Für das Schweigen von Mobbing-Opfern gibt es viele Gründe. Eine Ursache liegt darin, dass die Signale der Opfer von Erwachsenen oft nicht richtig gedeutet werden und das Kind sich nicht verstanden fühlt. "Ich habe euch doch immer davon erzählt", sagt ein 15jähriger zu seinen Eltern, die aus allen Wolken fallen, als ich mit ihnen über die Leiden ihres Sohnes spreche.

Mobbing ist ein aggressiver Akt und bedeutet, dass ein Schüler oder eine Schülerin über einen längeren Zeitraum von Mitschülern belästigt, schikaniert oder ausgegrenzt wird. Mobbing kann sich andeuten, wenn zum Beispiel Hefte und andere Materialien verschwinden, Schulsachen oder das Fahrrad beschädigt werden oder wenn Gerüchte verbreitet werden.

Es kommt vor, dass ein Schüler oder eine Schülerin nicht bei Gruppenarbeiten mitmachen darf oder man verbietet dem Opfer, sich aktiv am Unterricht zu beteiligen. Unter Jugendlichen kommt es zu sexuellen Diffamierungen. Demütigungen erfolgen mit Worten und Zeichnungen auf Zetteln, in Schülerzeitungen und in Briefen. Oft werden Opfer in demütigende Situationen gebracht und dabei mit dem Handy fotografiert. Anschließend werden die Szenen gemeinsam angeschaut, als E-Mail verschickt oder gar ins Internet gestellt.

Wenn dem Täter, also dem Initiator des Mobbings, kein Widerstand entgegengesetzt wird, sein Handeln sogar von Mitschülern toleriert und von einigen sogar unterstützt wird, dann kann seine Machtentfaltung grenzenlos werden. Kinder, die sich mit dem Mobbingopfer solidarisieren, werden unter Druck gesetzt, es kommt auch zu körperlichen Übergriffen. Das alles könnte wahrgenommen werden. Warum kann sich das vor den Augen der Lehrkräfte und auch der Schulleitung abspielen, ohne dass von deren Seite hilfreiche Interventionen erfolgen?
 

Ereignisse auf der äußeren und der inneren Bühne

Die Ereignisse lassen sich relativ einfach beschreiben und bergen doch gleichzeitig ein Geheimnis. Um zu erkennen, dass es sich um Mobbing handelt, müssen Eltern und Lehrer die einzelnen Ereignisse nämlich wie ein Puzzle zusammensetzen. Schließlich braucht es eine Verständigung darüber, ob es sich tatsächlich um Mobbing handelt. Oft werden die geschilderten Erlebnisse von Eltern und Lehrkräften als alterstypisch abgetan. Merkt dies ein Mobbingopfer, dann ist der Weg zum Verstummen nicht mehr weit.

Im Verlauf seiner Entwicklung hat jeder Mensch die unterschiedlichsten Konflikte erlebt und auch erfahren, dass man sie auf irgendeine Art lösen kann. So entstehen Muster des Verstehens und des konstruktiven Handelns im Gehirn. Über das Zusammenspiel der Nervenzellen im limbischen System, das für die Gefühle zuständig ist, mit denen im frontalen Kortex (hier findet Denken und Handlungsplanung statt), entwickeln sich aufgrund millionenfacher Erfahrungen Muster des Verstehens. Werden Konflikte konstruktiv gelöst, so werden die Lösungen als Erfahrungen etabliert und stehen in künftigen Situationen als Lösungsmuster zur Verfügung.

Für Mobbing haben Kinder in der Regel kein Verstehensmuster entwickelt. Ein Opfer weiß nicht, wie es in diese Situation gekommen ist. Im Verlauf der demütigenden Aktionen geht sein Selbstwertgefühl nach und nach verloren. Es stellt sich das Gefühl ein: "Ich bin nichts wert, sonst würden die so etwas mit mir nicht machen." Viele Opfer können sich nicht erklären, wie es kommt, dass alle anderen – oft sogar die beste Freundin oder der beste Freund – gegen sie sind. Sie werden regelrecht von einem Gefühl der Scham überschüttet. Ihr Gefühl sagt ihnen, dass das doch nicht immer so weitergehen könne. Meistens werden sie enttäuscht.

Opfer werden damit belästigt, dass man ihre sexuelle Orientierung lächerlich macht, ihnen zum Beispiel unterstellt, sie seien  schwul. Darüber mit Eltern oder Lehrern zu reden, ist nicht einfach.
In der Phase der Pubertät versuchen Jugendliche selbstständig die eigenen Probleme zu bewältigen. Sie möchten sich kompetent erleben und müssen feststellen, dass sie keinen Ausweg finden. In einer solchen Situation die Eltern um Hilfe zu bitten, das würde sie in die Zeit der Vorpubertät zurückwerfen. Die Mitläufer reden nicht über die Geschehnisse, weil sie befürchten müssen, sonst selbst in die Situation des Opfers zu geraten. Den Opfern wird gedroht, dass sie im Falle des Weitererzählens noch Schlimmeres erfahren würden.

Einige Schüler gehen davon aus, dass ihnen die Eltern in der Schule sowieso nicht helfen können. Manche Opfer probieren die unterschiedlichsten Reaktionen aus, um dann leider feststellen zu müssen, dass sie es alleine nicht schaffen. Sie werden lethargisch, lassen alles mit sich machen. Oft wird dies von Mitläufern nicht ausgehalten, die dann Erwachsene um Hilfe bitten.

Manche Opfer reden nicht, weil sie denken, ihre Lehrer müssten selbst etwas merken und handeln. Da aber nichts geschieht, geben sie resigniert auf. Wieder andere haben erlebt, dass alles nur noch schlimmer geworden ist, seit sie mit ihren Lehrern über ihr Leid gesprochen haben. Nicht selten wird den Opfern unterstellt, sie selbst seien es, die sich als Opfer anbieten. In diesen Fällen ist das Verstummen eine logische Folge.

Manche mussten miterleben, wie andere Kinder Opfer wurden und ihnen von Erwachsenen keine Hilfe zuteil wurde. Sie haben im Mitgefühl mit diesen Opfern ein inneres Muster ausgebildet, das besagt: "In solchen Situation bist du allein." Andere wiederum haben im Verlauf eines Mobbingprozesses das Gespür dafür verloren, dass sie Hilfe brauchen, sich Hilfe holen müssten, wenn sie heil aus der Situation herauskommen wollen. Oft reicht dazu ihre Kraft nicht mehr aus. Zu dieser Einstellung kommt es, wenn sie erfahren mussten, dass ihre Lehrer Mobbingsituationen nicht durchschauen oder nicht ernst nehmen.

Was können Erwachsene tun, damit betroffene Kinder mit ihnen reden?

Eltern und Lehrkräfte können Mobbing dann erfolgreich bearbeiten, wenn sie die innere Dynamik solcher Prozesse begreifen. Ein Mobbingopfer versteht nicht, was ihm widerfährt und kann sich aus eigener Kraft nicht aus der Situation befreien. Es fühlt sich absolut hilflos. Im Kern geht es um die intensive Erfahrung von Ohnmacht verbunden mit Angst und Scham. Ein Mobbingopfer verliert jegliche Orientierung und Sicherheit. Denn es sind abrupt alle Beziehungen zu Mitschülern gekappt. Auch das Vertrauen in Freundschaften geht verloren.

In der Folge kommt es zu Entwicklungen, die sich über lange Zeiträume hinziehen können. Oft stellen sich psychische und physische Erkrankungen ein. Mobbing schränkt nicht nur das Lernvermögen der Betroffenen ein, sondern beeinträchtigt auch ihr gesundheitliches Befinden und schwächt ihr Selbstwertgefühl. Die erfahrene Ohnmacht wirkt sich lähmend auf ihr Denken und Handeln aus. Dieser innere Vorgang muss von den verantwortlichen Erwachsenen verstanden werden. Erst dann können sie wirksame Hilfe leisten.
Erwachsene sollten nun versuchen, das Vertrauen der Betroffenen zu gewinnen, denn genau darin liegt die Lösung. Opfer, Mitläufer und auch Täter brauchen Menschen mit Durchblick und Mut. Sie müssen erleben, dass sich Erwachsene erfolgreich um das Flicken der zerstörten Beziehungen bemühen. Dafür braucht es Zeit und einen andere Gewichtung in Bildungsprozessen. So lange primär die kognitive Leistung der Schülerinnen und Schüler im Fokus ist und der Blick für die Entwicklung der Persönlichkeit und die Atmosphäre in einer Gruppe nur wenig Beachtung finden, sieht es schlecht für Mobbingopfer aus.

Eltern und Lehrkräften sollte es darum gehen, destruktive Aktivitäten, wie sie beim Mobbing passieren, nicht zu tabuisieren, sondern sie als Lernfeld im emotional-sozialen Feld anzusehen. Die Betroffenen müssen erleben können, dass es Erwachsenen gelingt, zerstörte Beziehungen zu reparieren. Dabei geht es nicht um das kriminalistische Verfolgen von schlimmen Taten, sondern um das Aufdecken und Bearbeiten von Mustern, die Menschen zerstören können.

An ihrer Stelle müssen sich über gelingende Problemlöseverfahren neue Muster etablieren können. Überall dort, wo sich Erwachsene gemeinsam mit den betroffenen Schülerinnen und Schülern bemühen, die destruktiven Prozesse zu bearbeiten, können sich über diese gemeinsamen Lösungsversuche neue neuronale Verstehens- und Handlungsmuster etablieren. Eine Schule sollte Mobbing nicht herbeiwünschen, aber überall dort, wo sich Mobbing ereignet, sollte sie für Klarheit sorgen.

Es gilt, eine Atmosphäre des Vertrauens zu schaffen. Vor allem dem Opfer muss man Zeit für seine Erzählungen lassen. Sein Selbstwertgefühl muss gestärkt werden. Und es gilt für den nötigen Schutz zu sorgen. Die Schülerinnen und Schüler werden sich an ihre Eltern, Lehrerinnen und Lehrer wenden, wenn diese signalisieren, dass sie den Ernst solcher Situationen verstanden haben und sich Zeit für gelingende Lösungen nehmen.  

Das Elternbuch © Beltz Verlag

Dr. Karl Gebauer ist Verfasser und Herausgeber zahlreiche Bücher zu Erziehungs- und Bildungsfragen.  Zuletzt sind von ihm erschienen: Mobbing in der Schule (2005) und Klug wird niemand von allein (2007). Er war 25 Jahre Rektor der Leinebergschule in Göttingen und hat zusammen mit dem Hirnforscher Prof. Dr. G. Hüther die Göttinger Erziehungs- und Bildungskongresse ins Leben gerufen. Einen ausführlichen Beitrag von Karl Gebauer zu diesem Thema finden Sie in "ElternBuch", Claus Koch, Sabine Andresen, Micha Brumlik (Hg.), Beltz. Weitere Informationen zum Autor gibt es unter: www.gebauer-karl.de und www.win-future.de.