ZEIT ONLINE: Von Ihnen wird der Satz zitiert: "Man ist sich in Hamburg doch recht einig, dass ein Elitetreffen von 20 Weltaufteilern kollektiv in die muffelnde Alster versenkt gehört."

Schorsch Kamerun: Tatsächlich empfinde ich diese Zusammenkunft einer selbst zusammengebauten Elite als autoritären Akt. Und bei aller Notwendigkeit von Kommunikation über nie dagewesene Massenvertreibungen oder ökologische Superausbeutungen wird auch hier wieder pur ökonomisch und im Interesse einiger weniger geschachert werden. Es ist leider schrecklich banal: Man kann nur gegen diese scheußliche Aufführung sein.

ZEIT ONLINE: Sie engagieren sich im Kampf gegen diesen G20-Gipfel: Sie spielen mit Ihrer Band Die Goldenen Zitronen bei dem Auftakt-Widerstandskonzert mit dem freundlichen Titel Welcome to Hell.

Kamerun: Mir scheint das logisch, laut zu protestieren. Gerade als eine Band, die nach Formen sucht, die mit kollektivem Ausdruck zu tun haben. Wie ganz viele andere in unserer Umgebung, also auf St. Pauli, im Schanzen- und Karolinenviertel, welche für gelebte Vielfalt stehen, empfinden wir auch die Wahl des Ortes des G20-Szenarios als dumpf arrogant und somit einfach als Provokation. Eine progressive Szene kann da nicht stillhalten.

ZEIT ONLINE: Es ist alles ziemlich vorhersehbar: hier die Politiker, von Merkel bis zu Trump und Erdoğan, dort die Demonstranten, die dagegen anschreien und Steine werfen. Die Frage ist nur noch, wie brutal diese Auseinandersetzung ausfällt. Fühlen Sie sich mit dieser Vorhersehbarkeit der Ereignisse wohl?

Kamerun: Das ist schon ein Problem und auch ermüdend, dass über einem riesigen Spektrum von Protest immer auch die verkleinernde Frage der Größe des möglichen physischen Knalles schwebt.

ZEIT ONLINE: Der Kapitalismus hebt das Stöckchen und die Demonstranten springen drüber.

Kamerun: Jede neue Situation, auf die reagiert werden will, kann ein Aufruf sein, darüber nachzudenken, wie sich Widerstand verändern lässt. Auch jetzt ist die Zeit reif für eine nächste Bewegung.

ZEIT ONLINE: Wie kann eine solche Bewegung aussehen?

Kamerun: Erst mal muss noch klarer verstanden werden – und das kann eine durchaus schmerzliche Erkenntnis sein – dass die meisten einst unmissverständlichen Symbole längst eingeflossen sind in den Mainstream, wenn nicht in die Normalität einer Dauerreklamewelt.

ZEIT ONLINE: Warum?

Kamerun: Nun ja, Automarken sprechen von einer "Revolution ihrer Antriebssysteme", auch ein neuer Mixer kann die Welt der Küche gleich mal "radikal" verändern. Eine rückwärts orientierte Partei nennt sich Alternative für Deutschland. Alles klar, oder? Ich bin noch in einer "dissident diskursiven Popkultur" sozialisiert worden, in einer Umgebung, in der Rockmusik, Punk sowieso, per se gefühlt links war. Heute transportieren rechte Bands ihre Inhalte auf derselben "aggressiven Rockmusik" wie solche, die von Freiheit und Grenzenlosigkeit singen. Ein Grund dafür, warum wir an einem schwer einzuordnenden Sound basteln …