Alexa will nicht erkannt werden. Gerade verbringt sie ihre Tage in der Suchtstation Arnsdorf. © Doreen Reinhard

Der Freistaat ist das größte Einfallstor für Crystal. Tonnenweise wird es in tschechischen Laboren hergestellt und gelangt über die Grenzgürtel vom Erzgebirge über die Sächsische Schweiz bis hin zur Lausitz auf den deutschen Markt. Bei Dealern auf Großmärkten an der tschechischen Grenze, wo offiziell Zigaretten, Blumen und Tand in der Auslage liegen, gibt es ein Gramm Crystal schon für 20 Euro. In Großstädten wie Dresden muss man dafür mindestens 50 Euro mehr zahlen. Der Preis steigt, je weiter man ins Landesinnere kommt.

Sogar im Abwasser ist Crystal nachweisbar. Das Europäische Überwachungszentrum für Drogen kontrolliert jährlich Proben aus knapp sechzig europäischen Städten auf Methamphetamin. Sächsische Städte liegen in Deutschland stets vorn. Den aktuellen Spitzenwert hat Chemnitz – mit 240 Milligramm pro 1.000 Personen und Tag. Das sind noch höhere Werte als in Nordböhmen, wo sich die meisten Crystalküchen befinden.

28 Tage dauert der Entzug

Vor mehr als fünfzehn Jahren haben tschechische Polizisten die ersten Alarmsignale an ihre Kollegen auf der anderen Seite geschickt. Da sei ein neuer Stoff unterwegs, der sich rasend schnell ausbreite. Seither kann man in den Statistiken verfolgen, wie sich diese Prophezeiungen erfüllen. 2010 meldeten sich 1.500 Betroffene in sächsischen Suchtberatungsstellen. Inzwischen sind es jährlich etwa 4.800. Die Zahl stagniert, jedoch auf hohem Niveau. In einigen Bereichen werden sogar leichte Rückgänge festgestellt. Manche sehen darin ein erstes Zeichen, dass der Kampf gegen Crystal endlich etwas bewirke. Andere warnen: Die Zahl sei nur die Spitze eines großen Problems, denn die meisten Süchtigen suchen nur dann Hilfe, wenn sie bereits unten angekommen sind.

Dass ihr Leben zerrüttet ist, hat Alexa erst vor ein paar Monaten begriffen, als das Jugendamt zweifelte, ob sie noch in der Lage ist, für ihre Kinder zu sorgen. Den Entzug muss sie auch als Beweis für das Amt durchziehen und zeigen, dass sie Verantwortung übernehmen kann, zuerst für sich selbst. Schon einmal ist sie daran gescheitert. 28 Tage dauert ein Entzug in der Klinik, aber schon zwei Tage nach ihrer ersten Entlassung saß Alexa wieder vor der Droge. Mit Jungs, die sie auf der Station kennengelernt hatte. "Die wollten von Anfang nicht aufhören. Als sie aus dem Entzug raus waren, haben sie sofort wieder das Meth ausgepackt."

Sie sah das Pulver, begann zu schwitzen, zu zittern und rannte zum nächsten Dealer, um sich selbst ein halbes Gramm zu besorgen. "Als ich es genommen hatte, ging es mir aber nicht besser. Ich fühlte mich einfach nur beschissen, weil alles von vorn anfängt." Am Morgen danach rief sie beim Krankenhaus an. Sie bekam eine zweite Chance. "Dieses Mal muss ich es schaffen."

Die Oberärztin Manuela Teuber © Doreen Reinhard

Viele Patientinnen und Patienten sieht Manuela Teuber immer wieder. "Die meisten kommen erst zu uns, wenn es fünf vor zwölf ist", sagt die Oberärztin der Suchtstation. "Zwei Drittel der Patienten sind fremdmotiviert, das heißt, sie wollen oder müssen Auflagen erfüllen, um ihre Kinder wiederzubekommen oder nicht im Gefängnis zu landen." Schwierige Voraussetzungen für eine Therapie. Vor allem die schweren Fälle kämpfen jahrelang, manche gewinnen nie.

Dauerthema der Politik

Crystal ist längst mehr als eine Milieudroge. Teuber behandelt alle Schichten, "vom Arzt bis zum Fließbandarbeiter". Einen Rückgang der Fälle beobachtet man im Arnsdorfer Krankenhaus nicht. "Crystal ist ein Problem, das immer größer wird", sagt sie. "Die Droge ist so gefährlich, weil sie genau das Bild bedient, das die Gesellschaft von uns will. Alle sollen immer gut drauf sein, grenzenlos belastbar und leistungsfähig. Niemand soll Bedürfnisse haben, keiner darf müde werden."

In der sächsischen Politik ist Crystal ein Dauerthema. 2014 beschloss die Landesregierung einen Zehn-Punkte-Plan zur Prävention und Bekämpfung. In einer Großen Anfrage der Grünen im Landtag wurden die Maßnahmen gerade ausgewertet. "Der Plan ist keine Erfolgsgeschichte", bilanziert die Opposition. Sicher gebe es auch positive Entwicklungen: mehr Personal in Beratungsstellen, kürzere Wartezeiten für Erstberatungen, eine verbesserte Datenlage über die Betroffenen.