Wenn es um ihren Körper geht, sind die erfolgreichen, selbstbewussten Frauen von heute kritisch wie nie. 72 Prozent aller Frauen haben schon einmal eine Diät gemacht, zeigt eine Studie des Nürnberger Marktforschungsunternehmens Konzept & Analyse. Darunter sogar Alice Schwarzer , wie sie vor ein paar Jahren in der Emma bekannte. Die meisten Frauen setzen sich täglich damit auseinander, was sie essen und ob man das hinterher auf den Hüften wiederfinden könnte. Jetzt im Frühjahr schnellen die Anmeldequoten in den Fitnessstudios nach oben.

Schon mit 12, 13 oder 14 Jahren beginnen die Gedanken der Mädchen um ihr Aussehen zu kreisen. Helmut Fend ist inzwischen emeritierter Professor für Psychologie in Zürich und schreibt in seinem 2007 erschienenen Standardwerk über die Entwicklungspsychologie des Jugendalters, Mädchen seien mit dem Eintritt in die Pubertät signifikant häufiger unzufrieden mit ihrem Körper als die Jungen.

Warum können sich Frauen nach all dem, was sie bislang erkämpft haben, nicht einfach zufrieden zurücklehnen? Gesundheitsbewusst leben, ja, auch mal Joggen gehen, weil es guttut, aber eben nicht ständig über ihr Aussehen nachdenken.

Sicher, unsere Gesellschaft ist eine Bildergesellschaft. Und natürlich steckt hinter den Schönheitsidealen eine schlagkräftige Industrie, die über Werbung und Frauenzeitschriften das Frauen-, damit auch das Männerbild vorgibt. Schönheit ist überall präsent, viele pseudowissenschaftliche Studien à la "Wer schön ist, hat mehr Erfolg im Leben" befeuern die Schönheitshysterie noch.  Die "International Association for the Study of Obesity (IASO)" attestiert 75 Prozent aller Deutschen und 59 Prozent aller deutschen Frauen, dass sie zu dick sind.  

Doch im Schnitt sind nur 33 Prozent dieser übergewichtigen Männer und Frauen adipös, und damit wirklich gefährdet, an Herz- und Kreislaufkrankheiten zu sterben. Was ist mit dem Rest der Übergewichtigen, also den Menschen, die einen BMI von 25 bis 30 haben? Medizinische Studien belegen inzwischen, dass leichtes Übergewicht sogar gesünder ist als Normalgewicht. Es schützt vor den oben genannten Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Der Grad zwischen Normal- und Übergewicht ist schmal. Der Lebensmittelchemiker und Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer geht in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sogar so weit, die ganze Studie als Humbug zu bezeichnen.

Trotzdem wird kaum eine junge Frau behaupten, sie unterwerfe sich einem Schönheitsideal. Einer Studie der Zeitschrift Brigitte zufolge, die vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, haben 80 Prozent der Frauen auf die Frage, warum sie sich schön machten, geantwortet, sie täten das für sich selbst. In den fünfziger Jahren dagegen sagten 80 Prozent der Frauen, sie machten sich für den Partner schön.

Vor gut 40 Jahren, während der Frauenbewegung, kämpften die Frauen nicht nur um mehr Einfluss und mehr Partizipationsmöglichkeiten. Sie kämpften auch dafür, nicht als Objekt, als Sexualobjekt, betrachtet zu werden. Sie legten die einengenden Kleider ab, trugen lange Gewänder. Sicherlich, Batikkleider gelten modisch nicht als der letzte Schrei. Aber gibt es nicht etwas zwischen extrem engen Jeans, die kaum Luft zum atmen lassen, und Wallekleidern?

Wollen oder müssen die heutigen Frauen mit körperbetonten Kleidern und mit unbequemen Schuhen doch jemandem gefallen? Wem aber? Susanne Klingner ist Gründerin des feministischen Weblogs www.maedchenmannschaft.net und hat im Frühjahr 2008 gemeinsam mit Meredith Haaf und Barbara Streidl das Buch Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht veröffentlicht. Sie meint: "Als Frau bekommt man viel mehr Anerkennung für das Aussehen als für den Beruf. Außerdem wird Erfolg mit gutem Aussehen gleichgesetzt." Eine Powerfrau sei immer auch eine gepflegte und gestylte Frau, während eine füllige Figur gleichgesetzt werde mit Disziplinlosigkeit und damit auch mit mangelndem Erfolg.

Das gute Aussehen wird darüber hinaus zum Statussymbol. Klinger sagt: "Früher waren Frauen für die Kosmetikindustrie gar keine so wichtige Zielgruppe, sie haben ja kein eigenes Geld verdient. Heute aber können sie sich die vielen Produkte selbst kaufen und demonstrieren damit ihren Erfolg." Gutes Aussehen ist also der Porsche der erfolgreichen Frau?

Haben Frauen den gesellschaftlichen Druck, einem Schönheitsideal zu entsprechen, inzwischen internalisiert und geben es als ihr eigenes aus? Oder müssen die postfeministischen Frauen von heute sich nicht mehr in Batikkleider hüllen, um zu demonstrieren, dass sie emanzipiert sind? Zeigen sie einfach selbstbewusst ihre Weiblichkeit? Wo der freie Wille anfängt und der gesellschaftliche Druck aufhört, ist schwer zu trennen.

Susanne Klingner verweist auf die amerikanische Vogue , die in den 1970er Jahren erstmals von Cellulite berichtete und natürlich auch gleich die passenden Mittel zur Bekämpfung der Dellen anbot. Seitdem gilt die dato unbeachtete Veränderung des Bindegewebes, die im Laufe der Jahre bei 80 Prozent der Frauen eintritt, als beinahe krankhaft.

Klingner dazu: "Wir kennen auch einfach keine realistischen Körper. Es gibt eine sehr interessante Studie, bei der Menschen gebeten worden sind, einen Menschen zu zeichnen. Dort, wo die Menschen keinen Fernseher haben, zeichnen sie ein realistisches Bild von einem Körper." Und bei den Befragten, die in einer Mediengesellschaft wie der unseren lebten, stimmten die Proportionen nicht, die Taille und der Körper insgesamt waren zu dünn gezeichnet.

Bei einem Thema wird Susanne Klingner besonders unruhig. "All diese Frauen über 40, die sich für den Playboy ausziehen und damit beweisen müssen, wie toll sie noch aussehen - Simone Thomalla und so weiter -, das verstehe ich einfach nicht. Genau die haben es doch nicht nötig, sie haben so viel erreicht."
Man könnte das Phänomen natürlich auch als feministische Errungenschaft deuten: Ältere Frauen gelten als schön. Allerdings nur, wenn sie mit 40 oder 50 oder 60 immer noch so knackig sind wie mit 20. Susanne Klingner meint: "Wir versagen uns, unseren Körper Geschichten davon erzählen zu lassen, was wir wirklich erlebt haben."

Am 12. März diskutiert Susanne Klingner mit Gitti Hentschel, Leiterin des Feministischen Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung über diese und andere Fragen. Die Veranstaltung des Landesverbands von Bündnis 90/Die Grünen in Niedersachsen findet im Künstlerhaus Hannover statt.