Neulich bat mich meine afghanische Bekannte Nargis*, mit ihr ins Krankenhaus zu gehen, um für sie zu dolmetschen. Sie lebt seit 2016 mit ihrem Mann und ihren sechs Kindern in Ostdeutschland und kann noch nicht so gut deutsch. Die Familie ist wegen des Krieges aus Afghanistan geflohen. Als ich im Krankenhaus ankam, traf ich ihre 18-jährige Tochter Sadaf*. Sie krümmte sich vor Schmerzen. Ihre Mutter sagte leise: "Sie hat ihre Regel."

Jeden Monat leidet das Mädchen unter extremen Bauchschmerzen, seitdem sie 14 ist. Nach der Untersuchung dolmetschte ich zwischen Ärztin und Eltern. Die Ärztin schlug drei Lösungen vor: Eine Operation könnte helfen, bei der das Jungfernhäutchen gedehnt und womöglich zerstört werden würde, das Mädchen könnte die Pille nehmen oder hochdosierte Paracetamol-Zäpfchen.

Sadafs Eltern konnten es kaum ertragen, den ersten Vorschlag überhaupt zu hören. Sie wurden zornig: "Ein Mädchen ohne Jungfernhäutchen ist in unserer Kultur unmoralisch! Sie muss bis zur Heirat Jungfrau bleiben, egal wie alt sie ist." Das Mädchen bekam also Schmerzmittel verschrieben. Sie habe Schmerzmittel schon in Afghanistan genommen, erzählte Sadaf, deshalb habe sie nun auch Magenbeschwerden. Aber sie sieht es wie ihre Eltern: Jungfräulichkeit ist eine moralische Pflicht für sie.

Mord und Verachtung

In Afghanistan ist es traditionell so: Hat eine junge Frau in der Hochzeitsnacht kein Hymen mehr, wird angenommen, dass sie bereits Sex hatte. Das gilt als Schande für die ganze Familie. Diese Haltung ist lebensgefährlich für junge Frauen. Vor vier Monaten wurde eine Braut im Westen Afghanistans, wo die Taliban aktiv sind, von ihrem eigenen Bruder erschossen. Zuvor hatte der Ehemann den Bruder aufgefordert, seine Schwester abzuholen, weil sie bei der Hochzeit angeblich "unrein" war.

Wird eine unverheiratete Frau, die keine Jungfrau mehr ist, nicht getötet, so wird sie auf jeden Fall von der Gesellschaft verachtet. Es gibt viele solcher Geschichten in Afghanistan. Einer Frau rasierte ihr Mann aus diesem Grund die Haare ab. Ein anderer Mann heiratete ein zweites Mal, ohne sich von seiner ersten Frau scheiden zu lassen, denn er wollte seine zweite Frau als Ausgleich für die "unreine".

Vor Kurzem brachte ein Mann seine 16-jährige Braut noch in der Hochzeitsnacht zu ihren Eltern zurück. Er wollte stattdessen ihre kleine Schwester heiraten, die erst 13 Jahre alt war. Mit anderen bewaffneten Männern fiel er in das Elternhaus der Mädchen ein, bedrohte und beschimpfte die Familie und nahm das jüngere Mädchen einfach mit.

Dabei sagt die Existenz eines Jungfernhäutchens nicht viel aus. Manche Frauen werden ohne Hymen geboren, bei manchen reißt es auch ohne Geschlechtsverkehr, bei anderen hält es, obwohl sie Sex hatten. Doch solche medizinischen Fakten werden in Afghanistan einfach ignoriert, auch vom Staat.

Das Gesetz in Afghanistan übernimmt die Vorschriften der Scharia. Männer und Frauen werden bestraft, wenn sie vor der Ehe miteinander schlafen, ebenso Ehepartner, die fremdgehen. Eine unverheiratete Frau, die keine Jungfrau mehr ist, gilt als Verbrecherin. Wem außereheliche Beziehungen nachgewiesen werden können, der muss zwar vom Staat nicht mit Steinigungen oder Peitschenhieben rechnen, wie die Scharia es vorsieht, aber mit ein oder zwei Jahren Haft. "Die Haftzeit wird nur für schwangere Frauen oder stillende Mütter verkürzt", beschreibt Mohammad Ashraf Rasooli, Berater im afghanischen Justizministerium, diese Praxis.

"Ich bin mit diesen Werten aufgewachsen"

Manchmal schicken der Frauenvorstand der Stadt, die Staatsanwaltschaft oder die Polizei Frauen, die verdächtigt werden, "moralische Verbrechen" begangen zu haben, zu einem Gerichtsmediziner oder in ein Krankenhaus zur Untersuchung. Wer Geld und Macht hat, kann sich dort ein gefälschtes Ergebnis kaufen.

Erlaubt sind solche Zwangsuntersuchungen zwar nicht, praktiziert werden sie trotzdem. Ashraf Bakhteyari, der Chef vom Institut für Justizdienstleistungen, einer NGO in Afghanistan, versucht, sie zu bekämpfen. Das afghanische Strafgesetzbuch sieht inzwischen sogar Haftstrafen von einem bis zu fünf Jahren für Personen vor, die Frauen zu diesen Tests zwingen.

Viele Frauen lassen sich vorsichtshalber vor der Heirat untersuchen, um sicher zu sein, dass ihr Jungfernhäutchen unbeschädigt ist. Frauen, die ihr Hymen verloren haben, lassen es wieder herstellen und bezahlen viel Geld dafür. Das Leben mit ihrem Mann basiert dann auf einem Geheimnis. Andere ziehen es vor, zu fliehen. Werden die Frauen von ihrer Familie oder der Polizei gefasst, müssen sie sich oft wieder zwangsuntersuchen lassen.

"Jungfräulichkeit bleibt für mich eine Pflicht"

Wie ist es aber für die Afghaninnen, die in Deutschland leben? Ändert sich ihre Haltung zur Jungfräulichkeit? "Ich bin mit diesen Werten aufgewachsen", sagt die 32-Jährige Journalistin Nilofer, die seit drei Jahren hier lebt. Manchmal sei sie stolz auf diese Werte, aber manchmal schränkten sie ihr Leben sehr ein. "Aber Jungfräulichkeit bleibt für mich eine Pflicht für das Leben mit meinem zukünftigen Mann."

Auch die 18-jährige Sadaf hat trotz ihrer Schmerzen keine Zweifel. Sie sagt: "Ich will nicht, dass mich jemand befingert und meine Familie verachtet wird." Sie glaubt, dass eine Frau nicht heiraten darf, wenn sie keine Jungfrau mehr ist. Sadaf sieht, dass Mädchen in Deutschland mit Sexualität viel freizügiger umgehen, aber: "Ich bin der Meinung, dass das unmoralisch ist."

Aber es gibt auch Afghaninnen wie mich, für die Jungfräulichkeit kein Wert mehr ist. Nicht das Hymen sollte eine wichtige Rolle im Leben spielen, sondern Liebe und Treue. Soraya Sobhrang, die Afghanistan in der Unabhängigen Menschenrechtskommission vertritt, hält den Zwang zur Jungfräulichkeit für frauenfeindlich. Denn es könne nicht sein, dass das, was Anstand und Reinheit symbolisiere, das Patriarchat bestimme.

* Namen von der Redaktion geändert