Der Vater kann sein Kind aus der Mutter-Symbiose lösen © Dan Kuta / photocase.com

Väter sind – so hat es die analytische Kinderpsychologie einmal genannt – die "Dritten", also diejenigen, die sich zwischen Mutter und Kind drängen. Das ist eine höchst aufregende, widerspruchsreiche, von elementaren Emotionen beladene Geschichte. Sie umschließt alle großen und kleinen Tragödien des Mensch-Seins – Liebe und Zorn, Vertrauen und Abhängigkeit, obwohl oder gerade weil von der frühesten Kindheit die Rede ist. Bekanntlich hat Freud sich nicht gescheut, zur Illustrierung des frühkindlichen Erlebens die großen Tragödien der Antike zu zitieren, vom Ödipus-Komplex bis zum Medea-Syndrom.

Was heißt der "Dritte"? Sind Väter nicht vom ersten Lebenstag an von Bedeutung? Nun ja, ein bisschen schon, aber nicht sehr! Man mag es drehen und wenden, wie man will: In den vorgeburtlichen Phasen, deren Bedeutung für Entwicklung und  Charakter eines Kindes uns erst ganz allmählich klar wird, spielt der Mann eben kaum eine Rolle. Im ebenso prägenden Geburtsvorgang auch nicht.

Die Stunde der väterlichen Erziehung beginnt so recht erst, wenn sich das Kind neugierig und vertrauensvoll seiner Umwelt zuwendet. Vorbehaltlos folgt es seiner Lust auf die umgebende Welt, die mit hundert Signalen, Tönen, Menschen und Dingen lockt. Jetzt ist Papa so richtig wichtig. Er ist von all den vielen beeindruckenden "Weltobjekten" das beeindruckendste.

Papa war ja von Anfang an auch immer da, neben Mama. Sein schwerer Schritt, seine dunkle Stimme, dies alles hat sich neben dem Mütterlichen eingeprägt, früh schon. Jetzt tritt es in das kindliche Bewusstsein. Papa ist der verlässlichste in dieser ungewissen, ängstigenden und spannenden Welt. Papa lockt das Kind aus der Mutter-Symbiose heraus. Aber er ist – anders als die Mutter – niemals in einer symbiotischen Bindung eingefangen, er ist von Anfang an immer und ausschließlich "Objekt", ein Gegenüber. Aber das erste und wichtigste "Objekt" im bewussten Erleben eines Kindes.

Damit stoßen wir in den modernen Kleinfamilien auf eine besondere Bedeutung des Vaters. In der emotionalen Enge und Dichte der relativ isolierten Kleinfamilien gibt es das Risiko, dass an einmal gelungenen emotionalen Bindungen festgehalten wird, dass sie nicht oder schwer aufgegeben werden – das gilt offenbar in besonderer Weise für die Beziehung zwischen Müttern und Kindern, den Söhnen zumal. 

Die Kinder werden "verwöhnt", und zwar in dem Sinn, dass sich ihre ganz kleine Welt und die Welt der Familie wesentlich um sie dreht. Der oben skizzierte "Aufbruch", das verwegene Abenteuer der Kulturwerdung, wird dann nur zögernd begonnen – an der fast symbiotisch-umhüllenden Bindung an Mama wird festgehalten. Sie wird von beiden, dem Sohn und der Mutter, in die ersten Erlebnisse des Kindergartens hinein fortgesetzt, überängstlich wird jedes Erleben des Kindes darauf hin überprüft, ob es ihn vielleicht überfordert, ob es Kränkungen – die sogleich mit seelischen Katastrophen verwechselt werden – ausgesetzt ist. Mama stellt sich wie eine Wand zwischen das Kind und die schwierigen, sperrigen widerständigen Anteile der Realwelt. Moderne Väter lassen sich in diesen fürsorglichen Sog oft hinein ziehen. Und damit sind wir bei dem zweiten Dilemma. 

Was ist heute "männlich", was ist "väterlich"? – die männliche Geschlechterrolle ist unbestimmt geworden und einem ganzen Füllhorn von Verdächtigungen ausgesetzt. Wo ein Vater dröhnend und polternd mit seinen Söhnen ein Fußballspiel auf dem Hinterhof des Kindergartens anfängt, muss er mit kopfschüttelnder Missachtung  rechnen: "Diese Männer, warum müssen sie immer so viel Krach machen, warum muss alles so laut und grob sein."