Noch 600 Meter bis zur Grenze, dann haben sie es geschafft. Drei Syrer auf der Flucht. Auf der Flucht zurück, raus aus Europa, raus aus Deutschland.

In der Dunkelheit marschieren sie auf einem schmalen Waldweg. Auf ihren Smartphones sehen sie die Route bis zum Fluss Evros, der in dieser Region die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei bildet. Ein schmaler Fluss, der friedlich scheint, dessen Strömung aber schon viele Menschen das Leben gekostet hat. Am Ufer wird ein Schleuser auf sie und weitere Flüchtlinge warten, sie in kleinen Gruppen in ein Schlauchboot setzen und zurück in die Türkei bringen. 200 Euro kostet ein Platz in dem Boot. Es soll sie dorthin tragen, wo sie vor drei Jahren schon einmal waren, als Deutschland noch das Land ihrer Träume war. Nur wenige Minuten wird die Überfahrt dauern, das hat man ihnen gesagt. Dass ihr Boot das türkische Ufer nie erreichen wird, das wissen sie jetzt noch nicht.

Einer der drei Männer ist Hassan. Gestern Nachmittag noch war er im Hotel Hermes, nahe der Grenze. In der Sonne hatte er auf den Stufen des Hotels gesessen und seine Geschichte erzählt. Von dem Glück, das er verspürt hatte, als er in Greifswald endlich eine eigene Wohnung bezog. Von dem Stolz, den er empfunden hatte, als er seinen Arbeitsvertrag in einem Friseursalon unterschrieb. "Deutschland gefällt mir", hatte Hassan gesagt. "Und in der Türkei gibt es keine Hilfe für uns, weißt du das? Keine Wohnung, keine Krankenversicherung." Hassan will eigentlich nicht weg. "Aber wie kann ich leben, ohne meine Frau? Das geht nicht. Verstehst du das?"

Legaler Status und doch keine Zukunft

Drei Jahre lang hatte Hassan in Deutschland alles richtig gemacht. Die Familienzusammenführung funktionierte trotzdem nicht. Seine Frau flüchtete von Syrien in die Türkei, bekam in der deutschen Botschaft jedoch noch nicht mal einen Termin. Nach zahlreichen Versuchen, Anträgen, Beglaubigungen, stand Hassans Entscheidung fest: "Ich muss gehen, zurück nach Türkei."

Doch zurückkehren in die Türkei können Syrer wie Hassan nur auf dem Fluchtweg. Obwohl er als Flüchtling in Deutschland anerkannt ist und ein europäisches Reisedokument hat, gibt die Türkei ihm kein Visum. Also muss Hassan, drei Jahre nachdem er über die Balkanroute nach Deutschland kam, wieder flüchten. Nur dieses Mal in die andere Richtung.

Wie das geht, erfuhr er über eine der vielen Facebook-Gruppen, in denen Syrer, die Deutschland wieder verlassen wollen, Informationen teilen. Denn er ist nicht allein mit seiner Enttäuschung, nicht allein mit seinem Wunsch, Deutschland wieder zu verlassen. Täglich posten sie dort, tauschen Schleusernummern aus, verabreden sich, um auf dem Weg zurück nicht allein zu sein. Die Frage, warum jemand das vermeintliche Paradies Deutschland hinter sich lässt, stellt in diesen Gruppen niemand. Es geht nur um das Wie.

"Wie wir gekommen sind, so gehen wir wieder"

So informierte sich auch Hassan. Flog von Berlin aus nach Thessaloniki, nahm den Bus nach Didymoticho, an die Grenze. Dort im Hotel traf er auf weitere Syrer. Gemeinsam mit ihnen machte er sich auf den Weg. Bei sich tragen sie nur kleine Rucksäcke mit Kleidung und Schokoriegeln. "Wie wir gekommen sind, so gehen wir wieder", sagt einer von ihnen.

Zusammenzucken. Hunde, man sieht sie nicht, aber ihr Bellen hallt durch die Nacht. Wir bleiben stehen, werden umdrehen. Die restlichen Schritte durch das militärische Sperrgebiet werden die drei Männer allein gehen. Sie verschwinden in der Nacht.

Hassans Weg ist nun ein roter Punkt auf Google Maps, übertragen als Livestandort von seinem Handy. Wir sehen den roten Punkt durchs Grün marschieren, verängstigt durch Gebüsche schleichen. Der rote Punkt erreicht das Ufer des Evros. Bewegt sich auf dem Fluss. Doch dann bleibt der rote Punkt stehen. Auf einer kleinen Insel, mitten im Evros. Eine Minute vergeht, fünf Minuten, zehn.

Am nächsten Morgen ein Anruf. "Wir sind gekentert", schreit Hassan. "Der Schleuser ist weg." Panik in seiner Stimme. Fast wären sie ertrunken, doch gemeinsam mit sieben anderen Männern hätte er sich auf eine kleine Insel gerettet. Die Insel, auf der Hassan und die anderen festhängen, befindet sich mitten auf der Grenze. Auf der Grenze zweier Staaten, deren Beziehung gerade so angespannt ist wie seit Jahren nicht mehr.

Der Sprecher der türkischen Provinz Edirne verspricht, er werde die türkischen Sicherheitskräfte alarmieren, die würden nach den Männern suchen. Der Sprecher der griechischen Regierung beteuert, die griechische Grenzpolizei alarmiert zu haben.

Viele Stunden lang passiert nichts. Während die Sonne über wunderschöne griechische Landschaften scheint, sitzt Hassan aus Greifswald auf einer kleinen Flussinsel fest und wartet darauf, gerettet zu werden. Doch weder die Griechen noch die Türken kommen.