"Heute Nacht kommt die Polizei", las Fabakary auf seinem Handy. Es war kurz vor Weihnachten 2015, er saß auf seinem Bett in der Flüchtlingsunterkunft in Prien am Chiemsee. Dass er abgeschoben werden sollte, wusste er schon seit Monaten. Jetzt wusste er auch wann, eine Flüchtlingshelferin hatte ihm geschrieben. Fabakary packte seine Sachen, schrieb einen Brief an die Polizei und legte ihn auf sein Kissen. Ich bin weg, stand drin, ich will weiter hier zur Schule gehen. Zum Deutschkurs, Sozialkundeunterricht und zur Berufsorientierung.

Er hatte nicht geplant, vor der Polizei wegzulaufen, als er 2015 aus Gambia kam. Eigentlich ging Fabakary nach Deutschland, weil er lernen wollte, sich gefordert fühlen wollte. In seiner Heimat wäre das nicht möglich gewesen, glaubt der 22-Jährige.Genausowenig hatte er geplant, eine deutsche Freundin zu finden. Das mit Paula sei einfach so passiert.

Nun schürt Fabakary morgens den Holzofen in ihrer Sozialwohnung, die nach der Nacht immer ausgekühlt ist. Drei Zimmer in einem gelben Mehrfamilienhaus, mit holzvertäfelten Wänden und Ausblick auf den Untersberg. Vieles kam anders, als er es sich vorgestellt hatte, aber das mit dem gefordert werden, das hat geklappt. Seit 13 Monaten hat er ein Kind mit Paula. Sie leben in Berchtesgaden, kurz vor der österreichischen Grenze: Berge, Schnee, eine verschlafene bayerische Kleinstadt. Fabakary kümmert er sich um Sohn Lamin, während Paula ihre Ausbildung zur Holzbildhauerin beendet. Bis dahin leben die beiden 22-Jährigen von Arbeitslosengeld und Kindergeld. Fabakary wickelt Lamin, kocht für ihn, spielt mit ihm. "Ich will einfach genug Papa-Zeit haben", sagt er. "Papa, Papa", wiederholt Lamin, er sitzt neben seinem Vater auf dem Boden und spielt mit der Trinkflasche, die sein Vater ihm hinhält. Papa ist Lamins Lieblingswort.

Fabakary spricht noch etwas gebrochen Deutsch, aber auf Englisch will er nur ausweichen, wenn es gar nicht anders geht. Deswegen hat er ja Deutsch gelernt. Teilweise bei fünf Lehrern gleichzeitig, die er sich zusätzlich zum offiziellen Kurs an der Berufsschule in Prien selbst gesucht hat,erzählen Mitglieder des Helferkreises. So lernt Fabakary auch Paula kennen.

Fast wie ein Date

Sie nennt es ihren "ersten gemeinsamen Abend" und spricht davon, als wäre es ein Date gewesen, mit schickem Essengehen und allem Drum und Dran. Die gemeinsame Freundin Lea brachte Paula mit in die Flüchtlingsunterkunft, Neonlicht, einfache Betten, Gruppenzimmer. Lea kannte Fabakary vom Trommelkurs, Motto: Wir können nicht miteinander reden, aber trommeln. Als Lea ging, fragte Fabakary Paula, ob sie noch bleiben und mit ihm Deutsch lernen wolle. Sie blieb, trank mit ihm Tee und brachte ihn nach dem Lernen bis zur Haustür eines Pflegeheims, wo er sich für den Nachtdienst bewerben wollte. Fast wie nach einem Date.

"Am Anfang dachte ich noch: Er könnte auch wie ein Bruder für mich sein", sagt Paula. Das veränderte sich ausgerechnet, als Fabakary abgeschoben werden sollte. Als Gambier waren seine Bleibechancen gering, nach nur zwei Monaten in Deutschland kam der Brief, den kein Flüchtling bekommen will. Ablehnung des Asylantrags, er sollte zurück in das Land, in dem er zuerst registriert wurde – Italien.

Doch Fabakary wollte nicht gehen, nicht von der Polizei geholt werden. Nach der warnenden SMS versteckte er sich bei Freunden. Bekannte riefen an und berichteten, dass die Polizei in der Stadt nach ihm suchte. Am folgenden Tag nahm die evangelische Kirche Prien ihn ins Kirchenasyl. Es war ein Glücksfall für ihn, dass die Behörden ihn nach Prien geschickt hatten, ein Ort, der sich sehr stark für Flüchtlinge engagiert. Er war dort auch bekannt, weil er besonders fleißig und aktiv in der Gemeinde war, sagt Paulas Mutter, die auch zu den Helferinnen gehört. Deshalb hätten viele sich für ihn eingesetzt.

Sie wird schwanger, während er im Kirchenasyl ist

Ab da besuchte Paula ihn an jedem Tag, den sie in ihrem Heimatort verbrachte. Sie kochten viel, hörten Musik und tanzten in Fabakarys Zimmer im Gemeindehaus, erzählen sie. "Am liebsten zu Dancehall", sagt Fabakary. "Oder Reggae", sagt Paula. An der Wand in ihrem Wohnzimmer in Berchtesgaden hängt ein Poster mit Bob Marley, im Flur Bilder von ihr mit Rastazöpfen, die Fabakary ihr geflochten hat.

Sie wollte nicht, dass er allein ist, sagt sie. Wer wie Fabakary Schutz bei der Kirche sucht, sollte das Gelände der Gemeinde nicht verlassen – sonst könnte ihn die Polizei auf der Straße jederzeit festnehmen. Die Kirchen setzen sich mit ihrem Asyl über die Entscheidungen des Staats hinweg und wollen erreichen, dass über die Fälle der Flüchtlinge noch einmal neu entschieden wird. Der Staat duldet zwar das Kirchenasyl, jedoch drohte das bayerische Justizministerium schon in Schreiben an die Kirchen mit Sanktionen gegen Pfarrer und Pfarrerinnen.

Dann passierte das mit Lamin. Zweieinhalb Monate, nachdem Fabakary aufs Kirchengelände gezogen war, wurde Paula schwanger. Es war nicht wirklich geplant, aber sie hätten es auch nicht verhindert, sagt Paula. Sie wird leicht rot und schaut auf ihre Hände, wenn sie davon spricht. In der einen hält sie einen Löffel, in der anderen eine Schale mit Reis und Curry für Lamin, der auf ihrem Schoß sitzt. Naiv will sie aber nicht wirken. "Ich wollte schon immer früh Mutter werden", sagt sie und schiebt ihrem Sohn einen Löffel Gemüse in den Mund, während er Reiskörner auf dem Tisch verteilt.