Männerrollen in der FamilieDer Vater muss zwischen Mutter und Sohn treten

Eindimensionale Männerbilder gibt es nicht mehr. Der Kinderpsychologe Wolfgang Bergmann plädiert trotzdem dafür, die Differenz der Geschlechter nicht aufzuheben. von Wolfgang Bergmann

Vater und Kind

Der Vater kann sein Kind aus der Mutter-Symbiose lösen  |  © Dan Kuta / photocase.com

Väter sind – so hat es die analytische Kinderpsychologie einmal genannt – die "Dritten", also diejenigen, die sich zwischen Mutter und Kind drängen. Das ist eine höchst aufregende, widerspruchsreiche, von elementaren Emotionen beladene Geschichte. Sie umschließt alle großen und kleinen Tragödien des Mensch-Seins – Liebe und Zorn, Vertrauen und Abhängigkeit, obwohl oder gerade weil von der frühesten Kindheit die Rede ist. Bekanntlich hat Freud sich nicht gescheut, zur Illustrierung des frühkindlichen Erlebens die großen Tragödien der Antike zu zitieren, vom Ödipus-Komplex bis zum Medea-Syndrom.

Was heißt der "Dritte"? Sind Väter nicht vom ersten Lebenstag an von Bedeutung? Nun ja, ein bisschen schon, aber nicht sehr! Man mag es drehen und wenden, wie man will: In den vorgeburtlichen Phasen, deren Bedeutung für Entwicklung und  Charakter eines Kindes uns erst ganz allmählich klar wird, spielt der Mann eben kaum eine Rolle. Im ebenso prägenden Geburtsvorgang auch nicht.

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Die Stunde der väterlichen Erziehung beginnt so recht erst, wenn sich das Kind neugierig und vertrauensvoll seiner Umwelt zuwendet. Vorbehaltlos folgt es seiner Lust auf die umgebende Welt, die mit hundert Signalen, Tönen, Menschen und Dingen lockt. Jetzt ist Papa so richtig wichtig. Er ist von all den vielen beeindruckenden "Weltobjekten" das beeindruckendste.

Papa war ja von Anfang an auch immer da, neben Mama. Sein schwerer Schritt, seine dunkle Stimme, dies alles hat sich neben dem Mütterlichen eingeprägt, früh schon. Jetzt tritt es in das kindliche Bewusstsein. Papa ist der verlässlichste in dieser ungewissen, ängstigenden und spannenden Welt. Papa lockt das Kind aus der Mutter-Symbiose heraus. Aber er ist – anders als die Mutter – niemals in einer symbiotischen Bindung eingefangen, er ist von Anfang an immer und ausschließlich "Objekt", ein Gegenüber. Aber das erste und wichtigste "Objekt" im bewussten Erleben eines Kindes.

Damit stoßen wir in den modernen Kleinfamilien auf eine besondere Bedeutung des Vaters. In der emotionalen Enge und Dichte der relativ isolierten Kleinfamilien gibt es das Risiko, dass an einmal gelungenen emotionalen Bindungen festgehalten wird, dass sie nicht oder schwer aufgegeben werden – das gilt offenbar in besonderer Weise für die Beziehung zwischen Müttern und Kindern, den Söhnen zumal. 

Die Kinder werden "verwöhnt", und zwar in dem Sinn, dass sich ihre ganz kleine Welt und die Welt der Familie wesentlich um sie dreht. Der oben skizzierte "Aufbruch", das verwegene Abenteuer der Kulturwerdung, wird dann nur zögernd begonnen – an der fast symbiotisch-umhüllenden Bindung an Mama wird festgehalten. Sie wird von beiden, dem Sohn und der Mutter, in die ersten Erlebnisse des Kindergartens hinein fortgesetzt, überängstlich wird jedes Erleben des Kindes darauf hin überprüft, ob es ihn vielleicht überfordert, ob es Kränkungen – die sogleich mit seelischen Katastrophen verwechselt werden – ausgesetzt ist. Mama stellt sich wie eine Wand zwischen das Kind und die schwierigen, sperrigen widerständigen Anteile der Realwelt. Moderne Väter lassen sich in diesen fürsorglichen Sog oft hinein ziehen. Und damit sind wir bei dem zweiten Dilemma. 

Was ist heute "männlich", was ist "väterlich"? – die männliche Geschlechterrolle ist unbestimmt geworden und einem ganzen Füllhorn von Verdächtigungen ausgesetzt. Wo ein Vater dröhnend und polternd mit seinen Söhnen ein Fußballspiel auf dem Hinterhof des Kindergartens anfängt, muss er mit kopfschüttelnder Missachtung  rechnen: "Diese Männer, warum müssen sie immer so viel Krach machen, warum muss alles so laut und grob sein."

Leserkommentare
  1. 1. Schade

    Heraustreten aus der schützenden Familie (Symbiose, was auch immer), Konfrontation mit der Welt und dem Fremden. Selbstverständlichkeiten mit denen jeder konfrontiert wird und bei denen es sicher schön ist wenn jemand hilft. Viele schaffen es auch allein. Was das speziell mit dem Vater zu tun haben soll bleibt schleierhaft. Da kann prinzipiell jeder aus dem Kreise der Familie oder der Bekannten Unterstützer sein. Es hier zur Vatersache zu erklären ist doch schon wieder so eine Rollenzuweisung die für den Vater der ihr sowieso entspricht überflüssig ist. Und für alle anderen heißt das dann sie müssen sich ordentlich stressen und verbiegen um diesem (akademischen) Bild zu entsprechen? Wohl kaum... wozu also der Artikel. Man(n) weiß es nicht.

    Beste Grüße, Shodan

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    der analytisches Wissen verständlich rüberbringt, da es noch immer wichtig ist, aber leider oft abgewertet wird.

    Zum ersten Kommentar: Der Vater spielt nunmal eine wichtigere Rolle als andere "Unterstützer" im Umfeld, da er einer von zwei Teilen der WELT des Kleinkindes ist, nämlcih Mutter und Vater. Das sind für das Kind nicht nur Personen sondern die einzigen Bezugspunkte die es hat!
    Wäre von anfang an jmd. anderes da, der nicht leiblicher Vater ist, ginge es sicher auch. Aber es ist nicht beliebig austauschbar.

    Und Sie sagen "Viele schaffen es auch allein", aber leider viele eben auch nicht.

    ...die Fähigkeit, Zeichen zu setzen.
    Lassen Sie mich raten: OHNE Vater aufgewachsen?
    Oder plappern Sie A. Schwarzer nach, wenn Sie behaupten, "Es hier zur Vatersache zu erklären ist doch schon wieder so eine Rollenzuweisung die für den Vater der ihr sowieso entspricht überflüssig ist."
    Wäre Ihr Vater SO überflüssig, wären Sie gar nicht auf der Welt, diesen Kommentar abzugeben.

    Liest sich unendlich nervig, Ihr Kommentar. Um es mal auf den Punkt zu bringen, den Sie für Väter vorgeschlagen haben: "...überflüssig ist."

  2. Hochinteressanter Artikel, der die männliche und weibliche Rolle erfrischend einfach an den richtigen Platz zurechtrückt. Ich habe ihn mit Faszination gelesen. Danke!

    Eine Leserempfehlung
    • Mete
    • 14. Juni 2010 19:18 Uhr

    Zu allen Punkten muss nicht jeder zustimmen, jedoch jeder muss sich eingestehen, wie wenig wir doch eigentlich über uns selbst wissen!

    (Ironie an)
    Aber wir wollen ja das Universum verstehen, da kann man schonmal solch zwischenmenschliches Wissen aufopfern... (Ironie aus)

  3. Es gibt weder moderne Männer, noch moderne Frauen, noch moderne Kinder, noch moderne Väter. Es gibt nur Väter, Mütter und Kinder (wenn es sie denn noch gibt). Wenn die Evolution es gebacken kriegt, irgend etwas in unserer Fortpflanzungsphysiologie und in der sich daraus ergebenden Gruppendynamik zu modernisieren, werden wir es merken. ZB die Einführung eines dritten Geschlechtes würden wir schwerlich übersehen.

    Dieser Artikel behandelt ein naturwissenschaftliches Thema wie eine soziologisches Modeerscheinungsphänomen. 0 Punkte.

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    nichts verstanden.

  4. Die Rolle der Väter in unserer Gesellschaft hat besonders in den letzten hundert Jahren eine enorme Wandlung erfahren, die teilweise auch einer Achterbahnfahrt glich. Männer wie Thomas Mann prägten ein patriarchalisches Vaterbild. Aber dieses Vaterbild ist in keinster Weise weiter zu empfehlen, die Konflikte zwischen den ungleichen Antipoden wirkten sich destruktiv und wenig nachahmenswert aus. Nach dem ersten und zweiten Weltkrieg wuchsen viele Kinder gar in einer vaterlosen Gesellschaft auf. Während der Nazidiktatur waren die Rollen der Väter, Mütter und Kinder eindeutig systemstützend hierarchisch und in verlogener Weise festgezurrt. Erst nach den weltweiten Studentenprotesten, die symbolisch politische Stellvertreterkämpfe gegen die Generation der Kriegsväter waren, begann der Versuch die Vaterrolle innerhalb von Familie und Gesellschaft neu zu definieren, es war die erste Nachkriegsgeneration, die den Aufstand nicht nur gegen die Väter, sondern auch gegen deren kapitalistischen Pfründe probten. Dann kam die Männerbewegung, die Väter weichspülte und der Feminismus, der radikal mit überholten Vaterbildern aufräumte. Volker Elis Pilgrim als sanft rebellischer Männerversteher und Robert Bly, der mit seinem Eisenhans dem Männerbild wieder Muskeln und Durchsetzungskraft verlieh. All das hat nichts mit "Vatersein" zu tun, denn nur auf einer gleichberechtigten Ebene können Väter und Mütter sich selbst leben und Kinder nicht erziehen, sondern in Beziehung setzen.

    W. Neisser

  5. Der Gender Unsinn wird sich als pure Ideologie erweisen. Leider fallen darauf zu erst die Gescheiten herein.

    Wie ist das "Gleichheitsparadox" also zu lösen?

    Die Trialektische Lösung:

    1. Der Mann hat mehr Rechte als die Frau – in allen Fragen des Mannes!

    2. Die Frau hat mehr Rechte als der Mann – in allen Fragen der Frau!

    3. In Sachfragen sind die Rechte gleich.

    4. Die Summe aus 1 2 3 = führt zur Gleichheit = Mann = Frau!

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    ... würde zum Matriarchat führen. Mit der Argumentation zuzüglich Erblinie über die Väter, die dann wieder eine kleine Abweichung war, entstehen streng patriarchale Strukturen mit den bekannten Folgen.

  6. ... würde zum Matriarchat führen. Mit der Argumentation zuzüglich Erblinie über die Väter, die dann wieder eine kleine Abweichung war, entstehen streng patriarchale Strukturen mit den bekannten Folgen.

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    Mag sein, dass wir das in Zukunft ändern können, aber gehen wir rein technisch ran, stammt von Vater wie Mutter nunmal stets die Hälfte des Erbgutes, egal wo das Zellknäul dann ranwächst.

    Die Schwangerschaft ist nunmal schlichtweg ein normales Wachstum innerhalb eines Schutzgefäßes. Ob das nun ein Mann, eine Frau, ein Ei oder irgend ein Bottich ist, macht dabei letztlich keinen Unterschied.

    Wahrscheinlich werden wir uns in 100 Jahren einfach eine Art Brutkasten anlegen, den mal Mami, mal Papi tragen kann, wo das Baby dann geschützt, problemlos und ideal ernährt heranwächst.

    Fände ich nicht einmal so schlecht, bei all dem Terz, der um Schwangerschaft gemacht wird.

  7. Entsprechend dem Fazit des Autors könnte man das Väterliche z. B. im Bild des Seiltanzes fassen, einem aufhebenden Balancieren zwischen der Kraft des beiderseitigen Fallens in die Extreme. Das Väterliche kann links oder rechts zu Fall kommen, oder aber es hebt beide Extreme in der sie verbindenden Balance auf.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Familie | Familie und Partnerschaft | Kinder | Literatur | Kindergarten
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