Nach Ärzte ohne Grenzen setzt auch die deutsche Hilfsorganisation Sea-Eye ihren Einsatz zur Rettung von Bootsflüchtlingen im Mittelmeer aus. Grund sei die veränderte Sicherheitslage vor der Küste Libyens, teilte die Regensburger Gruppe mit. Sea-Eye-Gründer Michael Buschheuer sagte, die Fortsetzung der Rettungsaktionen in dem Gebiet sei gegenüber der Besatzung nicht mehr zu verantworten.

Die Entscheidung sei "schweren Herzens" getroffen worden. Jedoch habe die libysche Regierung eine "unbestimmte und einseitige Ausdehnung ihrer Hoheitsgewässer angekündigt" und dies mit einer "expliziten Drohung" an private Hilfsorganisationen verknüpft.

Die libysche Marine hatte verkündet, ausländische Schiffe ohne eine besondere Erlaubnis nicht mehr die Küste des Landes anfahren zu lassen. Dies gelte für eine "Such- und Rettungszone" für Flüchtlinge rund um die Küste. Wie weit sich diese Zone erstreckt, blieb unklar. Ein Sprecher der libyschen Marine sagte, die neue Vorschrift gelte ausdrücklich "für Nichtregierungsorganisationen, die vorgeblich illegale Einwanderer retten und humanitäre Aktionen durchführen wollen".

Mitarbeiter eines spanischen Rettungsschiffs berichteten, die libysche Küstenwache habe in den vergangenen Tagen Warnschüsse auf ihr Boot abgegeben, das sich in internationalen Gewässern befunden habe. Ärzte ohne Grenzen teilte daraufhin am Samstag mit Verweis auf Sicherheitsbedenken mit, die Rettungseinsätze ihres Schiffs Prudence vorübergehend einzustellen.

"Hinterlassen eine tödliche Lücke"

Die deutsche Mission Sea-Eye hat nach eigenen Angaben seit Beginn ihrer Einsätze im April 2016 rund 12.000 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Mehrere Hundert ehrenamtliche Helfer waren auf den beiden Schiffen Sea-Eye und Seefuchs im Einsatz. "Wir hinterlassen eine tödliche Lücke im Mittelmeer", sagte Buschheuer und appellierte an die italienische Regierung und den EU-Marineeinsatz Sophia, "jetzt endlich alles zu unternehmen, um das sinnlose Sterben der Flüchtenden zu beenden". In Libyen seien Hunderttausende Menschen "der Willkür von Banditen, Schleppern und regierungsnahen Milizen ausgesetzt".

Die spanische Gruppierung Proactiva Open Arms teilte im Gegensatz zu den Deutschen mit, ihre Rettungseinsätze fortsetzen zu wollen. "Für uns ändert sich nicht viel im Vergleich zu den vergangenen Wochen", sagte ein Mitarbeiter der italienischen Zeitung La Repubblica. "Wir werden unsere Rettungseinsätze ohne Pause fortführen."

Neben Libyen hatte auch Italien den Druck auf private Seenothelfer erhöht. Die italienische Marine unterstützt die libysche Küstenwache seit Anfang August technisch und logistisch. Die Regierung in Rom erhofft sich davon, dass weniger Migranten nach Italien kommen – und die Zahlen sprechen dafür: In den ersten zwei Augustwochen sind bislang erst etwas mehr als 1.700 Menschen in Italien angekommen. Im gesamten Juli waren es noch rund 11.500, im Juni mehr als 23.000.

EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos forderte eine "strengere und effektivere Politik für Rückführungen", wie er den Zeitungen der Funke Mediengruppe sagte. "Das ist ein unverzichtbarer Aspekt einer gut funktionierenden Migrationspolitik." Migranten, die keinen internationalen Schutz benötigten, in ihre Heimatländer zurückzuschicken, sei unerlässlich, um das öffentliche Vertrauen in das Asylsystem der EU zu wahren.