Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie Überland. Sieben Lokalreporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Pop-up-Ressorts #D17 , in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

Weitere Informationen über das Projekt #D17

Es ist bislang nur das Echo, das Wesel über die regionalen Grenzen hinaus bekannt macht. "Wie heißt der Bürgermeister von Wesel?", wird noch heute in Höhlen oder in den Bergen gerufen. "Esel", schallt es dann zurück, und die Kinder kichern. Der ewige Widerhall, der Wesel immer auf das als dümmlich geltende Nutztier zurückgeworfen hat, soll nun enden. Wesel will nach vorne schauen.

Vor wenigen Wochen hat das Stadtmarketing mit mehreren Unternehmen die Kampagne Weseleben gestartet. An 40 Standorten in elf NRW-Universitätsstädten, darunter Bonn, Köln, Aachen und Düsseldorf, wurden Plakate geklebt. Manche Großstädter standen irritiert davor. Sie stellten sich die Frage: Was will Wesel– und was soll ich da?

Die großflächigen Drucke geben nicht sofort eine Antwort. Auf einem fährt eine Frau auf einem geschwungenen Stethoskop Fahrrad. Daneben der Slogan: "Für mehr Herzklopfen. Wir verschreiben Bewegung – Dein Job und Dein Leben in Wesel". Es gibt drei weitere Motive: eine Glühbirne, in der Gänse fliegen; ein gelber Schutzhelm, aus dem ein Bambus wächst; ein Reagenzglas, in dem der Rhein fließt. Der Ort am Niederrhein wird als Naturerlebnis und Industriestandort gleichermaßen angepriesen.

In der auf drei Jahre angelegten Kampagne gehe es darum, Fachkräfte in die Stadt zu locken, sagt Thomas Brocker, Chef des Stadtmarketings. Es mangelt an technischem Personal, Ingenieuren, Architekten und IT-Spezialisten. Später sollen "weitere Phasen gezündet" werden, die Wesel für Familien interessant machen sollen. "Ziel ist, dass die Menschen bei uns eine neue Heimat finden und Wurzeln schlagen", sagt Brocker. "Niemand muss in einer Großstadt wohnen. Bei uns gibt es alles, was man zum Leben braucht. Und damit werben wir."

Intelligent und störrisch, so wie wir

Ulrike Westkamp, die Bürgermeisterin von Wesel © Marcus Simaitis

"Wesel bietet eine hohe Lebensqualität, auch wenn sich der eine oder andere Jüngere noch mehr Großstadt wünscht", sagt Wesels Bürgermeisterin Ulrike Westkamp. Seit 2004 leitet die SPD-Politikerin die Geschicke der Stadt. Natürlich stehen in ihrem Büro im neuen Rathaus zahlreiche Esel. Mit dem Tier hat sich die Stadt längst ausgesöhnt. Westkamp hat es sogar zur Werbefigur erhoben. Wie Berlin den Bären ließ Wesel vor einigen Jahren 111 Esel aus Kunststoff individuell bemalen und in der Stadt verteilen. "Der Esel ist intelligent, störrisch und überlegt sich jeden Schritt ganz genau", sagt Westkamp. "So wie wir."  

Vor 15 Jahren noch sei es um Wesel nicht gut bestellt gewesen. Mehrere große Firmen, darunter auch Siemens, wanderten ab. Die Haushaltskasse musste einen Absturz der Gewerbesteuern von jährlich 37 Millionen auf 16 Millionen verkraften. Danach habe man sich "neu aufgestellt" und Raum für solide mittelständische Unternehmen geschaffen.

Den Zahlen nach steht die 62.000-Einwohner-Stadt am Rande des Ruhrgebiets zwischen Oberhausen und Bocholt nicht schlecht da. Die Arbeitslosenquote liegt bei sieben Prozent, Tendenz fallend. Es gibt zwei Gymnasien, eine Gesamtschule, eine Real- und eine Hauptschule, U3-Betreuungsplätze sind ausreichend vorhanden. Die Eröffnung der neuen Rheinbrücke im Jahr 2009 brachte die Region verkehrstechnisch voran.

Achim Klingberg, Chef des Weseler Unternehmens Lase © Marcus Simaitis

"In Wesel gibt es keine Highlights, dafür viele Lowlights", sagt Achim Klingberg, Chef von Lase, einem Weseler Unternehmen, das sämtliche großen Seehäfen der Welt von Shanghai bis San Francisco mit Laserscannern ausgestattet hat und händeringend nach Programmieren sucht. Zu den Lowlights, den kleinen Schönheiten, die erst auf den zweiten Blick auffallen, gehöre vor allem die Natur. Um Wesel herum gibt es reichlich Wälder und Felder, der Auesee ist mit seinem Strandbad im Sommer ein beliebtes Ausflugsziel. Und noch etwas sei ein Standortvorteil, sagt Klingberg: "Bei uns sind Immobilien noch bezahlbar."