Als es am Freitagabend in anderen deutschen Kleinstädten dunkel wird, wird es in Wurzen braun. Hier im Muldental in Sachsen versammeln sich sechzig Menschen zwischen Fachwerkhäusern und einem steinernen Brunnen, der an Joachim Ringelnatz erinnert. "Ausländer raus!", grölen sie und: "Deutschland den Deutschen!" Die Polizei dokumentiert verfassungsfeindliche Symbole, viele hatten Alkohol getrunken, Beobachter sprechen von einer "beängstigenden Lage". Schon in den neunziger Jahren galt Wurzen als national befreite Zone, so nennen Rechtsextreme ihre Milieus. Heute folgen die Versammelten einem Aufruf im Internet. Sie wollen zeigen, dass ihnen "die Straßen der Stadt gehören".

Damit spielen sie auf einen jüngeren Vorfall in der nahegelegenen Wenceslaigasse an. Anfang Juli hatte es dort eine Schlägerei gegeben. Eine Gruppe aus fünf jungen Geflüchteten hörte laut Musik, daraufhin pöbelten Anwohner sie rassistisch an. Die Männer wehrten sich: Es sei ihre Straße und sie könnten tun und lassen, was sie wollten. Daraufhin schlugen beide Seiten aufeinander ein, am Ende wurden aber nur die Geflüchteten festgenommen und erhielten eine Anzeige wegen Körperverletzung. Damit waren die Täter klar, die rechte Szene war angestachelt. 

Auch zuvor hatte der 17.000-Einwohner-Ort Schlagzeilen gemacht. Bundesweit wurde ein Fall in der Pestalozzischule bekannt. Ende 2015 hatten Schüler ein Flüchtlingsmädchen gequält und verletzt. Sie hatten die Neunjährige bespuckt, geschubst, mit Steinen beworfen und in einer Tür eingequetscht, bis ihr Arm brach.

Seitdem haben die Übergriffe in Wurzen laut der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Sachsen (RAA) sogar noch zugenommen. Ähnliches beobachten die Betreiber von chronik.LE. Die Plattform dokumentiert sechzehn Fälle allein in den vergangenen eineinhalb Jahren. "Rassistische Zusammenrottungen und Gewalt gegen Geflüchtete in ihrem Wohnumfeld sind in Wurzen leider keine Seltenheit", sagt chronik.LE-Sprecher Steven Hummel.

"Wurzen ist definitiv eine Schwerpunktregion, sowohl in Qualität als auch Quantität der Übergriffe", sagt auch Lena Nowak. Sie berät für die RAA Opfer rechter Gewalt. Diese berichten von eingeschmissenen Fensterscheiben, Brandanschlägen, körperlichen Angriffen auf offener Straße und Alltagsrassismus. Die meisten wollen laut Nowak aus Wurzen wegziehen – aus Angst, auf die Straße zu gehen. "Die Leute werden bespuckt und bepöbelt", sagt Nowak. Inzwischen gibt das Ausländeramt sogar die Anweisung, Geflüchtete in Wurzen nicht mehr in Erdgeschosswohnungen unterzubringen.