"Sie haben die Gerichte, Fernsehen und das Schulsystem – jetzt wollen sie auch die Kultur an sich reißen", sagt Paweł Łysak und meint die polnische Regierung der Partei Recht und Ordnung (PiS). Łysak leitet das Teatr Powszechny in Warschau und weiß, wovon er spricht: Schließlich wurde ein Stück seines Theaters über Monate kontrovers diskutiert, Schauspieler wurden tätlich angegriffen, Festivals und Kooperationspartnern wurde die Förderung entzogen. Wegen eines Säureangriffs Anfang Dezember ist die Bühne aktuell nicht benutzbar.

Der Hintergrund: Die Aufführung Klątwa (Der Fluch) basiert auf einem Stück des polnischen Künstlers Stanisław Wyspiański von 1899 und erzählt die Geschichte eines Dorfes, in dem der Pfarrer eine sexuelle Beziehung und zwei Kinder mit einem Mädchen hat. Weil das Dorf von einer großen Dürrewelle heimgesucht wird, sucht man einen Sündenbock und steinigt die junge Frau – nicht etwa den Pfarrer. In der modernen Adaption wird das Thema aufgegriffen und gezeigt, welchen starken Einfluss die Kirche noch immer im erzkatholischen Polen hat.

Am meisten störten sich die Kritiker an einer Szene, in dem ein Schauspieler Oralsex an einer Statue von Papst Johannes Paul II. ausübt. Die Premiere fand im Februar statt, und kurz darauf wurde ein Ausschnitt, natürlich ohne jeden Kontext, in den Hauptabendnachrichten des öffentlich-rechtlichen Senders TVP gezeigt. In Folge wurde das Theater von Anhängern von ultrakonservativen Gruppierungen belagert, Besucher wurden attackiert. "Am schlimmsten war es im Mai, als wir drei Tage lang von mehreren Hundert Personen belagert wurden", sagt Direktor Łysak. Nur dem enormen Polizeiaufgebot sei es zu verdanken, dass nichts Schlimmeres passiert ist.

Schauspieler im Nazikostüm

"Es war der größte Theaterskandal der letzten 10, 20 Jahre – wenn auch bei Weitem nicht der einzige", sagt Daniel Przastek, der das Institut für Politikwissenschaft der Universität Warschau leitet und mehrere Bücher über die politische Funktion des polnischen Theaters verfasst hat. Bis 1989 war Zensur an der Tagesordnung, doch auch danach ging die politische Einmischung weiter: An die 300 Interventionen im Kulturbereich hat Przastek seit der Jahrtausendwende gezählt und dokumentiert, und sie hängen fast immer mit der katholischen Kirche, neuerdings auch mit Patriotismus zusammen.   

Die ersten großen Kulturskandale gab es im Jahr 2000, zum hundertjährigen Jubiläum der Galerie Zachęta im Herzen Warschaus: einmal wegen einer Fotoausstellung mit Schauspielern im Nazikostüm, einmal wegen eines vom Meteoriten getroffenen Wachspapstes Johannes Paul II., der am Boden liegt. Einmal musste die Ausstellung vorzeitig beendet werden, beim zweiten Mal wurde die Direktorin gefeuert. 

"Seit 1989 hat sich alles geändert – nicht aber, wie das System Kultur funktioniert. Die größte Macht über Besetzungen und Förderungen hat immer noch das Kulturministerium", sagt Przastek. Das zeigt sich besonders, seitdem die aktuelle Regierung an der Macht ist und keinen Stein auf dem anderen lässt. "Auch wenn die meisten Theater, anders als andere Kultursparten, von den jeweiligen Gemeinden und nicht direkt vom Ministerium finanziert werden: Die Regierung nutze ihre Macht, um ihr rückwärtsgewandtes Geschichtsbild zu verkaufen", so der Experte.

Alles konzentriert sich auf die Vergangenheit

Insbesondere seit 2004, als das Museum des Warschauer Aufstands eröffnet wurde, beobachtet er eine neue Geschichts- und Kulturpolitik, die seitdem eine glorreiche polnische Vergangenheit zelebrieren. "Viele glauben tatsächlich nach Verlassen des Museums, dass Polen den Warschauer Aufstand gewonnen hätte – und das ist auch so gewollt", sagt Przastek. Mittlerweile laufen Jugendliche, aber auch Erwachsene in T-Shirts mit patriotischen Symbolen wie Adler, polnischer Fahne und Kotwica herum und feiern die Helden des Zweiten Weltkriegs. Auf den Postämtern stehen in den Verkaufsregalen Taschenbücher über die glorreiche Rolle Polens im Krieg.

"Jugendliche suchen nach Identifikation und greifen den Opfermythos dankbar auf. Die Politik befeuert das: Ging es früher noch um die Zukunft und die Gestaltung der Gesellschaft, konzentriert man sich jetzt nur noch auf die Vergangenheit", sagt der Historiker. Es sei auch das autoritäre Schulsystem, das hier versagt und kritisches Denken tendenziell unterbindet, anstatt zu fördern.

Die Regierung treibt unterdessen ihr Verständnis von Kultur munter voran: Eine weitere Intervention betraf das polnische Filminstitut PISF. Obwohl das polnische Filmschaffen sowohl künstlerisch als auch kommerziell erfolgreicher ist denn je, wurde PISF-Direktorin Magdalena Sroka im Oktober entlassen. Ihr Nachfolger ist der PiS-Parteifreund Radosław Śmigulski, zuvor Filmverantwortlicher des Regierungssprachrohrs TVP.

"Bei jeder Aufführung Standing Ovations"

"Śmigulski ist ein unbeschriebenes Blatt, allenfalls als Produzent von Kac Wawa bekannt, einem der schlechtesten polnischen Filme überhaupt", sagt Agnieszka Wiśniewska, Chefredakteurin von Krytyka Polityczna. Das Problem sei aber weniger die Person an sich, sondern das Auswahlverfahren: "Wenn nach einem unabhängigen Verfahren jemand herauskommt, den ich nicht mag, dann ist das mein eigenes Problem. Die Entscheidung war aber völlig willkürlich", so die Expertin, die mehrere Bücher zum Verhältnis von Film und Politik verfasst hat.

Die NGO Krytyka Polityczna wurde vor 15 Jahren als Plattform der politischen Debatte gegründet, die Kultur und Politik zusammendenkt. Mittlerweile ist es auch Verlagshaus und betreibt eine englische Website mit Beiträgen aus Polen und anderen Ländern. "Als wir anfingen hat sich keiner für Politik interessiert, außer den Politikern selbst", sagt Wiśniewska. Erst in den letzten Jahren, vor allem im Zuge der Proteste gegen den Umbau der Justiz oder ein Totalverbot für Abtreibungen merkten die Menschen, dass es um etwas geht. 

Allerdings bleibt der Aufschrei gegen die aktuelle Kulturpolitik zu leise, um gehört zu werden. An mehreren polnischen Theatern wurden im letzten Jahr die Direktoren gefeuert, allen voran am renommierten Teatr Polski in Wrocław und am ebenso etablierten Stary Teatr in Krakau. Damit einher gingen Änderungen im Spielplan und der inhaltlichen Ausrichtung der Theater. Zu den Demonstrationen gegen diese Intervention kamen gerade einmal um die 1.000 Leute.

Anhand ihrer Interventionen sieht man, dass die PiS nicht nur regieren, sondern ein Weltbild verwirklichen will. Schon mit der Entscheidung, Kulturminister Piotr Gliński, einen habilitierten Soziologen, auch zum Vizepremier zu machen, räumte PiS-Chef Jarosław Kaczyński der Kultur einen hohen Stellwert für sein Projekt eines "starken Polens" ein.

"Die Solidarität ist enorm"

Erst vergangene Woche wurde der private Sender TVN vom Nationalen Rat für Rundfunk und Fernsehen zu einer Strafe von 1,5 Millionen Złoty (etwa 380.000 Euro) verdonnert, weil er mit seiner Berichterstattung über die Proteste vor dem Parlament "illegale Aktivitäten" vorangetrieben und "Verhalten, das die Sicherheit gefährdet" beworben hätte. TVN ist mehrheitlich im Eigentum eines US-Konzerns und damit ohnehin schon länger ein Feindbild der Regierung.

 "Solche Gesetze kommen oft über Nacht: Journalisten, Richter oder Kulturmacher werden mit irgendeiner Begründung ausgetauscht, und die Regierung  treibt weiter ihre eigene Erzählung von Feinden des Landes voran. Das ist wie bei Orwell!", sagt Wiśniewska. Wenn erst mal alle Instanzen unter Kontrolle der PiS seien, gebe es keine Kontrolle mehr, und die PiS hätte ihr Ziel vom Umbau des Staats erreicht.

Noch ist es aber nicht so weit, sagt Historiker Przastek. Seine Hoffnung liegt vor allem auf den jungen Leuten – und auf der Kunst: dass sie Probleme aufzeigt und die Menschen zum Nachdenken bringt. Schon zu Zeiten des Kriegsrechts zwischen 1981 und 1983 und der Solidarność waren es vor allem die Theatermacher, die mit einer lauten Stimme gegen das System antraten – und letztlich Erfolg hatten.

Auch Theaterdirektor Łysak und sein Team wollen weitermachen und lassen sich, dem jüngsten Säureangriff zum Trotz, nicht einschüchtern. Weil sein Teatr Powszechny ein städtisches Theater ist, ist die Finanzierung auch weiterhin gesichert. Und aller Kritik zum Trotz ist auch der Zuspruch größer denn je: "Die Solidarität ist enorm! Wir haben bei jeder Aufführung Standing Ovations."