Die Deutschen sind demokratisch, gesetzestreu und diszipliniert. So sehe ich das. Gleichzeitig sind sie gelassen, abweisend, hilfsbereit und pünktlich.

Wenn man beschreiben will, welche Werte den Menschen in einem Land wichtig sind, dann sollte man in diesem Land leben. Ich komme aus Afghanistan und bin seit fünf Jahren in Deutschland. Vielleicht kann man sich einer Gesellschaft auch durch Lesen oder Recherche nähern, aber erst wenn man ein neues Leben in einem anderen Land anfängt, kann man Unterschiede und Gemeinsamkeiten entdecken – bei der Arbeit, in der Schule, an der Universität oder bei kulturellen Veranstaltungen.

Was ich über die Deutschen sagen möchte, entspringt meiner Erfahrung in einer deutschen Kleinstadt.  

Demokratisch

Die Demokratie dieses Landes wirkt auf mich wie ein Baum, der gepflanzt wurde und nun gepflegt wird. In meiner Heimat Afghanistan ist Demokratie eher wie eine Zeile, die auf Eis geschrieben und in der Sonne stehen gelassen wird. Stünde so ein Baum in meiner Heimat, wüssten wir nicht, wie wir dafür sorgen könnten, dass er Früchte für uns alle trägt. Manchmal würden wir ihn zu stark wässern, manchmal zu wenig. Er würde vertrocknen.

Gesetzestreu

Für die Deutschen steht das Gesetz an erster Stelle. Bei uns sind es Macht und Gold. Dass Gesetze und Regeln respektiert und beachtet werden, kann man überall in Deutschland sehen. Zum Beispiel an den Türen der Straßenbahn: Wenn sie einmal zu sind, bleiben sie zu. Egal, ob jemand auch nur eine Sekunde zu spät kommt.

Bei uns in Afghanistan ist die Verletzung der Gesetze allgegenwärtig. So arbeitet das Parlament seit zwei Jahren eigentlich illegal: Schon 2015 hätte es laut Verfassung Wahlen geben müssen, sie haben aber immer noch nicht stattgefunden und wurden kürzlich auf 2018 vertagt. In Deutschland gehen die Menschen natürlich bald zur Wahlurne, so wie es vorgesehen ist.

Diszipliniert

Immer muss alles ordentlich sein, das ist den Deutschen wichtig. Wenn sie den Tisch decken, achten sie darauf, dass die Messer rechts vom Teller liegen und die Gabeln links. Da sind sie pedantisch. Bei uns ist das anders. Wir setzen uns einfach auf den Boden, breiten ein Tischtuch aus und essen dann ohne Messer und Gabel. Wir benutzen nur Löffel.

Gelassen

In anderen Dingen sind die Deutschen dann aber erstaunlich gelassen. Zum Beispiel beim Thema Tod. Als ich einmal krank war und im Krankenhaus in Cottbus lag, hatte ich eine Zimmernachbarin, die 54 Jahre alt war. Eines Tages kam die Ärztin und kündigte an: "Ihr Vater hat eine schlechte Nachricht für Sie." Dann kam der Vater ins Zimmer und sagte: "Meine Liebe, deine Mutter ist gestorben." Die beiden umarmten sich, weinten ein bisschen, redeten dann über andere Sachen – und lachten. Während ich noch traurig war, fragte ich mich, wie die Menschen so gelassen sein und den Tod so schnell akzeptieren können.

In Afghanistan trauern die Familienangehörigen ungefähr ein Jahr. In dieser Zeit gehen die Trauernden nicht aus, weder zu kleinen, privaten Festen, noch zu Hochzeiten. Dafür kommen alle Verwandten zu Besuch, um die Familie zu trösten, egal wie weit weg sie wohnen. Am 40. Tag nach dem Tod spendet die Familie ein Almosen für Verwandte und arme Leute.

Sehr komisch ist auch, wenn man in Deutschland einen Friedhof besucht. Man denkt, es sei ein Garten mit vielen Blumen. Zu jeder Jahreszeit werden Gräber geschmückt. Wenn man die Friedhofsbesucher aber fragt, ob sie ihre Eltern oder ihre Kinder regelmäßig besuchen, sagen sie: Nein, das koste zu viel Zeit. Mir scheint, die Deutschen verbringen mehr Zeit mit den Toten als mit den Lebenden.

Die Bundeskanzlerin ist ein echter Mensch

Am Totensonntag habe ich in der kleinen Stadt, in der ich lebe, viele Menschen auf dem Friedhof gesehen. Sie kamen auch von weit her und brachten schöne Blumen mit, die sie auf die Gräber legten. Sie sprachen mit ihren Toten. Das ist in Afghanistan auch so. Die Menschen gehen am Tag der Toten auch auf den Friedhof, nur gibt man bei uns zusätzlich Almosen.

Abweisend

Es ist nicht einfach, in Deutschland mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen. Auf den ersten Blick wirken sie sehr abweisend.

Außerdem sehe ich selten junge Menschen im Bus oder in der  Straßenbahn, die ihren Platz einem Älteren anbieten. Oder die jemandem helfen, einen Koffer oder Kinderwagen im Bahnhof die Treppen heraufzutragen. In meiner Heimat ist das anders. Ich bin sicher, viele Deutsche haben schon erlebt, dass Flüchtlinge einem älteren Menschen am Bahnhof halfen. Den älteren Menschen bringt man bei uns großen Respekt entgegen. Wenn zum Beispiel ein älterer Mensch ins Zimmer kommt, stehen die jüngeren alle auf. Die Jungen müssen immer hilfsbereit sein.

In Deutschland scheint das nicht so zu sein. Wenn zum Beispiel deutsche Eltern krank werden, müssen sie oft selbst klarkommen, ihre Kinder besuchen sie nur selten. Bei uns kümmern sich die Kinder um ihre Eltern, wenn sie alt werden. Sie leben zusammen mit ihnen, bis die Alten sterben. Altersheime gibt es nicht.

Vor allem für viele Frauen ist das Leben mit den Schwiegereltern nicht einfach. Das können die Deutschen sicher nachvollziehen, auch sie haben da oft Probleme. Aber für deutsche Frauen gibt es nicht den Zwang, sich kümmern zu müssen. Sie können ohne Schwiegereltern leben, wenn sie wollen. In Afghanistan stellt sich diese Frage gar nicht.

Hilfsbereit

Aber auf den zweiten Blick sind die Leute in Deutschland sehr freundlich und hilfsbereit. Die Aufnahme der Flüchtlinge ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Menschen hier ein großes Herz haben. Es gibt kaum ein Land in der Welt, das in so kurzer Zeit so viele Flüchtlinge umarmt hat.

Insofern steht die AfD nicht für ganz Deutschland. In jedem Blumengarten gibt es eine Pflanze, die schlecht riecht. Das ist ganz normal. Manche Flüchtlinge glauben, die Deutschen seien Rassisten. Das ist Quatsch. Ich persönlich habe noch keine schlechten Erfahrungen mit den Menschen hier gemacht. Und die Bundeskanzlerin dieses Landes ist ein echter Mensch. Für mich ist sie ein Leitbild.

Pünktlich

Natürlich sind die Deutschen in der ganzen Welt für ihre Pünktlichkeit berühmt. Zu Recht. Wenn es um Planung geht, sind sie zum Beispiel überempfindlich. An ihren Kalendern sieht man, dass sie bis zum Jahresende verplant sind. Und wenn man dann einmal mit ihnen verabredet ist, kann man nicht einfach absagen. Das fänden sie respektlos.

Wenn ich mit Deutschen ins Kino, zu einer Veranstaltung oder einer Party gehen will, muss ich unbedingt pünktlich sein. Ich gerate deswegen manchmal so in Stress, dass ich den Abend dann nicht mehr richtig genießen kann. Die Afghanen sind eher spontan. Besuche kündigen sie nicht an, sie kommen einfach, ausladen geht nicht. Und wenn eine Uhrzeit verabredet wird, ist es ganz normal, mindestens zwei Stunden später zu kommen – wenn überhaupt.

Alles in allem ist es nicht einfach, mit den Deutschen umzugehen. Vor allem muss man selbst den Kontakt mit ihnen suchen, denn sonst tun es die Menschen hier auch nicht. Zum Glück habe ich mittlerweile viele deutsche Freunde – und sehr liebe Gasteltern. Ich kann sogar sagen, dass ich die Menschen hier gern habe – mit allen ihren Eigenheiten.