Mobbing in der SchuleWarum schweigen Mobbing-Opfer?

Oft werden Mobbing-Erlebnisse von Erwachsenen als alterstypische Rangeleien abgetan. Der ehemalige Schulleiter Karl Gebauer erklärt, wie man unterscheidet und erkennt. von Karl Gebauer

Für das Schweigen von Mobbing-Opfern gibt es viele Gründe. Eine Ursache liegt darin, dass die Signale der Opfer von Erwachsenen oft nicht richtig gedeutet werden und das Kind sich nicht verstanden fühlt. "Ich habe euch doch immer davon erzählt", sagt ein 15jähriger zu seinen Eltern, die aus allen Wolken fallen, als ich mit ihnen über die Leiden ihres Sohnes spreche.

Mobbing ist ein aggressiver Akt und bedeutet, dass ein Schüler oder eine Schülerin über einen längeren Zeitraum von Mitschülern belästigt, schikaniert oder ausgegrenzt wird. Mobbing kann sich andeuten, wenn zum Beispiel Hefte und andere Materialien verschwinden, Schulsachen oder das Fahrrad beschädigt werden oder wenn Gerüchte verbreitet werden.

Es kommt vor, dass ein Schüler oder eine Schülerin nicht bei Gruppenarbeiten mitmachen darf oder man verbietet dem Opfer, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen. Unter Jugendlichen kommt es zu sexuellen Diffamierungen. Demütigungen erfolgen mit Worten und Zeichnungen auf Zetteln, in Schülerzeitungen und in Briefen. Oft werden Opfer in demütigende Situationen gebracht und dabei mit dem Handy fotografiert. Anschließend werden die Szenen gemeinsam angeschaut, als E-Mail verschickt oder gar ins Internet gestellt.

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Wenn dem Täter, also dem Initiator des Mobbings, kein Widerstand entgegengesetzt wird, sein Handeln sogar von Mitschülern toleriert und von einigen sogar unterstützt wird, dann kann seine Machtentfaltung grenzenlos werden. Kinder, die sich mit dem Mobbingopfer solidarisieren, werden unter Druck gesetzt, es kommt auch zu körperlichen Übergriffen. Das alles könnte wahrgenommen werden. Warum kann sich das vor den Augen der Lehrkräfte und auch der Schulleitung abspielen, ohne dass von deren Seite hilfreiche Interventionen erfolgen?
 

Leserkommentare
    • gmwop
    • 07. Juni 2010 17:52 Uhr

    Mir fehlt in diesem Artikel ganz außerordentlich die Frage, was Kinder und Jugendliche überhaupt dazu treibt, andere über lange Zeiträume hinweg zu triezen. Welche Synapsen da falsch verkabelt sind, wenn man schon einen Hirnforscher bemühen will.
    Natürlich muss man Opfern helfen und die Umwelt für ihre Probleme sensibilisieren, aber viel interessanter und wichtiger ist es doch, die seelischen Verkrüppelungen der Täter zu erkennen und ihnen zu helfen, damit es erst gar keine Opfer gibt.

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    Bei Erwachsenen die ihre Position ausnutzen würde ich ihnen zustimmen. Bei Kindern ist es ja eben so, dass sie sich der Tragweite ihrer Handlungen, in den seltensten Fällen bewusst sind. Aus "Mobbern" können wenige Jahre später trotzdem verantwortungsvolle Jugendliche/Erwachsene werden (persönliche Erfahrung). Es ist durchaus eine Sache der Erziehung zu der aber auch Strafe gehören sollte.

    "Ellbogen raus und gut, denn nur die Stärksten sind etwas wert." Ist doch eine Erfahrung von der ich zumindest annehme, dass sie gerade derzeit nicht nur von Kindern gemacht wird.

    Zunächst gilt bei der Bearbeitung von Mobbing als oberste Priorität der Opferschutz. Den Mobbern geht es nämlich in Mobbingsituationen nicht schlecht, ganz im Gegenteil, sie ziehen Nutzen aus der Situation.
    Wenn dem Opfer in irgendeinerweise geholfen ist - da gibt es sehr viele Wege - muss mit den Tätern selbstverständlich auch gearbeitet werden.
    Ein Motiv für Mobber ist das mangelnde Selbstwertgefühl, dass sie durch die Erniedrigung eines anderen versuchen auszupolieren.
    Ein anderen Motiv ist der Gruppendruck, nicht mehr dazuzugehören, durch den Nichtbesitzt von Statussymbolen (Makenkleidung, Handy usw.) von den anderen "abgehängt" zu werden. Als Ausgleich wird sich ein Mobbingopfer gesucht (sehr vereinfacht dargestellt).
    Ein drittes Motiv ist der Werteverlust. In einer Gesellschaft, in der es immer mehr darauf ankommt, etwas zu besitzen und nicht darauf, etwas zu können, müssen Jugendliche immer darauf achten, mit Konsum eine kurzfristige Affektbefriedigung herbeizuführen. Das hält aber nur kurz vor und geht ins Geld. Kompensation in Form von Mobbing ist eine mögliche Lösungsstrategie.

    • otomo
    • 08. Juni 2010 14:37 Uhr

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, das die "Täter" in keinster Weise "seelisch verkrüppelt" sind. Es sind leider ganz normale Prozesse, die sich in einer menschlichen Gemeinschaft ereignen, wenn es keine Kontrolle gibt. Es gibt welche, die wollen dominieren und reißen die Macht an sich. Sei es durch körperliche Dominanz oder durch besonders cooles "Auftreten". Und der ideale Weg seine Macht zu spüren ist leider das Unterdrücken eines Anderen, der zu fett, zu klein, zu unmodisch gekleidet, etc. etc., ist.

    Drum herum gibt es einen Troß von aktiven Anhängern der "Leittiere", die Mitläufer. Darum gesellt sich dann die große schweigende Mehrheit, die nicht riskieren will durch "Aufmucken" auch auf einmal auf der Opferliste zu stehen.

    Alles leider nicht neu. Schon im "Herr der Fliegen" beschrieben.

    Es ist traurig, aber jemand, der einen anderen Menschen dauerhaft erfolgreich unterwerfen kann, findet in der Regel Gefallen an seinem Handeln. In diesem Punkt unterscheiden sich Kinder offensichtlich nicht von Erwachsenen, die ähnliche Strategien einsetzen, um so ihr Ego und/oder ihre Karriere zu fördern. In diesem Sinne finde ich es übrigens bezeichnend, dass das Wort "Opfer" unter Jugendlichen offensichtlich immer mehr zum Schimpfwort degeneriert. In der Logik dieser Entwicklung sind "Opfer" an ihrer Lage selber schuld und haben kein Mitgefühl verdient.

    Unglücklicherweise finden sich ähnliche Verhaltensmuster, wie bereits gesagt, auch bei Erwachsenen, was vielen Jugendlichen Tätern nicht verborgen sein dürfte. Aus diesem Grunde sollte Mobbing Prävention nicht nur in der Schaffung einer Mobbing freien Schutzzone in Form der Schule bestehen. Vielmehr sollte die Logik des Mobbings unterrichtet werden, aber auch, wie man sich gegen Mobbing wehren kann. Hierzu gehört auch Aufklärung darüber, was einem Täter passieren kann, wenn ein Mobbing Opfer sich wehrt. Ich denke dabei nicht nur an eine Art Empathietraining, sondern auch an die knallharte Aufzeigung der rechtlichen Folgen.

    Falls die Schule "Mobber" identifizieren kann, sollten diese noch intensiver als die Anderen mit den Folgen, aber auch mit den Risiken ihrer Taten konfrontiert werden. Und ja, das sollte den Hinweis auf eine mögliche Kurzschlussreaktion eines Opfers explizit mit beinhalten.

  1. Eltern sich dahingehend um ihr Kind sorgen, ist schon viel erreicht. Oft sind Kinder aus sozial schwachen Familien die Opfer, da aus dieser Richtung kein Gegenwind der Eltern droht und sie zudem viel Angriffsfläche bieten. Das habe ich immer wieder selbst erlebt und auch bei anderen gesehen.
    An die Lehrer wenden ist auch deshalb für viele Kinder ein Problem, weil es oft genug im Kollegium mindestens einen gibt der bei der ganzen Sache mitmacht/wegsieht. Selbstverständlich zerstört das eine Vertrauensbasis bzw. lässt sie gar nicht erst entstehen. Ein unabhängiger Schulpsychologe gehört an jede Schule wenn man wirklich etwas erreichen will. Aber in einer Zeit, in der dem Bildungssystem die Milliarden entzogen werden, als ob die Schüler und Studenten das Geld der Anleger verzockt hätten, bleibt das ein frommer Wunsch.

    Psychologische Folgeschäden bleiben lange unerkannt, im "günstigsten" Fall für die Krankenkassen nimmt sich der/die Betroffene rechtzeitig das Leben. Im ungünstigsten Fall wird das Leben nach teuren Therapien ebenfalls beendet evtl. nicht nur das eigene. Das meine ich durchaus nicht zynisch.

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  2. Bei Erwachsenen die ihre Position ausnutzen würde ich ihnen zustimmen. Bei Kindern ist es ja eben so, dass sie sich der Tragweite ihrer Handlungen, in den seltensten Fällen bewusst sind. Aus "Mobbern" können wenige Jahre später trotzdem verantwortungsvolle Jugendliche/Erwachsene werden (persönliche Erfahrung). Es ist durchaus eine Sache der Erziehung zu der aber auch Strafe gehören sollte.

    "Ellbogen raus und gut, denn nur die Stärksten sind etwas wert." Ist doch eine Erfahrung von der ich zumindest annehme, dass sie gerade derzeit nicht nur von Kindern gemacht wird.

  3. wäre ja ein ganz guter artikel geworden, leider bietet reisst er wichtige probleme an und bietet eine etwas ungreifbare lösung an.
    wie macht man denn nun einen unterschied zwischen massivem mobbing und einfachem schuldhofkonflikt? wie erkennt man nun gemobbte jugendliche, die von sich aus nicht sprechen wollen und wie gewinnt man ihr vertrauen? wie schafft man ein offeneres klassenklima? wie sensibilisiert man lehrer und schüler? wie macht man den kindern mut nicht zu opfern, tätern oder mitläufern zu werden?
    so scheint das ganze ein altbekanntes, ungelöstes problem geblieben zu sein aufgewehrtet durch ein paar minimaleindrücke in die neurobiologie.

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    In der Tat, braucht man für die Analyse von Mobbingsstrukturen keine Neurowissenschaft, schaden wird sie aber auch nicht.
    In vielen Bundesländern nehmen die Forbildungsangebote für Lehrer zum Thema Mobbing kontinuierlich zu. Auch werden viele Fortbildungen im Bereich des sozialen Lernens angeboten, die man als Mobbingprävention nutzen kann.
    Ich möchte den aus meiner Sicht sehr guten Artikel um den Aspekt ergänzen, dass es Mobbingstrukturen auch dadurch schwerer haben, wenn die Kinder nicht nur in der Schule ihre Freunde haben, sondern in mehreren Peer-Groups verankert sind. Fällt eine durch das Verhalten der Mitglieder aus, ist der Fall in das Gefühl, alleine zu sein, nicht so groß.
    Aus meiner Sicht wird der Fokus dieses Artikels zur sehr auf die angeblich unsensiblen Lehrer gerichtet. Mobbing findet meist dann statt, wenn Lehrer eben gerade nicht anwesend sind. Und wie der Artikel richtig beschreibt, reden Mobbingopfer häufig nicht, man sieht es ihnen kaum an. Mobbingprävention fängt im Elternhaus an und hier gibt es aus meiner Sicht viel zu wenig Hilfe. Fortbildungen zum Thema Mobbing für Eltern sind leider sehr selten.

    • otomo
    • 08. Juni 2010 14:42 Uhr

    Mir kann kein Lehrer erzählen, das er in einer Klasse, die er mehrere Male die Woche erlebt nicht mitbekommt wenn ein Schüler von Anderen gemobbt wird. Ich halte das für eine Schutzbehauptung.

    Und sollte er tatsächlich die Sensibilität eines Backsteins haben, dann hat er eindeutig den Beruf verfehlt.

  4. Es kann z.B. nicht sein, dass agressiv auffallende Jugendliche nicht gemaßregelt werden. Mehr Befugnisse für Lehrer bezüglich von Strafen und mehr Unterstützung der betroffenen, gemobbte Schüler muss sein. Es kann z.B. nicht sein, dass ein rüpelnder Jugendlicher ungestraft davon kommt und das Opfer die Schule verlassen muss.

    Eine Leserempfehlung
  5. "Im Zweifel" gegen den Angeklagten kann ich ebenfalls nur zustimmen.
    Das Opfer wird womöglich als Auslöser von Konflikten betrachtet. Selbst wusste dieses nicht mit entsprechenden sozialen Situationen umzugehen. Wenn die Eltern, ebenfalls benachteiligt, versuchen sich zu wehren, sind sie etwaigen Vorurteilen der Lehrer ausgesetzt. Auch der Täter kennt keine Konfliktlösungsstrategie, sieht sich angegriffen, genervt oder in seiner Bedeutung gering geschätzt. Dieser sucht ebenso Aufmerksamkeit und kann seine körperlichen bzw. verbalen Fähigkeiten (nicht) zum Ausdruck bringen. Desweiteren lernen es meiner Ansicht nach die Kinder nicht, sich spielerisch!!! mit Kindern mit anderen oder schlechteren Möglichkeiten zusammenzusetzen um Situationen gemeinsam zu lösen und zu erfahren.
    Ich sehen das Mobbing als Folge von übermäßigen Medien- und Spielkonsolenkonsum.

  6. Man mobbt oder leidet und schweigt immer entsprechend der in einem ablaufenden AUTOSUGGESTION. Entsprechend der inneren Weichenstellung muss der Zug des Lebens auf dem Gleis weiterfahren, auf das wir ihn gelenkt haben oder auf das man ihn uns gelenkt hat.
    Jedes Kind kann die Weichen für seinen Lebenszug neu stellen lernen. Dafür muss ihm jemand seine UNBEWUSSTE Autosuggestion BEWUSST machen und ihm zeigen, wie einfach man durch guten BEWUSSTEN Umgang mit den UNBEWUSSTEN Kräften eine neue Entwicklung grundlegen kann. Die BEWUSSTE AUTOSUGGESTION ist deshalb ein Schlüssel der neuen Ich-kann-Schule. Ja, wenn ich die Prinzipien der Lebenskräfte verstanden habe, bekommt schon ein Kind in anderen EINFLUSS. Der Ich-kann-Schule-Satz 2008 sagt, wie: "Wenn ich deine Kräfte BESSER behandle als du, mögen sie mich und folgen mir lieber als dir." Die exakte Beobachtung zeigt, dass die Pädagogik im Problemfall die Kräfte allzu oft noch SCHLECHTER behandelt als der jeweilige "Missetäter"; das erklärt, warum die Prtobleme dann wachsen statt zu schwinden. Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

  7. In der Tat, braucht man für die Analyse von Mobbingsstrukturen keine Neurowissenschaft, schaden wird sie aber auch nicht.
    In vielen Bundesländern nehmen die Forbildungsangebote für Lehrer zum Thema Mobbing kontinuierlich zu. Auch werden viele Fortbildungen im Bereich des sozialen Lernens angeboten, die man als Mobbingprävention nutzen kann.
    Ich möchte den aus meiner Sicht sehr guten Artikel um den Aspekt ergänzen, dass es Mobbingstrukturen auch dadurch schwerer haben, wenn die Kinder nicht nur in der Schule ihre Freunde haben, sondern in mehreren Peer-Groups verankert sind. Fällt eine durch das Verhalten der Mitglieder aus, ist der Fall in das Gefühl, alleine zu sein, nicht so groß.
    Aus meiner Sicht wird der Fokus dieses Artikels zur sehr auf die angeblich unsensiblen Lehrer gerichtet. Mobbing findet meist dann statt, wenn Lehrer eben gerade nicht anwesend sind. Und wie der Artikel richtig beschreibt, reden Mobbingopfer häufig nicht, man sieht es ihnen kaum an. Mobbingprävention fängt im Elternhaus an und hier gibt es aus meiner Sicht viel zu wenig Hilfe. Fortbildungen zum Thema Mobbing für Eltern sind leider sehr selten.

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    hallo,
    Sie moegen recht haben, schaden tut es nicht, allerdings sehe ich den allgemeinen nutzen auch nicht. viel wichtiger finde ich es bei diesem thema auf gruppendynamik und sozialstrukturen einzugehen als auf neuronale vernetzungen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Schule | Eltern | Erwachsene | Lehrer | Mobbing | Opfer
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