Eigentlich hat Bangladesch schon genug Probleme: Gerade erst hat das Land die schlimmste Flutkatastrophe der vergangenen 40 Jahre hinter sich gebracht. Rund ein Drittel des gesamten Landes stand unter Wasser, sagt das Internationale Rote Kreuz, mehr als 700.000 Häuser wurden zerstört.

Die Schäden dieser Naturkatastrophe sind noch längst nicht behoben, da bricht bereits die nächste Krise über das verarmte Land herein: Fast täglich kommen rund 10.000 fliehende Rohingya aus Myanmar über die Grenze, viele von ihnen sind traumatisiert oder verletzt. Anfangs versuchte Bangladeschs Regierung, die Flüchtlinge noch zu stoppen – doch angesichts der Menschenmenge gab man das Vorhaben auf.

Schon in den vergangenen Jahren retteten sich Hunderttausende Rohingya ins Nachbarland, Schätzungen reichen bis zu 500.000. Doch niemals zuvor kamen so viele Neuankömmlinge auf einen Schlag. Allein seit dem 25. August haben laut den Vereinten Nationen mindestens weitere 370.000 Flüchtlinge Bangladesch erreicht. Langsam dürfte es nicht mehr viele Angehörige der muslimischen Minderheit im buddhistischen Myanmar geben. Fast ein ganzes Volk sucht jetzt eine neue Heimat, und viele hoffen auf Bangladesch.

Die dortige Regierung hat jedoch kein Interesse daran, die Geflüchteten langfristig aufzunehmen. Als Regierungschefin Sheikh Hasina diese Woche eines der Lager besuchte, tätschelte sie zwar tröstend die Wangen Dutzender weinender Rohingya-Frauen. Andererseits stellte die Premierministerin aber auch klar, dass die Flüchtlinge nur kurzfristig willkommen seien. Stattdessen solle Myanmar eine Schutzzone für die muslimische Minderheit errichten und so eine Rückkehr der Flüchtlinge ermöglichen.

Ein Herkunftsland wird zum Zufluchtsort

Doch angesichts des radikalen Vorgehens Myanmars gegen die Rohingya sind deren Chancen auf eine Heimkehr so gering wie seit Jahren nicht mehr: Der Menschenrechtsbeauftragte der Vereinten Nationen, Seid Raad al-Hussein, nannte die Aktionen der myanmarischen Sicherheitskräfte gar eine "ethnische Säuberung wie aus dem Lehrbuch".

Die Rohingya fliehen also Richtung Westen. Weil aber in den Lagern der Grenzregion längst kein Platz mehr ist, lassen sich die Flüchtlinge jetzt überall dort nieder, wo sie eine freie Stelle finden. Mit Planen schützen sie sich vor dem immer wieder einsetzenden Monsun, einige fanden sogar Unterschlupf bei der einheimischen Bevölkerung. "Die meisten Neuankömmlinge leben in Übergangsquartieren oder in bangladeschischen Dörfern, die großzügig die wenigen Ressourcen teilen, die sie besitzen", sagt Adrian Edwards, Sprecher des Flüchtlingshilfswerkes UNHCR.

Zwar läuft die internationale Hilfe an, doch in Bangladesch wächst die Sorge, dass man die größte Last wohl selbst tragen werde. Dabei hat das Land nicht viel: Mit einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 1.300 US-Dollar gehört der Staat zu den ärmsten Ländern der Welt. Ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Die Lebensbedingungen sind derart schlecht, dass zahlreiche Einheimische sogar selbst fliehen. Trotz der gewaltigen Distanz zu Europa stellen laut der EU-Grenzschutzorganisation Frontex Bangladescher die zweitgrößte Gruppe der Menschen, die über das Mittelmeer als Flüchtlinge nach Italien kommen.

Nun wird das Herkunftsland selbst zum Zufluchtsort: Der bangladeschische Ökonom Ashikur Rahman rechnet mit einer zusätzlichen Belastung von rund einer Milliarde US-Dollar für sein Heimatland. Der Wissenschaftler am Policy Research Institute in der Hauptstadt Dhaka fordert die internationale Gemeinschaft dazu auf, für die Summe aufzukommen. "Andernfalls wird das unser eigenes Entwicklungsprogramm stark belasten", sagte er der lokalen Presse.