Eine Menschentraube sammelt sich im herbstlichen Nieselregen auf einem Parkplatz im Leipziger Süden, vor einer Mauer, die gekrönt ist von dicken Spiralen aus Stacheldraht. Die Menschen warten darauf, dass sich das Stahltor öffnet, hinter denen ihre Verwandten und Bekannten leben. Oder hinter die sie einfach mal so blicken wollen, denn man hört ja viel über die Zustände hier, wie eine Besucherin sagt.

Es ist Tag der Öffentlichkeit in der Justizvollzuganstalt Leinestraße in Leipzig. Tag der offenen Tür wollte die Anstaltsleitung es wohl nicht nennen, es wäre auch unpassend. Denn während insgesamt weit über hundert Besucher durch Kreativraum, Sporthalle, Bibliothek und Zellen geführt werden, dürfen die Häftlinge an diesem Tag nicht einmal den Hofgang, also ihre einzigen zwei Stunden an der frischen Luft, antreten. Offiziell zum Schutz ihrer Persönlichkeitsrechte, inoffiziell heißt es, der Verwaltungsaufwand sei einfach zu groß. Es gebe zu wenige Beamte, die den regulären Aufschluss im Haftbetrieb während der Führungen bewachen können.

Ein kleines Ärgernis für die Häftlinge, das jedoch symptomatisch für ein großes Problem steht: Die sächsischen Justizvollzugsanstalten sind stark überlastett, die Betreuung der Gefangenen leidet. Der Drogenkonsum unter Häftlingen steigt, ebenso wie die Suizide und psychischen Erkrankungen. Erst im August beging ein Gefangener, der aufgrund seines labilen psychischen Zustandes eigentlich nicht in Einzelhaft hätte sein dürfen, in der JVA Dresden Suizid. In einem Brief schrieb ein Mithäftling, die herrschende Verwahrlosung bringe durch teilweise 21 Stunden Einschluss immer mehr Gefangene an ihre seelischen Grenzen. Die durch den Personalmangel entstehende Belastung könne weder für Gefangene noch für die Bediensteten gut sein. Und auch der Terrorverdächtige Jaber al-Bakr brachte sich vergangenes Jahr in der Untersuchungshaft der JVA Leipzig um, obwohl er unter ständiger Bewachung stehen sollte.

Notsituation mit Zwischenlösungen

Beim Tag der Öffentlichkeit merkt man davon wenig. Logisch, der normale Betrieb ist ausgesetzt, die Häftlinge in ihren Zellen. Die Gänge wirken ruhig, die Lage geordnet. Kaum vorstellbar, dass sich hier sonst Hunderte von Menschen drängen.

"Die Gefängnisse in Sachsen brechen auseinander", sagt René Selle, Sprecher des BSBD Sachsen, der Gewerkschaft für den Strafvollzug. Bis auf eines sind die Gefängnisse allesamt voll belegt, teilweise sogar noch über die Maximalauslastung hinaus: Lediglich die JVA Regis-Breitingen liegt mit 67,9 Prozent im Rahmen der Auslastung, alle anderen Gefängnisse liegen bei Auslastungswerten zwischen 92,1 Prozent (Bautzen) und 108,5 Prozent (Chemnitz). Die Auslastungsgrenze einer Justizvollzugsanstalt in Deutschland liegt bei 90 Prozent, um die Verwaltungsstruktur aufrechtzuerhalten und sinnvoll agieren zu können.

Unter dieser Überbelegung leiden die Gefangenen: Es seien schon zusätzliche Matratzen in die ohnehin schon kleinen Zellen gelegt worden, wie ein Häftling aus der JVA Leipzig erzählt. "Wir wissen einfach nicht wohin mit den Gefangenen", sagt Selle. Susann Mielke, Pressesprecherin und Sozialarbeiterin in der JVA Leipzig, streitet dies ab. Die Belegung sei zwar sehr hoch, dennoch werde die vorgegebene Belastungskapazität der Hafträume nicht überschritten.

Die Personalnot ist groß

Während es mehr Gefangene gibt, werden es immer weniger Justizvollzugsbeamte. So wurden in den Jahren 2015 und 2016 in Sachsen insgesamt 55 Stellen im Justizvollzug gestrichen. Diejenigen Beamten, die noch da sind, sind häufig kurz vor Rentenantrittsalter, machen Überstunden, sind überarbeitet und fallen oft wegen Krankheit aus. Etwa 200 Bedienstete fehlen laut Gewerkschafter Selle derzeit im Freistaat Sachsen.

Die Personalnot ist groß. "Das ist kein Geheimnis", sagt Mielke. Seit vielen Jahren arbeitet sie in der JVA Leipzig und sieht, wie nicht nur ihre Kollegen, sondern auch die Häftlinge unter der angespannten Situation leiden.

Die Gefangenen sind frustriert. "An manchen Tagen können nicht einmal die Aufschlusszeiten eingehalten werden", sagt Jonas Kubik, der seit knapp einem Jahr in Leipzig einsitzt. Vor Kurzem erhielt er sein Urteil: knapp über drei Jahre, weil er geklaut hatte, um seine Drogensucht zu finanzieren.

Kubik hat studiert, interessiert sich für Politik, doch wissenschaftliche Literatur wird ihm im Gefängnis meist verwehrt. Zu groß sei der Verwaltungsaufwand. Tatschlich muss man für das Einbringen von Literatur Anträge stellen, was vor allem mit sicherheitsrelevanten Aspekten zu tun habe, sagt Sozialarbeiterin Mielke. In der Regel werde aber bei Fortbildungsliteratur oder wissenschaftlicher Literatur sehr großzügig entschieden. Für Computerkurse und Kreativstunden gibt es meist lange Wartelisten. Bleibt der Sport. Eine große Turnhalle und einen Kraftraum hat die JVA Leipzig auf ihrem Gelände, außerdem ein Beachvolleyballfeld. Und dennoch: Wenn nicht genügend Beamte da sind, fällt auch der Sport aus, sagt Kubik. In letzter Zeit keine Seltenheit.

Doch nicht nur die Freizeitangebote werden vernachlässigt, auch die Gefangenen selbst. Durch die Personalnot sind die Beamten dazu gezwungen, mehrere Stationen gleichzeitig zu betreuen und bekommen so kaum mit, was bei den Gefangenen passiert. "Die persönlichen Gespräche kommen zu kurz", bemängelt René Selle. Mit teils fatalen Folgen.

Suizide und mangelnde medizinische Versorgung

Als die JVA Leipzig vor knapp einem Jahr wegen des Suizides von Jaber al-Bakr in den Fokus geriet, fragte sich die Öffentlichkeit, wie es passieren kann, dass der streng beobachtete Terrorverdächtige sich in seiner Einzelzelle erhängte. Sein Suizid ist kein Einzelfall. Vergangenes Jahr nahmen sich vier Menschen in sächsischen Haftanstalten das Leben. 2017 bis Ende August bereits ebenso viele. 2015 waren es sechs, in den Jahren zuvor nur jeweils zwei Suizide. Erst vor knapp zwei Monaten versuchte ein Häftling in der JVA Leipzig sich anzuzünden. Und das, obwohl die sächsische Landesregierung fortwährend ihre Suizidprävention ausbaut.

Auch wenn die Häftlinge sehr unterschiedliche Gründe für Suizide und Suizidversuche haben, die angespannte Situation im Betreuungsschlüssel trägt nicht zur Besserung bei, im Gegenteil. Die Gefangenen sind die Leidtragenden, die das ausbaden müssen, sagt auch Manuel Matzke, Gefangener der JVA Zeithain. Seit 2014 ist er inhaftiert und aktiv in der Gefangenen-Gewerkschaft (GGBO), einer nicht offiziellen Initiative, die sich für die Rechte Inhaftierter in deutschen Gefängnissen einsetzt. Diese kritisiert schon lange die Missstände im sächsischen Strafvollzug und fordert als Konsequenz mehr Personal. Häftlinge, die sich mehr Wärter wünschen, das klingt erst mal paradox. Doch: "Wenn es den Bediensteten besser geht, geht es auch uns besser", sagt Matzke. "Es gibt hier viele Menschen, die wirklich Hilfe brauchen, denen aber nicht geholfen wird."

"Crystal dominiert alles"

Derzeit mangele es vor allem auch an medizinischer und psychologischer Betreuung. Mit teils weitreichenden Folgen. Erst im Juli dieses Jahres veröffentlichte der Gefangene Ayhan Işik über die GGBO einen Bericht, in dem er von mangelnder medizinischer Versorgung und Desinteresse der Behandelnden in der JVA Dresden spricht, die ihn zermürbt hätten. Seinen gebrochenen Arm habe man so schlecht versorgt, dass er ein Jahr später noch konstant Schmerzen habe. Obwohl der Gefängnisarzt bei ihm einen Splitterbruch am Ellenbogen festgestellt hatte, habe er lediglich notdürftig seine Hand gerichtet, weil kein Justizpersonal zur Verfügung stand. Die folgenden Behandlungen kamen zu spät, um seinen Arm noch angemessen zu behandeln, sodass er inzwischen sagt, es wäre besser gewesen, man hätte ihn amputiert. Auch andere Gefangene wie Jonas Kubik berichten von langen Wartezeiten, knappen Sprechstunden und einer Versorgung auf dem absoluten Minimum.

Ärzte in sächsischen Gefängnissen haben viel zu tun, weil ein großer Teil der Insassen drogensüchtig ist, 60 bis 70 Prozent, schätzt die Sozialarbeiterin Mielke. Hauptsächlich konsumierten sie Cannabis und Crystal, sagt Mielke, aber auch Heroin und Alkohol. Viele sind psychisch krank. Ein großes Problem ist die fehlende Bettenanzahl für Suchtkranke und psychisch Kranke, sagt Mielke. Für den Neubau des Krankenhauses in der JVA Leipzig, des einzigen Justizkrankenhauses in Sachsen, sind lediglich 80 Betten geplant.

"Crystal dominiert alles", sagt auch Häftling Kubik. Die Gefängniswärter wissen das zwar und versuchen mit Durchsuchungen und Maßnahmen wie Besuchsrechteinschränkungen dagegen vorzugehen, jedoch meist erfolglos. Zu hoch ist der Bedarf, zu groß das Geschäft mit den Drogen. Viele Leute würden erst in Haft mit dem Drogenkonsum beginnen, berichten sowohl Matzke als auch Kubik. Denn oftmals ist der Drogenkonsum das einzige was bleibt, um den tristen Alltag im Freiheitsentzug auszuhalten. Es gibt hier Leute, die nichts zu verlieren haben, sagt Mielke. Daher müsse das Ziel einer Haftstrafe nicht lediglich die Bestrafung, sondern auch ein Umdenken sein. Wir müssen Angebote machen, die Menschen zur Veränderung bewegen. Das geht nur, wenn man an sie glaubt und ihnen auf Augenhöhe begegnet. Dazu gehören Sport, Kunst und Kultur, Ergotherapie. Aber auch dafür braucht es Personal.

Mehr Häftlinge in den offenen Vollzug

Zwar fördert Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) Ausbildungsplätze für Justizvollzugsbeamte, außerdem wurden dem sächsischen Justizvollzug mit dem Doppelhaushalt 2017/2018 zusätzlich 105 Stellen zur Verfügung gestellt. Doch bis diese alle besetzt sind und damit der benötigte Personalschlüssel erreicht ist, wird es noch dauern. Mindestens zehn Jahre, sagt Selle. Hoffentlich drei bis fünf Jahre, sagt Mielke.

Bis dahin müssen die JVAs die prekären Zustände verbessern. Eine Möglichkeit: In Sachsen sitzen derzeit etwa 280 Personen lediglich eine Geldstrafe in Haft ab, weil sie nicht zahlen können. Laut Selle wäre es sinnvoll, mehr von ihnen im offenen Vollzug unterzubringen. Dort dürfen die Gefangenen tagsüber die JVA verlassen und zur Arbeit oder Ausbildung gehen, nur die Nacht verbringen sie wieder eingeschlossen. Für den offenen Vollzug wird deshalb weniger Personal benötigt.

Mehr Personal ist der eine wichtige Lösungsansatz, aber auch im Umgang mit den Gefangenen steckt Potenzial zur langfristigen Verbesserung der Lage. Bessere Resozialisierungsangebote könnten die Rückfallquote senken. Denn statistisch gesehen wird über die Hälfte der Gefangenen in den ersten drei Jahren nach der Entlassung rückfällig. Die Justizvollzugsanstalten haben selbst einen großen Teil daran zu verantworten, kritisiert die Gefangenengewerkschaft. So sei die Ausgestaltung der Resozialisierungsprogramme meist nicht ausreichend. Man muss genau hinschauen, warum die Gefangenen straffällig werden, sagt auch Selle. Nur so könne man garantieren, dass sie erlernen, ihren Tagesablauf wieder selbst in den Griff zu bekommen.