Dieser Text gehört zu unserer Reportageserie "Überland". Neun Lokalreporterinnen und -reporter berichten für ZEIT ONLINE aus ihrer Region. Die Serie ist Teil unseres Ressorts #D18, in dem wir Deutschland Deutschland erklären wollen.

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Das Leben von Alexa ist zusammengebrochen. Alle Säulen, auf denen es stand, von Jahr zu Jahr wackliger, sind eingestürzt. Ihre Wohnung in Dresden wird aufgelöst. Den letzten Job als Reinigungskraft hat sie schon lange verloren. Ihre beiden Töchter sieht sie nur gelegentlich. Die Vierjährige lebt beim Ex-Mann und denkt, ihre Mutter sei wegen Rückenschmerzen im Krankenhaus. Der Zehnjährigen, die bei Alexas Eltern untergekommen ist, hat sie die Wahrheit angedeutet. Sie hat ihr etwas von Drogen erzählt. Und dass sie den Entzug schaffen will.

Die Wahrheit sieht so aus: Alexa ist 33 und schwerstabhängig. Schon ihr halbes Leben verbringt sie mit Crystal. Zuletzt brauchte sie ein Gramm pro Tag, geschnupft durch die Nase, denn sie hat Angst vor Spritzen. Als der Konsum immer teurer wurde, begannen sie und ihr Ex-Mann zu dealen – im Wohnzimmer, nebenan waren die Kinder. 200 Gramm pro Monat setzten sie um, täglich klingelten zwanzig, dreißig Kunden. Manchmal lagen 13.000 Euro in ihrem Versteck unterm Sofa. Aber die Scheine verschwanden auch schnell wieder, gingen für den eigenen Konsum drauf, denn das Paar wurde immer abhängiger und kaputter.

Gerade wohnt Alexa auf der B 3.1. Auf der Suchtstation des Arnsdorfer Krankenhauses, in der Nähe von Dresden. Die Tage sind voll mit Terminen, von Arztvisite bis Ergotherapie. Und doch tropfen sie zäh dahin, findet Alexa. Weil ständig der Suchtdruck lauert. Sie ist schmal, hat dunkle Haare mit grell gefärbten Strähnen, ein Kumpeltyp in Sportklamotten. Ihr Gesicht sieht erschöpft aus, die Haut fahl und unruhig. Niemand soll sie erkennen, deshalb will sie in dieser Geschichte Alexa heißen.

Sie sitzt im Aufenthaltsraum, hier gibt es eine Tischtennisplatte und eine Raucherterrasse mit übervollen Aschenbechern. Hastig erzählt sie, mit rauer Stimme, unter dem Tisch zappeln ihre Beine. "Nervös war ich schon immer. Durch das Zeug ist es noch schlimmer geworden."

Eigentlich sei sie normal aufgewachsen, als Einzelkind, in einfachen Verhältnissen, sie habe einen guten Draht zu ihren Eltern gehabt. Die bekamen aber jahrelang nicht mit, dass ihre Tochter in kriminelle Kreise abrutschte. "Nur manchmal wunderte sich mein Vater, dass ich so fertig aussehe."

Das erste Mal hat sie Crystal mit 17 probiert. "Die meisten meiner Freunde haben es genommen, das gehörte bei Partys dazu." Lange dachte Alexa, sie habe alles unter Kontrolle, "ist doch nur ein, zwei Mal die Woche". Doch die Dosen stiegen. Als sie schwanger wurde, hörte sie auf, weil ihr von Crystal übel wurde. Nach den Geburten geriet sie jedes Mal wieder in den Strudel. Dass es sich irgendwann umgekehrt hatte und die Droge sie im Griff hatte, merkte Alexa nicht.

In Sachsen ist die Arnsdorfer Suchtstation bekannt. Sie ist eins von vielen Auffangbecken für Aussteiger. Manche sind nur einmal hier und schaffen den Weg zurück in ein normales Leben. Andere kommen immer wieder. Leere Betten gibt es nie, Crystal hat sich in Sachsen zur Volksdroge entwickelt. Ein riesengroßer Kreislauf ist entstanden. Auf der einen Seite Abhängige, Dealer und Produzenten, auf der anderen Mediziner, Politiker und Polizisten, die versuchen, diese Strukturen auszutrocknen.

Sachsen ist ein Präzedenzfall in Deutschland, nirgendwo anders bekommt man Crystal so leicht und billig wie hier. Während im Bundesgebiet in den letzten Jahren weniger Methamphetamin beschlagnahmt wurde, stiegen die Mengen in Bayern, Sachsen-Anhalt, vor allem aber in Sachsen. 2016 registrierte das Bundeskriminalamt in ganz Deutschland insgesamt 62 Kilogramm, fast ein Viertel davon in Sachsen.