sie trägt, ist der an einen großen Traum. Sie haben schon viel in ihrem Leben angepackt, aber noch nie so eine wahnwitzige Idee. Seit sieben Jahren planen und verhandeln sie, oft sah es aus, als müssten sie aufgeben. Viele haben die Tauberts Spinner genannt und über sie gelacht. Sie haben trotzdem weitergemacht.

Nun ist es fast geschafft: Ihr Traum steht, mitten auf ihrem Grundstück in Callenberg, einer ländlichen Gemeinde am Rand des Erzgebirges. Ein Bau wie aus einer anderen Zeit, mit schlanken Fenstern, alten Säulen, Kreuzgewölbe und einem neun Meter hohen Türmchen auf dem Dach. Das Paar hat eine optische Täuschung gebaut. Eine Kirche, die aussieht, als stünde sie schon seit Jahrhunderten, aber auf keinen Fall eine Kirche sein soll. Für Menschen, die keiner Religion angehören, sich bei manchen Gelegenheiten aber trotzdem nach der Aura alter Gotteshäuser sehnen – zum Beispiel, wenn sie heiraten.

Die Tauberts nennen ihr Bauwerk nicht Kirche, nur manchmal rutscht ihnen das Wort versehentlich heraus. Sie sprechen lieber von einer Event-Location. Die Hochzeitskapelle Callenberg ist ein Angebot, maßgeschneidert für Ostdeutschland, denn hier leben die meisten Menschen ohne Konfession. Das Paar glaubt an einen Coup, an eine Geschäftslücke auf dem riesengroßen Hochzeitsmarkt. "Es gibt viele Menschen wie wir, die nie einen Bezug zur Religion hatten, aber trotzdem gern in Kirchen sind", sagt Tino Taubert. Die sich bald auch in einer das Jawort geben können, ohne Kreuz und Altar.

Der Bauherr watet euphorisch durch den Baustellenschlamm. Stolz schaut er auf den Rohbau, schon jetzt ist alles schöner, als er sich das auf dem Papier ausgemalt hat. Im Herbst soll alles fertig sein und die erste Hochzeit gefeiert werden. Die Kapelle ist keine Kopie irgendeines Originals. Alles made by Taubert, angelehnt an die Renaissance.

Im Kellergewölbe streichelt er den schroffen Putz. "Täuschend echt. Gerade war ein Handwerker da, der sagte: 'Ist ja toll, dass Sie eine alte Kirchenruine sanieren.' Ein besseres Kompliment kann man mir gar nicht machen. Alles nagelneu, aber das soll ja nach 16. Jahrhundert aussehen."

Die Glaubensferne ist geprägt durch die DDR

Man müsse unbedingt die Turmspitze bestaunen. Dort dreht sich eine geschmiedete Wetterfahne, ebenfalls antiquierter Look, aber Tino Taubert hat sie gerade erst persönlich designt. Seine Initialen stehen darauf und der Schriftzug "anno 1558" – eine Schummelei, aus jenem Jahr stammt der Bauernhof neben der Kirche. "Wenn ich die Wahrheit, also Baujahr 2017, draufgeschrieben hätte, wäre doch die ganze Romantik weg." Um nichts anderes geht es den Tauberts: Stimmung, Gefühle, eine große Illusion.

"Die gottlose Region Ostdeutschland", solche Schlagzeilen gibt es viele. Eine Studie der Universität Chicago, erschienen 2012, kam zu dem Ergebnis: Nirgendwo auf der Welt glauben so wenige Menschen an Gott wie in Ostdeutschland. 52 Prozent der dort Befragten gaben an, sie hätten keinen Bezug zu Religion. In Westdeutschland waren es nur gut 10 Prozent. Die Glaubensferne gehört zu den ostdeutschen Besonderheiten, geprägt durch die DDR, in der Religionen im Schatten des Staates standen. 

Es gibt auch im Osten einzelne Regionen mit seit jeher starkem Glaubensbezug. Und in manchen Zeiten, etwa während des Mauerfalls, war die Kirche wichtig. Grundsätzlich war und blieb der Osten aber eine Diaspora. Diese Entwicklung beschleunigt sich. Kirchengemeinden, protestantische ebenso wie katholische, verlieren immer mehr Mitglieder. Ähnliche Tendenzen gibt es längst auch in den westlichen Bundesländern.