Auf der Fensterbank des kleinen Raumes im Berliner Lazarus-Hospiz steht eine rote Amaryllis, daneben liegen Taschentücher. Die sind wichtig. In diesem Zimmer hat Michaela Maxi Schulz sechs Monate lang an einer Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin teilgenommen. Bei den Treffen wurde geweint. Aber auch viel gelacht. Einmal lag sie auf dem Holzboden und musste sich vorstellen, sie selbst sei die Sterbende.

Acht Menschen hat Michaela Schulz seitdem auf ihrem Weg in den Tod begleitet. In einem Heftchen mit gelbem Einband notiert sie Stichworte zu jeder Person, den Namen und das Todesdatum. "Sie liebte Elefanten", steht dort über eine Verstorbene. "Sie hatte immer so schöne rote Fingernägel" über eine andere. Michaela Schulz ist Anfang 30 und trifft zweimal pro Woche Sterbende. Warum macht sie das?

Michaela Maxi Schulz ist 1985 geboren. Sie arbeitet als freie Schauspielerin und Produzentin in Berlin, unter anderem bei der Bühne für Menschenrechte und am Maxim Gorki Theater. Sie ist außerdem Teil des Bündnisses "behindert & verrückt feiern – Pride Parade Berlin". 2016 hat sie sich am Berliner Lazarus-Hospiz zur Sterbebegleiterin ausbilden lassen. © Louis Volkmann

"Vor fast zehn Jahren ist die Mutter einer guten Freundin an Krebs erkrankt und kurz darauf gestorben. Niemand im Freundeskreis wusste, wie man damit umgehen soll. Wir waren Anfang 20 und wenn überhaupt waren unsere Großeltern verstorben. Ich fühlte mich hilflos und wusste nicht, wie ich meiner Freundin beistehen sollte, noch dazu aus der Ferne. Sie lebte in Berlin, ich studierte in Ludwigsburg an der Schauspielschule. Die Freundschaft ist später auseinandergegangen, diese schwere Zeit war dafür sicher mitverantwortlich.

Wenn der Tod plötzlich zum Thema wird

Ich musste erfahren, dass der Tod auch schon mit Anfang 20 zum Thema werden kann. Und habe angefangen, mich mit dem Sterben auseinanderzusetzen. Ich habe Bücher gelesen, und natürlich auch an meine eigenen Eltern gedacht. Jahre später erzählte mir eine Kollegin in Stendal, wo ich inzwischen am Theater spielte, dass sie eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin machte. Als ich 2016 zurück nach Berlin zog, habe ich mich im Lazarus-Hospiz auch zur Ausbildung angemeldet. 

Bevor ein Mensch stirbt, verändert sich seine Atmung. Das habe ich hier gelernt. Häufig wird sie langsam und unregelmäßig, manchmal tritt aber auch eine hektische Schnappatmung ein. Beides ist natürlich und bedeutet nicht, dass die Person leidet. Es gibt noch mehr Anzeichen für einen baldigen Tod: Manche Menschen fangen an, an der Bettdecke herumzuzupfen, manche werden sehr unruhig und wollen noch mal aufstehen und plötzlich wieder rumlaufen. Schon Tage vorher wollen viele Menschen nichts mehr zu sich nehmen. Der Körper spürt, dass er nichts mehr braucht. Die Lippen und den Mund ein bisschen befeuchten, das ist es dann, was den Menschen hilft.

Aber vor allem haben wir in der sechsmonatigen Ausbildung, in der wir uns alle zwei Wochen getroffen haben, gelernt, uns einzufühlen. Ein Sterbender hat ein anderes Zeitgefühl, andere Bedürfnisse. Wir haben versucht, uns in diese Rolle zu begeben. Ein Sterbender kann immer weniger, nach und nach verlassen ihn seine Fähigkeiten, teilweise auch seine Sinne. Was würden wir uns in dieser Situation wünschen? Natürlich weiß ich immer noch nicht, wie sich diese Lebensphase anfühlt, aber vielleicht, wenn ich nicht einen plötzlichen Unfalltod sterbe, werde ich es irgendwann erfahren.

Auch sehr wichtig: Wir haben gelernt, auf uns selbst zu schauen. Nicht mehr zu geben als das, was wir wirklich geben können. Und ehrlich zu sein. Es bringt nichts, wenn ich abgehetzt bei einem Sterbenden sitze und meinen nächsten beruflichen Termin nicht aus dem Kopf bekomme.