Die Zypressen stehen noch. Früher warfen sie in der Abendsonne lange Schatten auf die blassgelbe Wand des Hauses Frühlingsstraße 26, Ortsteil Weißenborn, Zwickau. Zwei Geschosse hatte das Gebäude, Fensterbögen unten im Erdgeschoss und im ersten Stock drei besondere Bewohner: Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe. Die Wohngemeinschaft des Nationalsozialistischen Untergrunds. Die NSU-WG.

Zehn rassistisch und staatsfeindlich motivierte Morde hat die Gruppe nach den Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft begangen. Zwei Bombenanschläge. 15 Raubüberfälle. Für die Weißenborner waren die drei einfach Nachbarn. Dreieinhalb Jahre lang, von 2008 bis zum Ende des NSU, wohnten sie hier. Bis am 4. November 2011 eine Explosion die Stille in Weißenborn zerriss. Beate Zschäpe hatte das Haus in der Frühlingsstraße mit Benzin in Brand gesetzt. Sie drückte einer Nachbarin auf der Straße die Körbe mit ihren Katzen in die Hand und verschwand.

Ein halbes Jahr stand die verkohlte Ruine des Hauses noch. Die Trümmer stellten der Stadt eine Frage: Was soll mit uns passieren? Wie wollt ihr Stadtbewohner damit umgehen, dass die Mitglieder des NSU eure Nachbarn waren?

Die Stadt entschied, Bagger kamen und räumten alles ab. Seitdem fällt der Schatten der Zypressen auf eine leere Wiese. In Zwickau-Weißenborn ist der NSU heute unsichtbar.

Die leere Wiese

Frühlingsstraße: Hier stand das Haus, in dem der NSU von 2008 bis 2011 wohnte. Geblieben ist nur eine Wiese. © Simon Koy für ZEIT ONLINE

Der NSU tötete im ganzen Land Menschen. Seine Taten gehen alle an, nicht nur die Stadt Zwickau. Es gibt die formale Aufarbeitung: In München läuft seit fast fünf Jahren der Prozess gegen Zschäpe, 2018 soll endlich das Urteil fallen. In mehreren Landtagen wühlen sich Untersuchungsausschüsse durch Akten. Es gibt Theaterstücke, Bücher, einen oscarnominierten Film, Diskussionsrunden, Gedenkfeiern. Und die ständige, unangenehme Frage: Wie war das möglich? Was hat das mit uns zu tun? In Zwickau, wo die drei Terroristen insgesamt über zehn Jahre wohnten, drängen diese Fragen etwas mehr als anderswo. Vielleicht finden sich auch ein paar mehr Antworten.

An der leeren Wiese in der Mitte von Weißenborn kann man mit der Suche nach den Zwickauer Antworten beginnen. Bei den Nachbarn von damals. Sie müssen sich ja gewundert haben über die Dreier-WG, in der die Männer verschwiegen waren und vor der Tür häufig Wohnmobile standen. Schließlich passt man hier auf, was die Nachbarn so treiben. Auch die Postbotin schaut misstrauisch, wenn jemand in der Frühlingsstraße einen Fotoapparat herausholt.

Aber die Anwohner wollen nicht reden. "Dazu ist alles gesagt", sagt Frau H. "Da wollen wir uns nicht beteiligen", sagen die Eheleute M. Und Herr R. sagt ein Treffen erst zu, dann zwei Stunden vorher wieder ab. Am Telefon hatte er sich noch darüber beklagt, dass die Stadt das Haus abgerissen hat.