"Islamischer Staat" - »Bitte, ich brauche Ihre Hilfe« Nadja Ramadan aus Weinheim ging nach Syrien und schloss sich dem IS an. Dann geriet sie in Gefangenschaft. Im Video appelliert sie an die Kanzlerin, sie nach Deutschland zurückzuholen. © Foto: Andi Spyra und Wolfgang Bauer für ZEIT ONLINE

Die junge Frau sitzt auf dem Betonboden ihrer Zelle, hält einen Säugling in den Armen, und beteuert, dass sie nicht gefährlich sei. "Ich tue niemanden etwas. Ich bin keine Terroristin. Vor mir braucht man keine Angst zu haben." Sie ist im bayrischen Landshut geboren, hat drei Kinder aus erster Ehe im baden-württembergischen Weinheim und ist seit vier Monaten in einem Internierungslager in Syrien inhaftiert. Nadja Ramadan, 31, hatte sich vor drei Jahren dem "Islamischen Staat" (IS) angeschlossen. Wie 940 andere deutsche Staatsbürger, die zum IS nach Syrien und in den Irak ausreisten, wandte sie sich der westlichen Gesellschaft ab und wurde Mitglied einer totalitären Organisation, die den USA und auch Deutschland offen den Krieg erklärt hatte.

"Ich brauche Ihre Hilfe", sagt sie jetzt zu mir, dem Reporter, der nach Syrien gereist ist, um über den Krieg gegen den IS zu berichten. "Ich gehe hier ganz kaputt", sagt sie. Der Fotograf Andy Spyra, der mich auf meiner Recherche begleitete, hat ihren Hilfeaufruf mit der Kamera aufgezeichnet (siehe Video in diesem Artikel).

Nadja Ramadans Kinder sind krank, leiden unter Hautkrankheiten, an Masern. Der älteste, Nuh, zweieinhalb, steht noch unter Schock, er hat das Sprechen wieder verlernt, geifert nur, brüllt, zieht und zerrt an seiner Mutter. Er ist traumatisiert durch die Bombenangriffe, die er im Kriegsgebiet miterleben musste.

Die Gespräche mit Nadja Ramadan lassen mich unschlüssig zurück. Ich habe Mitleid mit der jungen Mutter, vor der ich gleichzeitig auch Angst habe. In den letzten Jahren habe ich viele Freunde und Bekannte verloren, die vom IS verschleppt und ermordet wurden. Ich kannte James Foley gut, den US-Journalisten, der als Erster vom IS vor laufender Kamera geköpft worden ist. Er wurde auf dem Weg zu einem Rechercheauftrag entführt, dem ich ihn vermittelt habe. Ich habe damals das Video angeschaut, das zeigte, wie man ihm den Kopf abschnitt, und konnte danach Nächte lang nicht mehr richtig schlafen.

Und jetzt sitze ich in diesem Lager Frauen gegenüber, deren Männer James Foley vielleicht bewachten, zusahen, wie Unschuldige getötet wurden oder sie gar selbst töteten.

Nadja Ramadan hatte Deutschland im Sommer 2014 verlassen und gleich nach ihrer Ankunft im syrischen Rakka, der IS-Hauptstadt, geheiratet, einen Mann, der aus Hamburg stammte, Cem Kula. Er hatte Medienkommunikation studiert, wollte ursprünglich in die Werbung gehen, radikalisierte sich dann in salafistischen Sportvereinen und Moscheen. Auch er hatte sich dem IS verschrieben. Drei Kinder bekam das Paar. Eines, das mittlere, starb kurz nach der Geburt.

Doch jetzt bricht das Kalifat, das Weltreich des "wahren Glaubens", in sich zusammen. Im Irak hat der IS seine wichtigsten Hochburgen verloren, und in Syrien steht jetzt auch Rakka vor dem Fall. Von den 940 Deutschen, die in das Gebiet des IS reisten, kamen bisher 145 in den Kämpfen um, schätzt der Verfassungsschutz. Ein weiteres Drittel ist desillusioniert nach Deutschland zurückgekehrt. Die anderen blieben, der harte Kern. In den nächsten Wochen werden aber auch sie von den irakischen oder kurdischen Truppen festgenommen.

Was tun mit ihnen? Sie sind deutsche Staatsbürger. Sie haben sich in Deutschland radikalisiert, nicht in Syrien. Soll man ihnen die Staatsbürgerschaft aberkennen? Sie in Deutschland ins Gefängnis sperren, wo sie womöglich noch weitere Insassen als IS-Veteranen radikalisieren könnten?

Nadja Ramadan appelliert an die Bundeskanzlerin, sie nach Deutschland zurückzuholen. Viele der IS-Frauen, das zeigen Erfahrungen, fallen relativ rasch ab von den radikalen Ideen – wenn man ihnen eine Chance gibt. Einige hingegen werden lange gefährlich bleiben. Die Regierung muss sich dringend Konzepte einfallen lassen, wie sie mit den IS-Rückkehrern umgehen will. Aussitzen kann man das Problem nicht. Das Ende des Kalifats in Syrien und dem Irak ist nahe.

Die ganze Geschichte von Nadja Ramadan und Wolfgang Bauers Reise nach Syrien lesen Sie im Dossier der aktuellen ZEIT