Tak, tak, tak, tak, tak. Es klingt nach Krieg. Tak, tak, tak, tak. Schnell abgefeuerte Schüsse, zu schnell, um mitzuzählen, wie viele Patronen abgefeuert wurden. Mindestens drei Salven in weniger als zwei Minuten. Doch was auf verwackelten Handybildern zu hören ist, ist nicht in Afghanistan, im Irak oder Syrien passiert. Das Kriegsgebiet heißt wieder einmal Amerika. In Las Vegas hat der 64-jährige Stephen P. mit einer automatischen Waffe insgesamt 10 bis 15 Minuten auf die Besucher eines Countrymusikfestivals geschossen. Mindestens 58 Menschen wurden getötet, mehr als 500 verletzt. Es ist der schlimmste Angriff mit einer Schusswaffe in der Geschichte der USA.

Auf den Schock des Ereignisses folgt oft reflexhaft ein zynisches "schon wieder". Im Juni 2016 starben 49 Besucher eines Clubs in Orlando, als Omar Mir Seddique Mateen mit einem Gewehr und einer Pistole bewaffnet auf die Gäste schoss. Im Oktober 2015 tötete Christopher Sean Harper-Mercer neun Menschen am Umpqua Community College in Roseburg, Oregon. Im selben Jahr starben neun Menschen, als Dylann Roof in einer Kirche in Charleston, South Carolina, um sich schoss. 

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Kein Jahr vergeht in den USA ohne ein mass shooting, wie es im Englischen heißt und mit Massenschießerei nur unzureichend übersetzt wird – denn es ist in der Regel nur ein Täter, der Schüsse abfeuert. Es ist keine Schießerei, bei der Festivalbesucher, Studenten oder Kirchgänger zurückschießen würden. Wobei den Verteidigern der fast unbegrenzten Waffenfreiheit in Amerika das vermutlich gefallen würde. Es ist eine der Hauptargumentationen derer, die an die "guten Waffenbesitzer" glauben: Wer die Chance habe, sich zu verteidigen, könne im Zweifel Schlimmeres verhindern. Der Täter von Las Vegas schoss laut Polizei vom 32. Stock des Hotels auf die Festivalbesucher. Man stelle sich vor, einer oder mehrere hätten aus der Masse heraus in unbestimmte Richtung zurückgeschossen.

Nevada hat de facto keine Waffengesetzgebung

Der US-Bundesstaat Nevada hat de facto keine Waffengesetzgebung. Wer eine Pistole oder ein Gewehr kaufen will, braucht keine Genehmigung, er muss die Waffe nicht registrieren lassen und benötigt keine Lizenz, die ihn als Besitzer ausweist. Von der Pistole bis zum Sturmgewehr können Bürger ihre Waffe offen tragen. Nur das verdeckte Tragen einer Pistole, etwa unter der Jacke, muss genehmigt werden. Es gibt kein Gesetz, das den Besitz von Sturmgewehren einschränkt, keine Vorschrift, die Magazine auf eine geringe Anzahl Schüsse zu begrenzen. Der Täter wohnte eine Stunde Autofahrt von Las Vegas entfernt, in seinem Hotelzimmer wurden mehrere Waffen sichergestellt.

Über die Motive P.'s ist bisher wenig bekannt, die Polizei beschreibt ihn als einsamen Wolf. Doch egal, was ihn zu seiner Tat getrieben hat, es wird nichts daran ändern, was in Bezug auf die übermäßige Waffengewalt aus diesem Angriff folgt: nichts.

Die Routinen danach sind eingeübt wie die Phasen der Trauer: Auf die Tat folgen die Tweets, Posts und Pressekonferenzen von Politikern, die ihren Schock zum Ausdruck bringen, mit den Angehörigen der Opfer fühlen, diese in ihre Gebete einschließen, der Polizei danken und die "unsinnige Tat" verurteilen. "God bless you!" schloss Trumps erster Tweet nach der Tat und nannte es in einem ersten Statement einen Akt des absolut Bösen. Demokraten wie Republikaner werden sich über ein Blumen- und Kerzenmeer hinweg die Hände reichen.

Trump, der Freund der NRA

Waffengegner werden dann dazu aufrufen, endlich striktere Gesetze durchzusetzen, Waffenbefürworter werden argumentieren, dass das nichts bringen wird, weil sie nur die Bürger einschränken, die aufgrund des zweiten Zusatzes der Verfassung ein unabdingbares Recht auf eine Waffe haben. Die Waffenlobby National Rifle Association (NRA) wird die Ängste aller Waffenbesitzer schüren, mit jeder Gesetzesverschärfung steige die Gefahr, dass den aufrechten Bürgern ihre Waffen genommen werden. Im Kongress wird man sich über einen Kompromiss streiten, ihn nicht finden und dann zum nächsten Tagesordnungspunkt übergehen.

Es werden geschätzte 300 Millionen Waffen in den USA im Umlauf bleiben. Menschen werden auf Waffenmessen in Texas und anderen liberalen Staaten ihre Pistolen und Gewehre aus dem Rucksack heraus für ein paar Hundert Dollar Bargeld verkaufen können, der Supermarkteinkauf mit Waffe wird vielerorts kein Problem sein.

Barack Obama war während seiner Präsidentschaft mehrfach gezwungen, die eskalierende Waffengewalt zu kommentieren. Er vermochte es nicht. Ihm blieben nur Frust und Tränen, die er offen zeigte. Politisch versuchte er im letzten Jahr seiner Amtszeit, per präsidialem Erlass Schlupflöcher bei Waffenverkäufen zu schließen und mehr Geld zur Verfügung zu stellen, um die Einhaltung der Gesetze zu kontrolliere. Es war nicht viel mehr als ein Symbol, aber immerhin ein Versuch, das Thema auf die nationale Agenda zu setzen.

Die Waffenlobby nicht im Stich lassen

Von Donald Trump ist nichts dergleichen zu erwarten. Im April hielt er als erster Präsident seit Ronald Reagan 1983 eine Rede bei der Jahrestagung der NRA. "Ihr habt einen wahren Freund im Weißen Haus", sagte Trump. Niemals werde er die Waffenlobby im Stich lassen. 

Die mächtige Organisation hat nach eigenen Angaben etwa fünf Millionen Mitglieder. Auch sie haben Trump zu einem Sieg verholfen nach acht Jahren Frust mit einer demokratischen Regierung, die aus ihrer Sicht jedem Waffenbesitzer feindlich gegenüberstand. Das sinnvolle Waffengesetze nichts an ihrem Recht ändern würden, ist eine Logik, der sie nicht folgen.

Waffenbefürworter und ihre Vertreter im Kongress und im Weißen Haus sind nicht in der Lage, eine rationale, zielführende Debatte über das offensichtliche Waffenproblem des Landes zu führen. Dafür nehmen sie in Kauf, dass immer weiter sinnlos Menschen sterben werden, so wie in Las Vegas. Die Antwort der Waffenfanatiker wird sein, beim nächsten Casinobesuch aufzurüsten. Zum Selbstschutz, versteht sich. Die Antwort der Politiker wird sein, sie beschützten nur das nationale Kulturerbe, nicht die eigene Wiederwahl. Es sind die falschen Antworten.