Freizeit Vereine müssen kooperieren oder kapitulieren
Sportvereine verlieren Tausende von Mitgliedern. Die Geburten gehen zurück und viele Kinder in die Ganztagsschule – statt zu einem Club. Sind die Vereine noch zu retten?
Früher bildeten sich Trauben von Jungen am Rand des Fußballplatzes, wenn das erste Schönwettertraining nach dunklen Wintermonaten lockte, erzählt Sabine Oster, Trainerin der Bambini, der jüngsten Fußballer beim 1. FC Ringsdorff-Godesberg. "Die Trainer konnten sich die besten Spieler aussuchen", sagt Oster. Heute könne sie sich glücklich schätzen, wenn eine Kindermannschaft zustande kommt. Die Mehrheit der jungen Mitglieder des nordrhein-westfälischen Fußballvereins stammt aus Familien ausländischer Herkunft, sagt Oster. Bundesweit haben mehr als 30 Prozent der Kinder im Alter bis zu zehn Jahren ausländische Wurzeln. Nur Vereine, die es schaffen, auch diese Gruppe an sich zu binden, haben eine Chance.
Seit Ganztagsschulen in ganz Deutschland wie Pilze aus dem Boden schießen, ergeht es vielen Vereinen wie dem 1. FC Ringsdorff: sie fürchten um ihre Zukunft. Immerhin haben rund 112.600 Mitglieder allein im Jahr 2009 ihrem Sportverein den Rücken gekehrt. Dabei gibt es eine Menge Kinder, für die es von Vorteil wäre, wenn sie sich im Verein und nicht auf der Straße austobten.
Hintergrund ist ausgerechnet ein Investitionsprogramm der Bundesregierung aus dem Jahr 2003. Es heißt "Zukunft Bildung und Betreuung" und stellt vier Milliarden Euro zur Verfügung, um den Ausbau von Tausenden Ganztagsschulen zu finanzieren. Es sollte dafür sorgen, dass Familie und Beruf vereinbar werden. Auch erhofft man sich mehr Gerechtigkeit durch die längere Betreuung für Kinder aus bildungsfernen Schichten. Erweist sich das Programm nun als Sargnagel für viele der rund 90.900 Sportvereine?
Hausaufgaben, Förderstunden, Arbeitsgemeinschaften und Bewegungsspiele in der Ganztagsschule fordern ihren Tribut: "Nach der Ganztagsschule sind die Kinder tot", sagt Oster. Viele Eltern hätten kein Interesse mehr, ihre Kinder nach anstrengenden Schulstunden wieder abzugeben und sie um 17 Uhr zum Fußballverein zu kutschieren. "Unsere Betreuer und Trainer sind berufstätig und können in der Regel nicht vor 17 Uhr auf dem Platz stehen", sagt Oster.
Die massive Präsenz von Ganztagsschulen zwingt die Sportvereine in der Stadt und auf dem Land dazu, sich zu modernisieren, professioneller zu werden. Nur Vereine, die gut ausgebildete und pädagogisch sowie am besten auch interkulturell versierte Übungsleiter aufbieten könnten, kämen für eine Schulkooperation in Betracht, erklärt Klaus Böger, Präsident des Landessportbundes Berlin.
Mit 800 Mitgliedern ist der Beueler Judo-Club in Bonn ein sehr großer Judoverein. Doch die Abwanderung der Kinder in die Ganztagsschulen hat den Verein bereits zwischen 250 und 300 Mitglieder im Alter von sieben bis zehn Jahren gekostet, sagt Rainer Wolff, der Vorsitzende. Im Unterschied zum 1. FC Ringsdorff hat der Judoverein mehrere Trainer hauptberuflich angestellt, die auch am frühen Nachmittag in den Schulen Kurse anbieten können – darunter einen Trainer angolanischer Herkunft. Der Verein kann so die Turnhallen während der Schulzeit nutzen, die sonst in der Regel bis 16 oder 17 Uhr von den Schulen belegt sind. So hat er sich zwar professionalisiert, aber der Nachwuchs schwindet weiter.
Zuerst standen zwölf Kinder auf der Judomatte in der Ganztags-AG, später nur noch drei, erläutert Wolff. "Es war sinnlos, die AG fortzuführen, denn Judo ist ein Teamsport, der davon lebt, dass man sich in der Gruppe gegenseitig aufputscht", sagt der Vereinsfunktionär. Hinzu kommt der Umstand, dass sich die Kinder im Rahmen der Offenen Ganztagsschule (OGS) höchstens für ein halbes Jahr für den Kurs verpflichtend anmelden müssen. Für ein halbes Jahr lohne es sich erst gar nicht, die Eltern dazu aufzufordern, Judoanzüge zu kaufen. "Wir kämpfen jetzt ums Überleben", sagt Wolff
"Ängste sind auch bei uns da", sagt Bernhard Alscher, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Birkenfeld im ländlichen Rheinland-Pfalz. Die Gemeinde bangt schon um ihre Vereine, obwohl sie gerade auf dem Land am tiefsten verwurzelt sind. Dabei sind Vereine Alscher zufolge gerade heutzutage unersetzlich, in einer Zeit, in der die Medien Kinder und Jugendliche immer mehr absorbierten. "Nur über Vereine lassen sich soziale Strukturen erhalten." Die Verbandsgemeinde spüre schon jetzt, dass ein Großteil der Bevölkerung immer älter werde und weniger Kinder geboren würden. Um angesichts dieser Entwicklung den Kontakt zum Nachwuchs nicht zu verlieren, hat etwa der SC Birkenfeld Fußballkurse in die Ganztagsschule verlegt. "Wir konnten zwar neue Mitglieder gewinnen, doch auf Dauer klappte die Organisation nicht, weil unsere ehrenamtlichen Trainer beruflich oft verhindert sind", sagt Helge Dietze, Jugendleiter des Fußballvereins.
Trotzdem ist die Zahl der Vereine, die mit Ganztagsschulen gemeinsame Sache machen, in Rheinland-Pfalz kontinuierlich gestiegen. Das könnte mit den Bedingungen für Kooperationen im Land zu tun haben. Rheinland-Pfalz hat mit den Sportverbänden Rahmenvereinbarungen getroffen, so dass kein Verein auf eigene Faust die Art und Weise der Zusammenarbeit aushandeln muss. Außerdem sichern die Sportverbände den Ganztagsschulen eine Vertretung zu, falls ein Übungsleiter erkrankt. In Rheinland-Pfalz hat noch jede der rund 460 Ganztagsschulen in Angebotsform einen geeigneten außerschulischen Kooperationspartner gefunden, sei es auf dem Land oder in der Stadt, so Johannes Jung, vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur in Mainz.
Das rheinland-pfälzische Modell, Ganztagsschule in Angebotsform, ist zwar wie die Offene Ganztagsschule in NRW grundsätzlich freiwillig. Einmal angemeldet, verpflichten sich die Schüler aber für ein ganzes Jahr, die Angebote der Ganztagsschule wahrzunehmen.
- Datum 30.07.2010 - 14:24 Uhr
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Was sollen die Krokodilstränen der ZEIT? Seit Ihr es nicht gerade, die im Sinne der Gleichmacherei Ganztagsschulen fordert und auf Einwände, dass es ja auch Vereine gäbe, um Bildung zu vermitteln - auch soziale Bildung - nicht eingegangen seid?
[...]
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Ich weiß nicht, was Sie da lesen, aber ich lese lediglich eine Ist-Beschreibung und kein Bedauern darüber, dass es so ist. Also auch keine Krokodilstränen. Evt. Feindbild ZEIT?
Ich habe beruflich u.a. auch mit Vereinen zu tun und es gibt sehr gute Beispiele von Vereinen, die sich modernisieren, weil sie schon vor Jahren erkannt haben, was allein durch die Ganztagsschule auf sie zukommt. Viele haben sich sehr stark dem älteren Publikum zugewendet, moderne Fitness-Einrichtungen gebaut, ihr Angebot auf die Gesundheitsschiene gebracht und sind Kooperationen mit Schulen eingegangen. Andere haben den Schlaf der Gerechten geschlafen, darauf vertraut, dass sich alles ehrenamtlich und improvisiert lösen lässt und es ist eine Frage der Zeit, wann diese Vereine entweder mit anderen fusionieren oder die Tore schließen müssen. Das Publikum ist heute anspruchsvoller geworden, gerade in den Großstädten, was zeitversetzt auch auf die Vereine in ländlichen Gegenden überschwappt.
Ich denke, Vereine müssen künftig sehr stark mit Schulen kooperieren. Im Zusammenhang mit Ganztagsschulen sollte das Sportangebot in Kooperationen mit Vereinen ausgebaut werden. Nur so haben sie eine Überlebenschance. In den USA oder Kanada ist das Sportangebot in Schulen viel ausgeprägter als hier. Die Schulen selbst können das momentan gar nicht leisten, warum also hier nicht auf das Know-How der Vereine zurückgreifen? Das würde auch den Sportunterricht in den Schulen aufpeppen.
Ich weiß nicht, was Sie da lesen, aber ich lese lediglich eine Ist-Beschreibung und kein Bedauern darüber, dass es so ist. Also auch keine Krokodilstränen. Evt. Feindbild ZEIT?
Ich habe beruflich u.a. auch mit Vereinen zu tun und es gibt sehr gute Beispiele von Vereinen, die sich modernisieren, weil sie schon vor Jahren erkannt haben, was allein durch die Ganztagsschule auf sie zukommt. Viele haben sich sehr stark dem älteren Publikum zugewendet, moderne Fitness-Einrichtungen gebaut, ihr Angebot auf die Gesundheitsschiene gebracht und sind Kooperationen mit Schulen eingegangen. Andere haben den Schlaf der Gerechten geschlafen, darauf vertraut, dass sich alles ehrenamtlich und improvisiert lösen lässt und es ist eine Frage der Zeit, wann diese Vereine entweder mit anderen fusionieren oder die Tore schließen müssen. Das Publikum ist heute anspruchsvoller geworden, gerade in den Großstädten, was zeitversetzt auch auf die Vereine in ländlichen Gegenden überschwappt.
Ich denke, Vereine müssen künftig sehr stark mit Schulen kooperieren. Im Zusammenhang mit Ganztagsschulen sollte das Sportangebot in Kooperationen mit Vereinen ausgebaut werden. Nur so haben sie eine Überlebenschance. In den USA oder Kanada ist das Sportangebot in Schulen viel ausgeprägter als hier. Die Schulen selbst können das momentan gar nicht leisten, warum also hier nicht auf das Know-How der Vereine zurückgreifen? Das würde auch den Sportunterricht in den Schulen aufpeppen.
Jetzt sollen also auch die Vereine verstaatlicht und vereinheitlicht werden, um auf "Linie" zu liegen....
Es freut mich, dass dieses Thema einmal auf die Tagesordnung kommt. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass diese Problematik nicht auf Sportvereine beschränkt ist (warum sollte sie auch). Musikvereine kämpfen in ähnlicher Weise um Nachwuchs und müssen hierbei nicht nur um die knappe Zeit der Jugendlichen buhlen sondern stehen auch in Konkurrenz zu einer steigenden Zahl an Schulorchestern (hier gibt es natürlich ähnliche Zusammenschlüsse wie im Sportbereich).
Das Vereinsleben wird sich sicher deutlich verändern für die nächste Generation, falls es denn überhaupt Bestand haben wird.
Die soziale Bildung, die in Vereinen betrieben wird zusammen mit der Freude am Sport treiben oder musizieren, etc. stellt meiner Ansicht nach Grund genug da hier nach Lösungen zu suchen.
Ich weiß nicht, was Sie da lesen, aber ich lese lediglich eine Ist-Beschreibung und kein Bedauern darüber, dass es so ist. Also auch keine Krokodilstränen. Evt. Feindbild ZEIT?
Ich habe beruflich u.a. auch mit Vereinen zu tun und es gibt sehr gute Beispiele von Vereinen, die sich modernisieren, weil sie schon vor Jahren erkannt haben, was allein durch die Ganztagsschule auf sie zukommt. Viele haben sich sehr stark dem älteren Publikum zugewendet, moderne Fitness-Einrichtungen gebaut, ihr Angebot auf die Gesundheitsschiene gebracht und sind Kooperationen mit Schulen eingegangen. Andere haben den Schlaf der Gerechten geschlafen, darauf vertraut, dass sich alles ehrenamtlich und improvisiert lösen lässt und es ist eine Frage der Zeit, wann diese Vereine entweder mit anderen fusionieren oder die Tore schließen müssen. Das Publikum ist heute anspruchsvoller geworden, gerade in den Großstädten, was zeitversetzt auch auf die Vereine in ländlichen Gegenden überschwappt.
Ich denke, Vereine müssen künftig sehr stark mit Schulen kooperieren. Im Zusammenhang mit Ganztagsschulen sollte das Sportangebot in Kooperationen mit Vereinen ausgebaut werden. Nur so haben sie eine Überlebenschance. In den USA oder Kanada ist das Sportangebot in Schulen viel ausgeprägter als hier. Die Schulen selbst können das momentan gar nicht leisten, warum also hier nicht auf das Know-How der Vereine zurückgreifen? Das würde auch den Sportunterricht in den Schulen aufpeppen.
Wie immer handelt es sich hier um eine verdeckte Sparmaßnahme. Was brauchen wir die Unterrichtsfächer Sport, Musik, Kunst und Religion? Demnächst kommen Trainer, Musiker, Künstler und Pastoren an die Schulen und verwahren die Schüler für einen Bruchteil der Kosten von Pädagogen.
Aus meiner Perspektive (Vater eines 12j. Jungen) führt nicht nur die Ganztagsschule zum Schwund bei Vereinen und Verbänden in Stadt und Land.
Es sind bei Halbtagsschülern - insbesondere aus der sich nach unten abschottenden Mittelschicht - die schulergänzenden Terminkalender der kids bzw. der von Mutti gemanagte Wochenplan, wo sich kein Platz mehr für Verabredungen in der eh schon unter Kindern ausgedünnten Nachbarschaft finden lässt. Leerlaufzeiten lassen sich zudem problemlos mit PC & TV brücken, es gibt keine Lücken die nicht von realen, medialen oder virtuellen Miterziehern in der schmalen Restfreizeit besetzt werden.
Wir sind ganz froh, dass unser Jüngster mit dem Wechsel zur weiterführenden Halbtags-Schule den Großteil seiner sozialen außerschulischen Kontakte erhalten konnte – aber eben nicht die zu Ganztagsschülern. Außerdem wirkt sich o.g. Freizeitstress (insbes. a.d. Gymn.) der Mitschüler auf Bezugsoptionen negativ aus – Verabredungen tendieren gegen Null, jede/r hat schon irgendwas vor bzw. bleibt in seinen Kreisen.
Der Gang zum Verein basiert letzlich a.d. sozialen/nachbarschaftl. Netzwerken, die durch Termin – und Eventisierung der mithin verinselten Kindheit / Jugend aufgelöst werden – die in o.g. Abschottungssog hineingezogen wird.
Besser wären schulformübergreifende Konzepte und AG´s, d.h. Schulen sammeln lokale Interessenten und führen sie koordiniert mit Vereinen an breitensportliche Aktivitäten im Stadtteil heran – ohne soziale Einwurzelung geht’s nicht.
jetzt dämmert mir, warum die Politik Gutscheine für Hartz4-Kinder vorschlägt. Das Drucken kostet nicht viel und einlösen kann man sie bald nirgends...
Tja "unsere Vereine" sind nur ein Bereich von Vielen, die sich aufgrund demografischer sowie gesellschaflticher Entwicklungen gravierend verändern werden. Allerdings sind sie vermutlich ein guter Frühsensor für die Entwicklung andere Bereiche.
Viele Gründe wurden schon gennannt:
- Natürlich immer weniger Kinder/Jugendliche.
- Immer weniger "junge" Betreuer/Trainer (Omas/Opas sind für "Jungs" halt nicht so attraktiv)
- Junge Männer Frauen haben heute sehr wenig Zeit (Mobil, immer im Job, viele tolle andere Events und Freizeitgestaltungsmöglichkeiten).
- Das Individuelle und die Selbstverwirklichung hat doch stark zugenommen und steht eher im Widerspruch zum "Vereinsleben".
- Wer will denn heutzutage noch Ehrenamt machen(Das bringt "ökonmisch" gesehen doch nichts ein- und wir (wurden) sind bis in die Familien hinein immer stärker ökonomisch fixiert. Fazit: die besten Leute für Vereinsarbeit bleiben weg und es fehlen die wichtigen Vorbilder.
- Ja und die Kinder haben eben immer weniger Freizeit(
Stichwort G8)
- Für die verbleibende Restfreizeit stehen vielfältige Alternativen zur Verfügung (PC-Spiele,Fernsehen usw...)
Die skizierte Entwicklung hat längst begonnen und es sieht für viele Vereine rabenschwarz aus. Allerdings wurde die Entwicklung gesellschaftpolitisch gesehen gefördert bzw. beschleunigt (Trend zu Doppelverdiener-Eltern, verstärkte staatliche Betreuung (Krippen, Ganztagesschulen usw.)
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