Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Die Nacht vor seinem Bekenntnis ist unruhig, Sturmtief Herwart tost vor der Tür, der Pfarrer findet kaum Schlaf. Draußen der fränkische Ort Veitshöchheim, 10.000 Einwohner, Familienhäuser mit Vorgärten, in der Nähe Weinberge. Speckgürtel-Normalität bei Würzburg. Als es Morgen wird, fährt der Pfarrer hinauf zur Kirche, angespannt und zuversichtlich. Da kommt die Pfarrerin, denken die Uneingeweihten an diesem 29. Oktober.

Aber der Mensch, den die Gemeinde seit sieben Jahren als Silke Wolfrum kennt, will nicht mehr vorgeben zu sein, was er nicht ist. Silke, die Pfarrerin.

Die Predigt im Gottesdienst handelt an jenem Sonntag vom Ende der Sintflut, 1. Mose 8, Gott schließt Frieden mit sich und den Menschen. Nach dem Schlusslied, das hatte der Pfarrer dem Organisten vorher gesagt, solle der warten mit dem Nachspiel. Wolfrum, den die meisten noch für die Pfarrerin halten, will etwas sagen. Dass er sich auf den Weg macht. Dass er als Mann fühlt und endlich als Mann leben wird.

Aber der Orgelspieler, jenseits der 80, vergisst die Absprache. Also muss Wolfrum warten, das Mikrofon schon in der Hand, den Talar abgelegt. Die Orgelpfeifen spielen zwei Sätze durch, Ein feste Burg ist unser Gott, das reformatorische Kampflied schlechthin, Text und Melodie sollen von Luther selbst stammen. Draußen verdrängt die Sonne den Sturm, scheint in die Kirche. Jetzt, denkt der Pfarrer nach dem letzten Ton.

Er erzählt, frei, die Worte aus dem Kopf. Von den Jahren voller Selbstzweifel, Angst, Unzufriedenheit. Wie er seit über 40 Jahren spürt, im falschen Körper zu sein. Wie schließlich im Sommer die Entscheidung reift. In einem Spielfilm würde man nun Rückblenden sehen: Das Fremdsein in der Mädchen-Puppenecke im Kindergarten. Die Abiturfeier mit Jeans und Sakko. Die Flucht in evangelikale Jugendgruppen. Das zum Scheitern verdammte Eheversprechen mit einem Mann.

Applaus und Unterstützung

Dann ist es raus. Noch in der Kirche applaudieren viele. Ein paar Freundinnen erwarten Wolfrum am Ausgang, geben ihm Halt. Die "Bild" titelt: "Unsere Pfarrerin ist jetzt ein Mann – na und?". Die evangelische Landeskirche, vorab informiert, unterstützt ihn. Ebenso der Kirchenvorstand, das wichtigste Gremium der Gemeinde. Wolfrums Bruder in Spanien, zu dem er kurz danach fliegt, versteht ihn. Die Mutter, alt und überrascht, bemüht sich. Der Vater ist seit Jahrzehnten tot.

Ein grauer Novembermittwoch, rund eine Woche nach dem Bekenntnis. Neben dem Bahnhof Veitshöchheim wartet das einzige Car-Sharing-Auto des Orts auf den nächsten Nutzer. In seinem Büro einige Meter entfernt lässt der Pfarrer Kaffee servieren. "Ich habe auch in den Tagen nach dem Gottesdienst fast nur positive Reaktionen gekriegt", erzählt er. Ein Freund aus dem Schützenverein – Wolfrum schießt Bogen, Luftgewehr, Luftpistole – hat zu ihm gesagt: "Steh‘ zu dem, was du bist."

Kein Hass, keine Wut? Der Pfarrer geht zu seinem Computer, vorbei an einer blauen Wand mit dem gerahmten Foto einer Möwe. Eine Mail hat er gekriegt, Bibelzitat an Bibelzitat. Gott macht keine Fehler, und wir haben zu akzeptieren, wie wir geschaffen sind. "Dem könnte ich viele andere Bibelstellen entgegenhalten", sagt Wolfrum. "Gott liebt mich bedingungslos, wie ich bin. Aber diese Leute kann man nicht überzeugen."

Aus dem Kirchenvorstand heißt es, vielleicht seien manche, die die Entscheidung ablehnen, noch still und äußerten sich erst später. Der Pfarrer selbst hält es für möglich, dass konservative Gläubige seinen Predigten fernbleiben werden. Eine Handvoll vielleicht. Viel ist das nicht, bei 2.800 evangelischen Gemeindemitgliedern. Wobei: Von allen Mitgliedern gehen nur 30 bis 60 in einen gewöhnlichen Gottesdienst. Wolfrum würde jeden, der wegbleibt, bemerken.