In den nächsten Jahren werden hierzulande Tausende Fachkräfte in der Pflege fehlen. Die Träger der Pflegeeinrichtungen werben deshalb unter anderem um die vielen arbeitswilligen Geflüchteten, die sich beruflich orientieren müssen. Doch die Religion ist im katholischen Deutschen Caritasverband und der evangelischen Diakonie Deutschland, also in zwei von sechs Spitzenverbänden der Wohlfahrt, noch immer ein entscheidendes Kriterium für eine Karriere.

Die kirchlichen Einrichtungen können nämlich von ihren Arbeitnehmern "weltanschauliche Loyalität" einfordern. Konkret kann das bedeuten: Wer nicht Mitglied in der Kirche ist oder nicht nach religiösen Grundsätzen lebt, kann deswegen gefeuert werden. So kündigte ein Caritasverband im Jahr 2011 einem Mitarbeiter einer Kindertagesstätte, weil der aus der katholischen Kirche ausgetreten war. Der Mann klagte. Doch das Bundesarbeitsgericht gab der Kirche recht. 

Zwar verlieren die Spitzenverbände zusehends Marktanteile an private Anbieter und an andere Verbände, etwa an das Rote Kreuz und die Arbeiterwohlfahrt. Hier spielt Religion keine Rolle. Aber noch immer werden viele Tausend Menschen in Einrichtungen kirchlicher Träger gepflegt. Mancherorts gibt es kaum eine Alternative.

Nicht christliche Pflegekräfte bekommen nur befristete Verträge

"Es gibt ein Diskriminierungsprivileg für die christlichen Kirchen", erklärt Aleksandra Lewicki, Juniorprofessorin an der britischen Universität Sussex. Sie hat für ihre Doktorarbeit mit vielen Pflegekräften gesprochen und sich mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz beschäftigt. Artikel 9 räumt diesen Einrichtungen eben jene Ausnahmen ein. 2017 hat sie sich in einer Expertise speziell mit der Situation nicht christlicher Pflegekräfte in Deutschland befasst.

Sie hat festgestellt, dass viele der Geflüchteten aus muslimischen Ländern wie Syrien, dem Irak oder Afghanistan  in christlichen Einrichtungen gar nicht unterkommen oder sich mit befristeten Arbeitsverträgen begnügen müssen. Das betrifft allerdings nicht nur Muslime, auch in Ostdeutschland ist es problematisch, Mitarbeiter zu finden, sind dort doch viele Menschen konfessionslos. Die Leiter der Heime sehen sich oft nicht in der Lage, die Vorgaben der Kirchenleitung umzusetzen.

Pflegekurse für Geflüchtete

Trotzdem kann man den kirchlichen Einrichtungen nicht vorwerfen, dass sie tatenlos bleiben. In nahezu allen Bundesländern gibt es Initiativen, die neue Mitarbeiter rekrutieren wollen. In Berlin etwa bietet die Diakonie sogar gezielt Pflegekurse für Geflüchtete an und möchte sie danach auch gerne auf den eigenen Stationen beschäftigen. Die Landesverbände der Diakonie orientieren sich bei den Einstellungen an neuen Vorgaben des Rates der evangelischen Kirche aus dem Jahr 2017. Prinzipiell können sie demnach Konfessionslose und Muslime beschäftigen. Nur dürfen diese keine Dienststellen leiten und keine Arbeit im Bereich der evangelischen Bildung übernehmen. Laut Richtlinie müssen sie außerdem in jedem Fall die "evangelische Prägung" ihres Arbeitgebers achten. Die Benachteiligungen wurden also aufgeweicht, aber nicht aufgehoben.

Andernorts suchen die Verbände jedoch lieber im Ausland nach möglichen Pflegern. "Dabei fokussieren sich die christlichen Träger vor allem auf christliche Mitarbeiter, etwa aus Polen", sagt Lewicki. Anders- oder nicht gläubige Mitarbeiter wollen die Verantwortlichen bisweilen dafür begeistern, zum Christentum zu konvertieren. Immer wieder ließen sich Menschen deshalb etwa für eine unbefristete Stelle taufen, hat Lewicki in ihren Befragungen erfahren. "Dabei ist den Patienten die Religion der Pfleger meist nicht wichtig", sagt sie. Außerdem: Reicht das, um die Lücken zu schließen?