Ein große Kiste mit Hunderten Handys, abgeschlossen von 8.30 Uhr bis zum Unterrichtsende um 16.30 Uhr: Ab kommenden Jahr will Frankreich die Mobiltelefone von Schülerinnen und Schüler an den Schulpforten einkassieren. "So können sich die jungen Menschen wieder besser konzentrieren, sie spielen wieder auf dem Schulhof, anstatt Videos zu gucken", ist Bildungsminister Jean-Michel Blanquer überzeugt. 

Das jüngste Handyverbot an Schulen ist ein Aufreger. Frankreich geht damit sogar weiter als seine Nachbarländer. In Deutschland gilt bislang nur in Bayern ein Handyverbot. Der damalige Kultusminister reagierte damit 2006 auf Mobbingfälle auf dem Pausenhof, bei denen Schüler verprügelt und dabei gefilmt wurden. Aber inzwischen wehren sich Schülerverbände und Eltern gegen die entsprechende Regelung im bayrischen Schulgesetz. Das einzige Verbot in Deutschland könnte also bald wieder kippen.

"Anstatt so ein beifallheischendes Gesetz zu schaffen, sollten wir besser allen beibringen, mit diesen Alltagsgegenständen besser umzugehen", sagt der 17-jährige Ugo Thomas, Vorsitzender des französischen Schülerverbandes SGL. Er fragt sich, wie die Lehrer 600 oder manchmal 1.000 Telefone einsammeln wollten. "Das ist schlicht unmöglich", glaubt Thomas. Tatsächlich haben die meisten Schulen, vor allem Grundschulen und weiterführende Collèges, über ihre Hausordnungen ohnehin festgeschrieben, dass die Telefone im Gebäude ausgeschaltet sein müssen. Auf den Pausenhöfen sind sie allerdings meistens erlaubt.

Interessanterweise beschweren sich in sozialen Foren und in Interviews vor allem Eltern über das angekündigte Verbot. Sie sind es inzwischen gewohnt, ihre Kinder immer erreichen zu können. Sie sollen anrufen können, wenn sich etwa die Nachmittagspläne ändern. Manche Eltern wollen ihre Kinder auch in der Pause per SMS unterstützen, falls sie gemobbt werden. Tatsächlich sind auch unter jüngeren Schülern Handys inzwischen selbstverständlich: 94 Prozent der 12-jährigen Franzosen und Französinnen besitzen laut einer Studie ein Handy. Vor sechs Jahren war es nur jeder fünfte. 

"Wie am Flughafen"

"Wir müssen für dieses Verbot vor allem die Eltern beruhigen," sagt Frédérique Rolet, Generalsekretärin der Lehrergewerkschaft SNES-FSU. Dabei könnten die Schüler natürlich – wie schon vor der Erfindung des Handys – ihre Eltern kontaktieren, sollten sie beispielsweise krank sein oder ein Problem haben. Prinzipiell findet Rolet ein Verbot sinnvoll. "Es gibt Schüler, die ständig abgelenkt werden, die Videos gucken, SMS schreiben oder auf Nachrichten warten. Sie verlieren ihre Aufmerksamkeit für die Schule." Aber auch Rolet fragt sich, wie die Handys aufbewahrt werden und wer sie einsammeln soll: "Wir können nicht jeden Morgen wie am Flughafen die Taschen durchwühlen und Telefone raussammeln."

Bildungsminister Blanquer setzt mit dem jüngsten Verbot ein Wahlversprechen von Präsident Emmanuel Macron um. Tatsächlich ist es überraschend, dass ausgerechnet die Macron-Regierung solch ein weitreichendes Gesetz plant. Bislang sind die Liberalen eher bekannt dafür, die neuen Technologien zu preisen, Schulen besser mit Computern auszustatten und ländliche Gegenden mit schnellem Internet verbinden zu wollen. Ohnehin gibt es schon seit 2010 im Schulgesetz einen Artikel, der Handys an allen Grundschulen und im weiterführenden Collège im Schulgebäude selbst verbietet. Nur waren bislang die Pausenhöfe von der Regelung ausgeschlossen.