Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Bei 2.470 Quadratmetern Wohnfläche gestaltet sich die Ortswahl für die Kaffeepause schwierig. Georg Wagner entscheidet sich für die Ostterrasse. Dort ist der Blick ins Land besonders weit. Im Norden, vor Erfurt, quirlen sich müde die Windräder durch den Mittagsdunst. Im Süden dehnen sich die Ausläufer des Thüringer Waldes. Wagner zündet sich eine Zigarette an und schaut dem weißen Rauch nach, der zum Burgturm emporsteigt.  "Ach, werde ich das vermissen."  

Wagner will seine Burg verkaufen, komplett mit Hoheloheturm, Treppenturm, Wehrturm, Brunnen, Brunnenhaus, Palas, Kemenate, Kapelle, Bastion und Stromhaus. Dazu eine Gastwirtschaft, 16 Zimmer, 20 Badezimmer, zwei Außen-WC, 35 Autostellplätze, 270 Meter Mauer und mehr als 1.000 Jahre Geschichte. Die Immobiliensparte des Auktionshauses Sotheby’s soll bis zum nächsten Sommer einen Käufer finden.  

"Thüringen ist gesegnet mit Burgen, Schlössern und Herrenhäusern", sagt Wagner. Es gibt Hunderte davon in dem Bundesland, das bis 1918 ein einziges Durcheinander von Klein- und Miniaturfürstentümern war. Doch längst nicht alle der Anlagen sind in so gutem Zustand wie die von Wagner. 

Haustiere erlaubt

Die Staatskanzlei, die in der Landesregierung auch für Kultur zuständig ist, hält mindestens fünf frühere Adelshäuser für gefährdet. 64 besäßen einen "erhöhten Sanierungsbedarf". Doch das Land hat gerade einmal 15 Millionen Euro im Jahr übrig, die für alle Denkmäler reichen müssen. Damit können zuweilen nicht einmal mehr Notsicherungsmaßnahmen vorgenommen werden. Und vom Bund werden nur die großen Schlösser gefördert.  

Nicht so die Wachsenburg. Im Internet liest sich das so: Baujahr 933. Zustand gepflegt. Ausstattung luxuriös. Teilweise unterkellert. Kabelanschluss. Zentralheizung. Haustiere erlaubt. Preis auf Anfrage. Wobei Anfrage nicht bedeutet, dass Wagner eine Zahl nennen würde, wenn ihn ein Reporter  danach fragt. Er sagt nur: "Das ist eine Immobilie, die sich von selbst vermarktet."  

Zumindest lässt sich sie sich nicht übersehen. Wer auf der Autobahn 4 zwischen Frankfurt am Main und Dresden unterwegs ist oder auf der A71 zwischen Erfurt und Schweinfurt, dem muss die Silhouette der Veste Wachsenburg auffallen. Erbaut auf dem 421 Meter hohen, kegelförmigen Wassenberg, ist sie offen nach allen Seiten und sieht ansonsten so aus, wie man sich eine mittelalterliche deutsche Burg vorstellt.  

Verheißung im Osten

"Es ist die Lage, die das Objekt besonders macht", sagt Wagner. "Es gibt ganz wenige Burgen, die derart stark frequentiert werden." Doch warum will er dann verkaufen? Nun, sagt er, er werde demnächst 70, und es müsse viel, sehr viel investiert werden, um das Hotel den steigenden Ansprüchen der Kundschaft anzupassen. "Wir reden da von einer Summe im zweistelligen Millionenbereich."  

Man sieht dem Burgbesitzer sein Alter ebenso wenig an wie sein Vermögen. Er trägt Hemd, Cordhose, dicke Wollsocken und bequeme Schuhe. Die vollen, leicht angegrauten Haare hat er mit Gel nach hinten gekämmt, die letzte Rasur ist schon etwas her. Wagner handelt mit Antiquitäten, sammelt Bilder und reiste, als er noch jünger waren, seinem Star Pavarotti hinterher.  

Burgbesitzer Georg Wagner © Martin Diebes für ZEIT ONLINE

Burgherr wurde der Handelskaufmann Georg Wagner vor einem Vierteljahrhundert, in den Tagen der Wiedervereinigung. "Der Anfang war Zufall, wie alles im Lebbe", sagt er in breitem Hessisch. Wagner wohnte damals in Limburg an der Lahn und betrieb in Frankfurt ein Lokal. Ein Kellner, der aus Arnstadt stammte, erzählte ihm davon, dass nahe seiner Heimatstadt ein Pächter für die Wachsenburg gesucht werde. Es gehe um die Gaststätte und ein kleines Hotel. Wagner schrieb ein Konzept für die Ausschreibung, ohne das Anwesen je gesehen zu haben. Warum, das kann er auch heute noch nicht so genau erklären. Es sei wohl, sagt er, die Verheißung der Welt gewesen, die sich im Osten geöffnet hatte.  

Es roch nach DDR

Es war einer Welt voller uralter Öfen, Soljanka und Außenklos. Als Wagner die Burg das erste Mal Anfang 1991 besuchte, war er schockiert. Braunkohle stapelte sich im Hof, die 22 Hotelzimmer hatten weder Bad noch Toilette, überall roch es nach der gerade untergegangenen DDR.  

Hinzu kam das zahlreiche Personal, das er fortan bezahlen sollte, Köche, Kellnerinnen, Putzfrauen und drei Hausmeister, von denen aber nur einer wusste, wie die Heizung funktionierte. Im Keller gammelten die Konserven vor sich hin.  

Doch da war ja dieser Blick. "Hier liegt vom Buche Thüringen eine der herrlichsten Stellen vor uns aufgeschlagen", rezitiert Wagner den Schriftsteller Ludwig Bechstein. Der berichtet in seinen 1838 erschienenen Wanderungen durch Thüringen davon, dass die Burg im zehnten Jahrhundert von der Reichsabtei Hersfeld erbaut wurde, später zwischen den Thüringer Landgrafen hin- und herwechselte und schließlich an einen gewissen Apel Vitzthum geriet, der von hier aus mehrere Jahre sein Raubrittergeschäft betrieb, bis sein "blutigrother Stern" unterging. Das war 1451.