Trennung der Eltern Verständnisvolle Scheidungskinder gibt es nicht

Geschiedene Eltern zu haben, ist kein Stigma mehr. Die Angst davor ist aber sehr groß. Wie Kinder eine Trennung gut überstehen, beschreibt der Psychologe Claus Koch.

Kinder wollen mit beiden Eltern zusammen bleiben

Kinder wollen mit beiden Eltern zusammen bleiben

Nahezu jede dritte Ehe wird heutzutage in Deutschland geschieden, in Großstädten sogar oft jede zweite. Für die betroffenen Kinder ist das – paradoxerweise – zunächst eine positive Nachricht: Da die Trennung ihrer Eltern kaum mehr einem gesellschaftlichen Makel unterliegt, fallen sie kaum noch auf und werden deswegen nicht mehr stigmatisiert. Für viele Kinder, und nicht nur für die Betroffenen selbst, ist die Tatsache, getrennte Eltern zu haben, zum "Normalfall" geworden.

Die wenig beachtete Kehrseite der Medaille ist allerdings, dass Kinder heute mehr als früher Angst davor haben, dass ihre Eltern sich trennen könnten. Sie kennen ja so viele, bei denen das passiert ist. Selten äußern sie diese Angst direkt, aber sie begleitet sie, zum Beispiel, wenn ihre Eltern sich heftig streiten und in der Hitze des Gefechts einer auch schon mal mit baldigem Auszug droht.

Anzeige

Für diese Angst gibt es einen einfachen Grund: Kinder wollen einfach nicht, dass ihre Eltern sich trennen. Sie wollen, dass ihre Eltern zusammenbleiben, möglichst lange, und aus kindlicher Perspektive am besten: ein Leben lang.

Das Gegenteil zu behaupten ist falsch. Wenn Eltern sich trennen oder scheiden lassen, sind die Kinder unglücklich. Um es aber gleich vorweg zu sagen: das bedeutet nicht, dass sie ihr Leben lang unglücklich bleiben müssen! Die große Mehrheit von ihnen wird im späteren Leben Kindern aus "normalen" Familien nicht nachstehen, etwa was ihre Beziehungsfähigkeit angeht oder den Erfolg in Schule und Beruf. Das haben zwei große Scheidungsstudien in den USA zeigen können, die Scheidungskinder über Jahrzehnte beobachtet haben.

Die Studien haben aber auch gezeigt, dass für Scheidungskinder ein höheres Risiko besteht, mit ihrem Leben nicht gut zurechtzukommen, wenn ihre Eltern sich nicht an bestimmte Verhaltensregeln halten. 

Zunächst aber stellt die Trennung für die betroffenen Kinder eine Tragödie dar. Wenn Mutter oder – wie in den meisten Fällen – der Vater auszieht, geht für das Kind unwiederbringlich eine Epoche zu Ende und das Leben wird nie mehr so sein wie vorher. Seine Eltern mögen eine Welt verlieren, das Kind verliert seine ganze Welt. Hinzukommt die große Unsicherheit, die besonders das kleine Kind in seinem Innersten empfindet: Wenn der eine geht, warum dann nicht auch der andere? Vielleicht nicht gleich, aber irgendwann? Lehrer berichten von Kindern, die kurz nach einer Trennung nicht nach Hause gehen wollen aus Angst, dass sie dort niemanden mehr antreffen.

Was man auch wissen sollte: Kinder suchen die Schuld für die Trennung ihrer Eltern häufig bei sich: "Hätte ich doch mehr aufgeräumt, hätte es auch nicht immer diesen Krach gegeben." "Wäre ich doch besser in der Schule gewesen … ." Oder: "Weil ich da bin, haben sie sich ständig gestritten." Sätze wie: "Du machst es uns alles nur noch schwerer, mit deinen ständigem Gequengel und Getue" nehmen besonders kleinere Kinder wörtlich!

Alle wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen, dass besonders die ersten zwei Jahre nach der Trennung für die Kinder am schwierigsten zu bewältigen sind. Hier brauchen sie die meiste Unterstützung. Bekommen sie diese von beiden Eltern, stehen die Chancen gut, das Geschehene positiv zu verarbeiten. Das sollten alle Eltern nicht nur wissen, sondern auch beherzigen. Die Verantwortung liegt bei ihnen – nicht bei den Kindern. Deswegen ist es so wichtig, wie sie von Anfang an mit der Trennung umgehen. Dazu gehört auch, wie sie es ihrem Kind oder ihren Kindern sagen. 

Leser-Kommentare
    • Talor
    • 31.05.2010 um 16:40 Uhr

    "Für diese Angst gibt es einen einfachen Grund: Kinder wollen einfach nicht, dass ihre Eltern sich trennen. Sie wollen, dass ihre Eltern zusammenbleiben, möglichst lange, und aus kindlicher Perspektive am besten: ein Leben lang.

    Das Gegenteil zu behaupten ist falsch."
    Nein.
    gez. ein Scheidungskind

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Für eine überwiegende Mehrzahl aller Kinder gilt der Satz aber dennoch. Wenn Sie aus biographischen Gründen glücklich über die Trennung Ihrer Eltern waren - meine Güte, welche Zustände. Der Problemfall ist aber nicht der Regelfall.

    Für eine überwiegende Mehrzahl aller Kinder gilt der Satz aber dennoch. Wenn Sie aus biographischen Gründen glücklich über die Trennung Ihrer Eltern waren - meine Güte, welche Zustände. Der Problemfall ist aber nicht der Regelfall.

  1. Für eine überwiegende Mehrzahl aller Kinder gilt der Satz aber dennoch. Wenn Sie aus biographischen Gründen glücklich über die Trennung Ihrer Eltern waren - meine Güte, welche Zustände. Der Problemfall ist aber nicht der Regelfall.

    Eine Leser-Empfehlung
    • RP24
    • 31.05.2010 um 17:20 Uhr

    "Für diese Angst gibt es einen einfachen Grund: Kinder wollen einfach nicht, dass ihre Eltern sich trennen. Sie wollen, dass ihre Eltern zusammenbleiben, möglichst lange, und aus kindlicher Perspektive am besten: ein Leben lang.

    Das Gegenteil zu behaupten ist falsch."
    Es ist nicht falsch.

    gez. ein weiteres Scheidungskind

    ###

    Meine Eltern haben sich getrennt als ich 13 war. Natürlich war man eine gewisse Zeit traurig darüber. Ich habe aber sehr schnell verstanden, dass es viel besser ist, getrennte anstatt streitende Eltern zu haben. Heute mit 23 kann ich reflektieren und weiß, dass ich nicht über die Trennung, sondern über die kleinen Streitereien im Vorfeld traurig war.

    Mir ist aber auch bewusst, dass es lang nicht immer so locker läuft wie bei meinen Eltern. Sie sind heute noch befreundet, um mich gab es nie Streit. Auch, weil Sie weiterhin im selber Ort wohnen und ich immer mal hier, mal dort sein konnte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn Sie 13 waren haben Sie aber schon eine ganz andere Situation und haben auch ein gewisses Problembewußtsein. Sie waren bereits in der Lage, zu verstehen, dass es nichts bringt wenn Ihre Eltern zusammenbleiben, vielleicht auch, weil Ihre Eltern in Ihrer Gegenwart gestritten haben, was ebenfalls unangenehm ist.
    Sie konnten so bereits zwischen "zwei Übeln" wählen. Und in so einem Fall ist die Trennung der Eltern das "kleinere Übel".
    Ich gehe aber davon aus, dass Sie mit 2, 3 und auch mit 6 oder 7 Jahren noch weitaus weniger mit einer Trennung Ihrer Eltern einverstanden gewesen wären. Insofern hat der Autor recht.

    Wenn die Eltern, die sich scheiden lassen, in der Lage wären, alle Ratschläge die hier gegeben werden zu beherzigen, d. h. wenn sie die Reife hätten, sich zu verhalten, wie hier ans Herz gelegt wird, würden wahrscheinlich 90% der Scheidungen nicht mehr stattfinden. Denn die Eltern wären in der Lage, ihren Egoismus zu überwinden und wären keine großgewachsenen, verwöhnten Rotznasen mehr, die beim ersten Problem mit dem Partner um jeden Preis recht haben wollen sondern könnten aus Liebe zu einem anderen ihr eigenes Ego etwas reduzieren und die materiellen Versuchungen im Leben an die dritte Position, nach Partner und Kindern, stellen. Es wären Eltern.

    Wenn Sie 13 waren haben Sie aber schon eine ganz andere Situation und haben auch ein gewisses Problembewußtsein. Sie waren bereits in der Lage, zu verstehen, dass es nichts bringt wenn Ihre Eltern zusammenbleiben, vielleicht auch, weil Ihre Eltern in Ihrer Gegenwart gestritten haben, was ebenfalls unangenehm ist.
    Sie konnten so bereits zwischen "zwei Übeln" wählen. Und in so einem Fall ist die Trennung der Eltern das "kleinere Übel".
    Ich gehe aber davon aus, dass Sie mit 2, 3 und auch mit 6 oder 7 Jahren noch weitaus weniger mit einer Trennung Ihrer Eltern einverstanden gewesen wären. Insofern hat der Autor recht.

    Wenn die Eltern, die sich scheiden lassen, in der Lage wären, alle Ratschläge die hier gegeben werden zu beherzigen, d. h. wenn sie die Reife hätten, sich zu verhalten, wie hier ans Herz gelegt wird, würden wahrscheinlich 90% der Scheidungen nicht mehr stattfinden. Denn die Eltern wären in der Lage, ihren Egoismus zu überwinden und wären keine großgewachsenen, verwöhnten Rotznasen mehr, die beim ersten Problem mit dem Partner um jeden Preis recht haben wollen sondern könnten aus Liebe zu einem anderen ihr eigenes Ego etwas reduzieren und die materiellen Versuchungen im Leben an die dritte Position, nach Partner und Kindern, stellen. Es wären Eltern.

  2. Ich war damals zwar schon 17 aber mit der Scheidung voll und ganz einverstanden. Und es ging nicht darum, dass wir es schlimm gehabt hätten zu Hause, aber es hat halt keinen Sin, eine Beziehung aufrecht zu erhalten und damit unglücklich zu leben.

    Grüsse

  3. Ja, freilich, es stimmt für die meisten Scheidungskinder. Es wär schön, dass auch so zu schreiben, sonst klingt es schon arg dogmatisch. Meine Geschwister litten unter der Scheidung, ich war froh, dass das Gezeter endlich ein Ende fand.

  4. ....bin ich auch über diese Formulierung gestolpert, finde sie aber nicht ganz so wichtig. Ich habe eher das Gefühl, dass von erwachsener Seite in die Kinder zuviel hineininterpretiert wird.
    Also klar ist es für das Kind meist schlimm, wenn die Familie zerbricht, das will ich mal so stehen lassen. Aber ich denke, es fühlen sich viel weniger Kinder daran schuldig, als gemeinhin angenommen wird. Ich halte das für einen weit überschätzten Mythos.
    was ich aber bestätigen kann, ist, dass es wichtig ist, dass die Eltern dem Kind auch nach der Trennung noch vermitteln, dass sie respekt voreinander haben und sich nicht gegenseitig schlecht machen. Denn sowas kann wirklich extrem verunsichern und man hat ein schlechtes Bild von seinen Eltern.
    Also dann, schöne Grüße....

  5. ...altbekannte Weisheiten: Deren Befolgung den Eltern in einer Scheidungssituation in den wenigsten Fällen gelingt - insbesondere kurz danach. Nicht Rechtsanwälte sollten im Scheidungsfall die wichtigsten Ansprechpartner sein sondern Familientherapeuten - vor dem Krieg!

    • meuser
    • 01.06.2010 um 2:00 Uhr

    Die Behauptung, dass Scheidungskinder genauso "erfolgreich" seinen wie Kinder aus "glücklichen" Familien" ist schon starker Tobak.
    Da sollen wohl die Scheidungseltern aus der Schusslinie gebracht werden...
    Da ich in der Generation der Scheidungskinder aufgewachsen bin, kann ich zu den Kindern, denen das angetan wird, nur sagen: arme, arme Kinder.
    Diese Kinder sind, so wie ich sie kennen gelernt habe, höchst labil, haben ein großes Selbstbewusstsein aber kein Selbstvertrauen. Meist fehlt der Vater sehr, gerade bei den Jungs.
    Scheidungskinder sind nervös und unsicher, ihnen fehlt einfach die Familie als sicherer Hafen.
    Sehr viele haben ein starkes Geltungsbedürfnis und gehen deshalb auf die Bühne wie Lena Meyer-Landrut, Bushido...

    Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/mk

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 18
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Eltern | Psychoanalyse | Psychosomatik | USA
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service