Eine Fischkiste, blau.
Ein Nescafé-Kaffeedosendeckel, rot.
Eine Drachenschnur, weiß.

Gregor Scheiffarth zupft das Stück Drachenschnur aus dem Sand. "Einmal", sagt der Vogelschützer, "habe ich gleich sechs Austernfischer in so einer Schnur gefunden. Alle sechs Tiere waren tot. Stranguliert." Das war in seinen Sommern auf Mellum.

Mellum ist eine kleine Insel im niedersächsischen Wattenmeer, kaum 450 Hektar groß, bewohnt allein von Vögeln und Waldmäusen. Für Menschen ist der Zutritt im Vogelschutzgebiet verboten, es sei denn, sie haben eine Ausnahmegenehmigung der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer. Scheiffarth, 53 Jahre alt, hat so eine Genehmigung: Er arbeitet bei der Nationalparkverwaltung, er ist der Watt-Ökologe dort. Er darf nach Mellum, er muss nach Mellum, sogar jetzt im Winter.

"Ist da schon was?", ruft Thomas Clemens, 70 Jahre alt, aus dem Fahrstand der Navicula.
"Nee, noch nicht!" Scheiffarth sticht den Bootshaken noch einmal in die kalte Nordsee.
"Und jetzt?", fragt Clemens. Die Navicula rückt zwei Wellenschläge näher an Mellum heran.
Scheiffarth stochert weiter, "ja", ruft er, "jetzt bin ich unten!"
Der Bootshaken tastet den Nordseegrund ab. "Das ist flach genug", entscheidet Scheiffarth. Die Navicula stoppt.

Gregor Scheiffarth auf dem Weg nach Mellum © Florian Manz für ZEIT ONLINE

Mellum hat keinen Hafen, wer auf die Insel will, muss durchs Wasser laufen. Auf der engen Navicula zwängen sich Scheiffarth und Clemens in ihre Wathosen, wasserdichte Gummieinteiler mit angenähten Stiefeln. Dann steigen sie über die Taucherleiter in die Nordsee. Wellen schlagen ihnen gegen den Bauch, als sie loslaufen, an ihren Stiefeln saugt der Schlick. Nach einem Kilometer stehen sie am Strand, Wasser und Winter funkeln in ihren Bärten.

Die Wattenmeer-Insel Mellum

Scheiffarth ist ein jungenhafter Mann mit Brille, Typ erfahrener Student. Er sagt: "Mellum ist für mich ein bisschen, wie nach Hause kommen." Drei einsame Sommer hat er als Vogelwart auf der Insel verbracht, er schrieb seine Diplomarbeit hier. Seither kehrt der promovierte Biologe so oft es geht zurück, "mindestens einmal im Jahr".  Er atmet tief durch: was für eine Luft!

Clemens ist eher der Typ Seebär: wilder Vollbart, Locken, Stirnband. Er sagt: "Mellum ist eines der letzten Paradiese in Deutschland." Clemens war Chemielaborant, Vogelwart auf Helgoland, Marinesoldat, Gymnasiallehrer, er schrieb eine Doktorarbeit über das Birkhuhn. Seit fast einem Vierteljahrhundert ist er Vorsitzender des ehrenamtlichen Mellumrats, der seit 1925 das Schutzgebiet überwacht und die Vogelwarte betreut. Clemens schließt die Augen: diese Stille!

Er öffnet die Augen wieder, sein Blick schweift über Salzwiesen, Dünen, Priele, er erfasst Pfeifenten und Strandpieper, im Sanddorn sitzt ein Zaunkönig. Als sein Blick zurück zum Strand geht, erfasst er:

Einen Chemikalienkanister, schwarz.
Einen Schiffsfender, gelb.
Luftballonreste, grün, rot, blau.

Einmal, sagt Clemens, haben sie im Magen eines Eissturmvogels einen ganzen Luftballon gefunden, 13,5 Gramm schwer. "Der Vogel ist verhungert, bei vollem Magen."

Die Herbststürme haben den Spülsaum in Richtung Inselmitte geschoben. Meterhoch liegt dort Tang, Seegras, Treibgut, überzuckert mit dünnem Schnee. "Wenn wir hier jetzt graben würden, würden wir Müll aus den vergangenen Jahren und Jahrzehnten finden", sagt Clemens. Den Müll des vergangenen Jahres findet er, ohne zu graben.

© Florian Manz für ZEIT ONLINE

Ein Spielzeugball von Tedi, gelb-blau.
Eine Tüte Vollmilch-Brocken von Storck, weiß-blau.
Eine PET-Wasserflasche von Evian, blassblau.

Mellum ist ein Paradies mit plastikbunten Schmutzflecken. Bei der ersten großen Müllsammelaktion auf Mellum vor vier Jahren fanden Clemens und seine Helfer 54.000 Müllteile, mehr als zwei Drittel davon aus Plastik. Sie füllten damit 16 Bigbags, kubikmetergroße Sammeltaschen. Ein Landungsboot musste die Säcke abholen.

Clemens pfriemelt die Evian-Flasche aus dem Dünengras. Schätzungen zufolge wird diese PET-Flasche 450 Jahre lang halten. So ganz genau weiß das niemand, schließlich läuft die Plastikforschung noch keine 450 Jahre.