Seit mehr als vier Jahren schreibt ZEIT ONLINE über den NSU-Prozess in München. Berichte und Analysen aus dem Gerichtssaal finden Sie hier in unserem NSU-Blog.

Der Mann in der roten Robe beginnt mit einer Durchsage in eigener Sache. "Es ist unzutreffend, wenn kolportiert wird, der NSU-Prozess habe seine Aufgabe nur teilweise erfüllt", sagt Bundesanwalt Herbert Diemer. Im Strafprozess gehe es um Straftaten, nicht um das Versagen des Staats, stellt er klar. Und im Prozess um die Morde und Anschläge des Nationalsozialistischen Untergrunds habe seine Behörde sich streng an die Strafprozessordnung gehalten.

So beginnt Diemer als Vertreter des Generalsbundesanwalts das Plädoyer im größten Verfahren gegen Rechtsterrorismus der bundesdeutschen Geschichte – nach vier Jahren und knapp drei Monaten Beweisaufnahme, nach 375 Sitzungstagen. Es hat ihn selbst ein bisschen überrascht: Als Richter Manfred Götzl ihm das Wort erteilt, muss Diemer erst einmal seine Notizen holen – die hatte er liegen gelassen. Im Saal bricht Gelächter aus. Auch die Hauptangeklagte Beate Zschäpe ist amüsiert.

Schlussvortrag soll 22 Stunden dauern

Danach wird es sehr ernst – und gleich zu Anfang konkret: "Die Anklage hat sich in objektiver und subjektiver Sicht in allen wesentlichen Punkten bestätigt", sagt der Bundesanwalt. Damit lässt er bereits einen Blick auf das Ende des Schlussvortrags zu, der nach Kalkulation der Ankläger rund 22 Stunden dauern soll – also wohl bis zur Sommerpause im August. Für Zschäpe dürften Diemer und seine Kollegen lebenslange Haft fordern. Sie ist in ihren Augen uneingeschränkt schuldig, ebenso die vier anderen Angeklagten vor dem Münchner Oberlandesgericht. Die 42-Jährige hört dabei stoisch zu, den Kopf auf die Hände gestützt.

Zschäpe hat sich den Erkenntnissen zufolge als Mittäterin an allen Taten schuldig gemacht, die dem NSU zugeordnet wurden: die Morde an acht Türken und einem Griechen sowie einer deutschen Polizistin zwischen 2000 und 2007, die zwei Bombenanschläge mit mehr als 20 Verletzten in Köln von 2001 und 2004 und 15 Raubüberfälle, mit denen die Gruppe ihr Leben im Untergrund finanzierte. Ausgewählt worden seien die Opfer allein wegen ihrer Herkunft, oder, im Fall der Polizistin Michèle Kiesewetter, wegen ihrer Rolle als Repräsentanten des Staats, stellt Diemer klar.

Sie seien willkürlich zu Opfern geworden. Alle anderen Behauptungen von "selbsternannten Experten" seien "Irrlichter" und "Fliegengesumme in den Ohren". Tatsächlich haben Verschwörungstheorien und Spekulationen den NSU-Prozess schon vor seiner Eröffnung begleitet. In diesen Tagen stellt die Bundesanwaltschaft einer Vielzahl rotierender Halbwahrheiten Fakten gegenüber.

Tarnkappe des NSU

Doch längst nicht alle davon sind unstrittig: "Die terroristische Zelle bestand ausschließlich aus den drei Personen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe", führt Diemers Kollegin, die Oberstaatsanwältin Anette Greger aus. Die Vertreter der NSU-Opfer kämpfen im Prozess seit Anbeginn gegen diese Deutung – lässt sie doch die Möglichkeit eines verzweigten Netzwerks von rechten Unterstützern außen vor. Derzeit laufen zwar noch neun Ermittlungsverfahren gegen mutmaßliche Helfer. "Ich rechne aber nicht damit, dass es zu einer Anklage kommt", sagt der Nebenklageanwalt Sebastian Scharmer gegenüber ZEIT ONLINE.

Ausgeführt wurden die Taten, daran gibt es bei keinem der Prozessbeteiligten Zweifel, von Zschäpes Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Zschäpe aber trug ihren Teil dazu bei – als "Tarnkappe" des NSU, wie Greger es nennt. Sie plauschte mit Nachbarn und hatte immer eine überzeugende Lüge parat, wenn sich jemand nach dem Leben der Dreier-WG erkundigte, die zunächst in Chemnitz und später in Zwickau lebte. Zudem zündete sie nach dem Suizid ihrer Mitbewohner die gemeinsame Wohnung an. Als Rückgrat der Mörder machte sie sich laut Bundesanwaltschaft somit der Mittäterschaft schuldig – und ist so zu bestrafen, als hätte sie selbst gemordet. An Stellen wie diesen macht sich Zschäpe eifrig Notizen.