Wenn Ende September der neue Bundestag gewählt wird, dürfen 61,5 Millionen Menschen ihre Stimme abgeben. Arme und Reiche, Junge und Alte, Rechte und Linke. Stadtmenschen, Landmenschen, Unternehmer, Angestellte, Studenten, Pastoren und Rentner. In unserer Serie "Diese Wähler" stellen wir einige von ihnen vor. Wir möchten wissen, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind, was sie umtreibt und was sie sich wünschen. Und vor allem: Was soll sich ändern in Deutschland? Bei uns sprechen sie schon vor der Wahl, das sind "Diese Wähler". Heute: Jessica Naomi Denzer, 23 Jahre alt, Gesangsstudentin

Wer sind Sie und was machen Sie?

Mein Name ist Jessica Naomi Denzer, ich bin 23 Jahre alt und studiere Musicalgesang und Musikpädagogik in Osnabrück. Eigentlich komme ich aus Berlin, aber ich bin hierhergezogen, weil ich einen Studienplatz bekommen habe. Ich habe erst eine Musicalausbildung gemacht und jetzt ein weiterführendes Studium. Ich bin sehr zufrieden, weil ich dort in viele verschiedene Bereiche reingucken kann, zum Beispiel auch ins inklusive Tanztheater.

Was treibt Sie gerade um?

Wenn ich probe, habe ich selten einen Kopf für anderes. In der vergangenen Woche haben wir jeden Tag acht Stunden für das Musical The Addams Family geprobt, hier am Theater Osnabrück. Da steht man morgens auf und abends fällt man todmüde wieder ins Bett. Abgesehen davon: In Osnabrück gibt es viele Flüchtlinge. Das ist abseits der Musik auch ein Thema, das ich ständig mitverfolge.

© Ing­mar Björn Nol­ting für ZEIT ONLINE

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem Leben in Deutschland?

Momentan bin ich zufrieden. Ich bin sehr froh, dass ich machen kann, was ich möchte, und so viele Freiheiten habe. Das weiß ich zu schätzen. Gerade auch in der künstlerischen Schiene ist das in anderen Ländern nicht so möglich. Als junger Mensch bekommt man ja auch Unterstützung durch Bafög, so kann man als Student ganz gut leben. Aber ich mache mir schon Sorgen, wenn ich an die Zukunft denke. Wenn ich mit dem Studium fertig bin, muss ich in den Beruf. Ich frage mich, wie das sein wird, ob ich dann wirklich von der Kunst leben kann.

© Ing­mar Björn Nol­ting für ZEIT ONLINE

Hat sich Deutschland Ihrer Meinung nach verändert und wenn ja, wie?

Ich bin noch ziemlich jung, aber habe schon das Gefühl, dass sich etwas verändert hat. Dass man plötzlich rechtes Gedankengut äußern kann, nach dem Motto: Das wird man ja noch sagen dürfen. Und dass es für viele irgendwie in Ordnung ist. Das Gefühl hatte ich vor ein paar Jahren noch nicht. Ich finde es krass, dass da so viele Menschen mitgehen. Die Flüchtlinge, die hier in einer Kaserne untergebracht sind, haben sich WLAN gewünscht und eine Tischtennisplatte. Sie sind dafür demonstrieren gegangen. Aber einige Leute haben sich tierisch aufgeregt: Was wollen die denn? Warum wollen die denn WLAN haben? Sie sollen doch dankbar sein, dass sie in Deutschland sein können. Irgendwie völlig daneben. Jeder Mensch hat hier WLAN und ein Smartphone und für die Flüchtlinge ist es die einzige Verbindung nach Hause. So etwas den Menschen nicht zu gönnen, finde ich hart.