Die Debatte um den Umgang mit ihrer rassistischen Vergangenheit lässt die Südstaaten der USA nicht zur Ruhe kommen. Es ist ein Streit um eine jahrhundertealte Tradition weißer Überlegenheitsbehauptung, die systematische Herabwürdigung von Afroamerikanern und über den progressiven Versuch, eine fehlinterpretierte Geschichtsschreibung zu korrigieren.

Noch immer kostet diese Auseinandersetzung Menschenleben wie jetzt in Charlottesville, Virginia. Hier protestierten Neonazis und Mitglieder des rechten Ku-Klux-Klans gegen die Entfernung eines Reiterstandbildes; ein Mann raste offenbar vorsätzlich mit dem Auto in die Menge der Gegendemonstranten, tötete eine Frau und verletzte weitere 19 Personen.

Es ist gerade erst zwei Jahre her, da war das Südstaatenbanner selbst zum Thema im Präsidentschaftswahlkampf geworden. Der 21-jährige Rassist Dylann Roof hatte sich in die Konföderiertenflagge gehüllt, bevor er im Juni 2015 neun schwarze Kirchgänger in der Stadt Charleston, South Carolina, erschoss. Das blaue, mit weißen Sternen gefüllte Kreuz auf rotem Grund zierte ursprünglich die Kriegsflagge von North Virginia und wurde im Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 das Erkennungszeichen der für den Erhalt der Sklaverei kämpfenden Konföderierten. Nach der Tat sprach sich Hillary Clinton sogleich für ein Verbot der Flagge aus, Wal-Mart nahm das Banner aus dem Handel.

Statt Lee Park nun Emancipation Park

Donald Trump hat inzwischen die Präsidentschaftswahl gewonnen und rechte Gruppierungen in den USA fühlen sich nun als Sieger im Kampf um die Symbole und Geschichtsschreibung. So ist es kein Zufall, dass sich der Ku-Klux-Klan die Kleinstadt Charlottesville in Virginia aussuchte, um dort ein Exempel gegen ein vermeintlich linksliberales Gesinnungsdiktat zu statuieren.

Charlottesville hat knapp 50.000 Einwohner und ist die Heimatstadt der früheren Präsidenten James Monroe und Thomas Jefferson, der hier 1819 die University of Virginia gründete. Eine Studentenstadt, 80 Prozent haben im vergangenen Jahr Hillary Clinton gewählt. Die große Mehrheit der Bevölkerung möchte hier mit der Geschichte aufräumen, besonders vor dem Hintergrund, dass Charlottesville als allerletzte Stadt der USA dem Verbot der Rassentrennung an Schulen Folge leistete. Bis in die späten fünfziger Jahre weigerten sich Bildungsinstitutionen in Virginia, die Segregation von Schwarz und Weiß zu beenden. Der Ku-Klux-Klan hat besonders in diesem Bundesstaat eine starke Tradition.

Umso wichtiger ist es, dass die Kommunen politische Verantwortung für ihr historisches Erbe übernehmen. Und wenn sie es tun, bleibt rechter Widerstand nicht aus. In Charlottesville entzündete sich die Empörung der Nationalisten an einem Beschluss des Stadtrats, der im April dafür votierte, die Bronzeplastik von General Robert E. Lee aus dem Stadtbild entfernen zu lassen. Ähnliche Umbauten des öffentlichen Raums nehmen seit 2015 viele Orte in den USA vor. Laut USA Today gibt es mehr als 1.000 fragwürdige Konföderiertendenkmäler in 31 Staaten. Besagter General Lee befehligte während des Amerikanischen Bürgerkriegs die Nord-Virginia-Armee und war der erfolgreichste General der Streitmacht der Konföderation. Noch wird über den Abbau des Standbildes verhandelt, aber der Park, in dem es steht, wurde bereits umbenannt von Lee Park in Emancipation Park.

"Antiweißer Hass"

Den rechten Nationalisten gefällt diese Überschreibung ihrer Wahrzeichen freilich nicht. Wie der US-Nachrichtensender CNN berichtet, interpretiert Jason Kessler, einer der Organisatoren des rechten Aufmarsches, diesen Umgang mit nationaler Tradition und missverstandener Geschichte als "antiweißen Hass, der aus dieser Stadt kommt". Die Gemeinde Charlottesville sei "sehr weit links und hat die kulturellen Prinzipien des Marxismus angenommen, die in Studentenstädten im ganzen Land propagiert werden, um Weißen die Schuld an allem zu geben".

Ob nun Verbannung alter Wahrzeichen und Symbole die richtige Praxis ist, um der Bevölkerung einen bewussten Umgang mit der Geschichte zu ermöglichen, ist fraglich. So hat Levar Stoney, der 35-jährige afroamerikanische Bürgermeister von Virginias Bundeshauptstadt Richmond, im Juni gesagt, er sei dagegen, die Konföderiertenstatuen aus seiner Stadt zu verbannen. Vielmehr sollen ihnen Hintergrundinformationen und Kontext zur Seite gestellt werden. "Sie waren die 'alternative Geschichtsschreibung' ihrer Zeit, zu gleichen Teilen aus Mythen und Schwindel bestehend. Ein falsches Narrativ, vor mehr als 100 Jahren in Stein und Bronze geätzt, nicht nur um die Begründer und Verteidiger der Sklaverei zu heroisieren, sondern auch, um die Tyrannei und Angstherrschaft der Jim-Crow-Ära zu verlängern und eine neue Epoche der weißen Überlegenheit zu behaupten."

In seinen Verlautbarungen nach den Ereignissen in Charlottesville hielt sich Donald Trump zurück mit konkreten Beschuldigungen der rechten Demonstranten. Er schrieb auf Twitter: "Wir müssen ALLE zusammenstehen und alles verdammen, wofür Hass steht. Diese Art der Gewalt hat keinen Platz in Amerika". Darauf antwortete der US-Neonazi David Duke, der an den Protesten in Charlottesville beteiligt war: "Sie sollten besser in den Spiegel schauen und sich daran erinnern, dass es weiße Amerikaner waren, die Sie zum Präsidenten gemacht haben, nicht radikale Linke."