Manche Mädchen an französischen Schulen stopfen ihr Kopftuch direkt am Eingangstor zur Schule in ihre Rücksäcke. Manche muslimischen Abiturientinnen nehmen ihr Abschlusszeugnis mit Stöckelschuhen und Hochsteckfrisur entgegen und erscheinen wenige Wochen später mit Stöckelschuhen und Kopftuch zu Seminaren an den Hochschulen in Paris, Lyon oder Nizza. Frankreich hat schon seit bald 15 Jahren alle religiösen Symbole wie muslimische Kopftücher, die jüdische Kippa und das christliche Kreuz aus Kindergärten, Grundschulen und allen weiterführenden Schulen verbannt. Universitäten können Frauen allerdings verschleiert besuchen.

"Das Gesetz funktioniert gut", sagt Olivier Roy, ein bekannter französischer Islam-Experte vom europäischen Hochschulinstitut in Florenz. Junge Musliminnen seien kompromissbereit und würden ihren Schleier vor dem Unterricht ablegen. Und auch die Befürchtung, dass muslimische Eltern ihre Kinder wegen des Verbots in muslimische Schulen schicken würden, hätte sich nicht bewahrheitet: Heute gebe es frankreichweit nur zehn islamische Schulen – die meisten Muslime besuchten staatliche oder überdurchschnittlich häufig auch katholische Privatschulen. Weil dort Religion insgesamt stärker akzeptiert sei, sagt der Wissenschaftler. Offenbar mache es ihnen wenig aus, den Schleier für die Schule abzulegen. 

Muslimische Familien haben das Gesetz offenbar akzeptiert; bislang wurde nicht bekannt, dass eine Schülerin hätte verwarnt werden müssen. Laut Gesetz soll der Lehrer oder die Lehrerin zunächst mit den verschleierten Mädchen sprechen und erst dann Disziplinarstrafen folgen lassen, also etwa eine Klassenkonferenz.

Solche Details hat die NRW-Regierung noch nicht parat. Sie diskutiert gerade über ein Kopftuchverbot an Schulen. Allerdings soll es nur um Mädchen unter 14 Jahren gehen. Aber noch ist die Debatte nicht entschieden: Während die NRW-Integrationsbeauftragte Serap Güler für ein Verbot ist, um Musliminnen eine Entscheidung als erwachsene Frau zu ermöglichen, spricht sich ihre Bundeskollegin Annette Widmann-Mauz, ebenfalls CDU, dagegen aus. Der Streit um das Stückchen Stoff auf dem Kopf wird so schnell nicht enden, auch das ist eine französische Lehre. Denn die grundlegende Frage beantwortet auch ein Verbot nicht: welchen Raum wir Religionen und dem Islam in der Gesellschaft einräumen wollen.

So fing auch in Frankreich mit dem Kopftuchverbot im Jahr 2004 eine schier endlose Debatte über muslimische Symbole an: In manchen Kommunen diskutieren Schulleiter, ob die Eltern bei Ausflügen zu Museen oder Zoos verschleiert sein dürfen, in anderen ging es um die Animateurinnen für das Ferienprogamm. Der rechtsextreme Front National beschwert sich alle paar Monate über angebliches Halal-Essen in den Kantinen, und jeden Sommer erlassen einige Bürgermeister Verbote für Ganzkörperverschleierungen am Strand, für die jeder Stadtchef eine andere Begründung findet. Mal seien die Burkiniträgerinnen ein "öffentliches Ärgernis", mal verhindere der Schleier eine Wiederbelebung, falls die Muslima aus dem Wasser gerettet werden müsse. Das französische Beispiel zeigt: Wer einmal anfängt, über religiöse Kleidung und Verschleierung zu diskutieren, hört nur selten wieder damit auf. 

"Kein Muslim regt sich über Weihnachtskrippen auf"

Auch deshalb hatten sich die islamischen Verbände in Frankreich immer klar gegen ein Verbot ausgesprochen. Ihrer Meinung nach widerspreche es der Religionsfreiheit. Sie fürchteten außerdem, ein Verbot an den Schulen könne Kopftuchträgerinnen insgesamt stigmatisieren.

Dabei schien in Frankreich die Frage nach der Religion eigentlich schon lange entschieden: Seit 1905 steht im Gesetz geschrieben, dass jeder Franzose und jede Französin frei entscheiden kann, ob sie einer Religion angehört und welcher. Als laizistischer Staat aber verlangt Frankreich von jedem Bürger und jeder Bürgerin, seine oder ihr eigene Religion privat auszuleben und sich in staatlichen Institutionen neutral zu verhalten. Ein religionsneutraler Staat bedeutet aber beispielsweise auch, dass er keine Steuern der christlichen Kirchen einziehen kann wie in Deutschland. Religiöse Steuern von den Finanzbehörden einziehen zu lassen, ist im Nachbarland undenkbar. Auch Religionsunterricht findet an staatlichen Schulen nicht statt, genauso wenig, wie dort Kreuze hängen dürfen.

Deutsche Absurdität

Islamforscher Roy sieht das Kopftuchgesetz im Einklang mit der französischen Staatsphilosophie: Minderjährige würden vor familiärem oder politischem Druck geschützt, sich zu verschleiern. Erwachsene aber sollten weiterhin das Kopftuch tragen können, es sei ihre persönliche Entscheidung. "Dass in Frankreich und Deutschland historisch gesehen die christliche Religion eine wichtigere Rolle spielt, haben die meisten Muslime akzeptiert. Keiner von ihnen regt sich über Weihnachtskrippen oder Osterhasen in der Schule auf."

Für den studierten Philosophen Roy geht Frankreich einen nachvollziehbaren Weg: Alle religiösen Symbole sind aus der Schule verbannt. Die Äußerungen von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU), der Islam gehöre nicht zu Deutschland, findet Roy allerdings alarmierend: "Zu sagen, man sei ein christliches Land, weil es christliche Feiertage gebe, ist absurd. Die meisten Menschen denken bei Pfingsten an ein langes Wochenende im Frühling, nicht aber an die Entsendung des Heiligen Geistes", sagt Roy. Wenn der Innenminister wirklich ein christliches Land wollte, dann müsste er sagen: Weil wir Christen sind, öffnen wir unsere Grenzen für Flüchtlinge, wie es der Papst eingefordert hat. "Aber da hört das Christentum dann schnell auf." Über diese deutsche "Absurdität" kann Roy schmunzeln, wird aber ernst, wenn es um die Kopftuchdebatte geht. "Es kann nicht um ein Verbot für eine bestimmte Religion gehen. Alle religiösen Symbole müssten gleichermaßen in Schulen verboten sein."

Alle Religionen gleich zu behandeln fiel aber historisch auch Frankreich schwer. Bevor sich der französische Staat 1905 zur Neutralität gegenüber allen Religionen verpflichtete, hatten sich vor allem Christen gegen Verbote wehren müssen. Zahlreiche Bürgermeister hatten Priestern in ihren Städten untersagt, ihre Soutanen zu tragen. Sie seien ein öffentliches Ärgernis und würden die Männer der Lächerlichkeit preisgeben.