Verwaiste ElternAbschied vom toten Baby

Wie kann der Trauer im Klinikalltag Platz eingeräumt werden? Im Virchow-Krankenhaus in Berlin gibt es einen Raum, in dem verwaiste Eltern ihr totes Kind verabschieden können.

Der Abschiedsraum im Virchow war ursprünglich eine Abstellkammer

Der Abschiedsraum im Virchow war ursprünglich eine Abstellkammer

Routinierte Betriebsamkeit. Ärzte eilen über den Flur. Rechts befindet sich ein Kreißsaal, zurzeit unbelegt und halbdunkel. Etwas abseits hinter einem Vorhang aus milchig-warmen Stoffbahnen liegt ein ruhiges kleines Zimmer der Abschiedsraum. Der schmale Eingangsbereich zur ehemaligen Abstellkammer bildet einen Übergang zwischen der Klinik und dem Ort der Stille, geschützt wie der Kern in der Nussschale. Das blaue Sofa mit den weißen Kissen, der halbrunde Sessel und der Tisch, auf dem eine Holzschale steht, bilden eine tröstliche Dreiergruppe. In die Schale legen die Hebammen das verstorbene Kind.

Jährlich verlieren etwa dreitausend Eltern ihr Kind in den ersten Stunden, Tagen oder Wochen nach der Geburt, so die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). So öffentlich wird selten über den Tod von Babys getrauert, wie gerade im Fall der Babys, die in Mainz an verunreinigten Infusionen starben. Über viele Generationen hindurch war der frühe Tod eines Kindes ein Tabuthema. Meist haben Mütter und erst recht Väter ihr totes Kind nie gesehen. Erst seit den 1980er Jahren entwickelt sich eine Trauerkultur auch für die früh verstorbenen Kinder.

Anzeige

Anja Scholz hat die leidvolle Erfahrung gemacht, Kinder vor der Geburt zu verlieren. Keines der Kinder hat sie gesehen. Hätte es das Angebot für sie und ihren Mann gegeben, dann, da ist sich Anja Scholz heute sicher, wären sie beide besser mit dem Verlust zurecht gekommen: "Es wäre etwas da gewesen, zum Sehen, Anfassen, Spüren und Wahrnehmen", sagt sie. So ist nur die Trauer geblieben. Inzwischen sind sie Eltern eines gesunden Kindes. Aber manchmal genügt die Frage, "wie viele Kinder habt ihr?" und die Wunden reißen wieder auf. "Was soll ich darauf antworten?", fragt Scholz.

Klinikmitarbeiter erfahren die enorme Verzweiflung der Eltern, die im Begriff sind, ein Kind zu verlieren oder bereits verloren haben. Auch dem Gynäkologen Jan-Peter Siedentopf der Charité-Klinik für Geburtsmedizin, Campus Virchow geht das nahe und ist deshalb froh, dass es nun einen Ort für die Trauer im Krankenhaus gibt. "Ein totes Baby berührt mich immer wieder, egal wie viele Kinder bei uns täglich gesund zur Welt kommen", sagt Siedentopf.

Unabhängig vom Zeitpunkt und den Umständen ist der Verlust ein tiefer Einschnitt im Leben der Eltern. Einträge in Internetforen des Bundesverbandes Verwaiste Eltern in Deutschland e.V. oder der Initiative Regenbogen, Glücklose Schwangerschaft e.V. zeigen, wie wenig Verständnis verwaisten Eltern entgegengebracht wird. "Betroffene Frauen hören solche Sachen wie: Das ist ganz normal, das muss man eben verkraften, man soll nur recht schnell wieder schwanger werden", berichtet Ellen Grünberg, Beratende Hebamme beim Deutschen Hebammenverband.

Auf die Initiative der Hebamme Cornelia Brust und der Arbeitsgruppe Stille Geburt – Verwaiste Eltern hin wurde der Abschiedsraum im Virchow Realität. "Es ist uns gelungen, aus einem Es-Geht-Nicht – wir haben ja überhaupt keine Räumlichkeit und kein Geld – ein Und-Es-Geht-Doch zu machen", sagt sie. Sie arbeitet seit 1985 als Hebamme. "Wir wollten unbedingt einen Raum im Kreißsaalbereich", erklärt Brust. Jahrelange Berufserfahrung hat gelehrt, dass etliche Betroffene nach der Geburt ein, zwei oder auch drei Tage Zeit brauchen, um ihr Baby anzusehen und sich dann sehr spontan entscheiden, ihr totes Kind sehen zu wollen.

Diesem verständlichen, aber unplanbaren Bedürfnis können die Hebammen jedoch angesichts der dünnen Personaldecke und der Verpflichtung während der Dienstzeit im Kreißsaalbereich zu bleiben, nur nachkommen, wenn sich der Abschiedsraum in der Nähe befindet. Die Oberärztin der Klinik für Geburtsmedizin am Virchow Christine Klapp betont, dass die verwaisten Eltern dazugehören: Sie werden nicht ins stille Kämmerlein abgeschoben und ausgegrenzt, sondern sind mitten im Leben.

Leserkommentare
  1. Entfernen Sie diesen Artikel doch bitte von der Titelseite. Das ist doch geschmacklos. Werdende Eltern wird es wohl kaum freuen, dass es einen Gedenkraum für sie gäbe, wenn ihr Baby stirbt. Alle andere macht es unnötig betroffen. Oder was ist der Zweck dieses Artikels?

    Anm.: Bitte bemühen Sie sich in Anbetracht der Todesfälle um ein Mindestmaß an Mitgefühl. Danke. /Die Redaktion pt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... finde ich einzig und alleine Ihren gedankenlosen und gefühllosen Kommentar.

    Nur deshalb, weil der frühe Tod eines Kindes ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ist, heisst dies noch lange nicht, dass sich werdende Eltern nicht für dieses Thema interessieren.

    Meiner jüngsten Schwester und ihrem Mann wäre jedenfalls vieles leichter gefallen, hätte es so ein Angebot auch in unserer Stadt gegeben.

    Ich hoffe, dass dieses Beispiel viele Nachahmer - in unserer an Mitgefühl so armen und an Respektlosigkeit so reichen Welt - findet.
    (und)
    Dass möglichst oft in den Medien darüber berichtet wird.

    @ Esquire

    Ich stelle mir die Frage, ob Sie auch noch so darüber denken, wenn Sie selbst betroffen wären.

    Aus eigener Erfahrung heraus kann ich sagen, dass es für Eltern von totgeborenen Kindern ein ganz wichtiger Schritt ist sich von ihrem Kind in einem würdevollen Rahmen verabschieden zu können.

    Zu Ihrem Kommentar fällt mir nur ein einziges Zitat ein:

    Menschen sollten nie mit vollem Mund reden, tun es aber bedenkenlos mit leerem Kopf!

    Bitte einfach mal drüber nachdenken, wie sich betroffene Eltern fühlen, wenn sie solche Kommentare wie Ihres lesen.

    ... finde ich einzig und alleine Ihren gedankenlosen und gefühllosen Kommentar.

    Nur deshalb, weil der frühe Tod eines Kindes ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ist, heisst dies noch lange nicht, dass sich werdende Eltern nicht für dieses Thema interessieren.

    Meiner jüngsten Schwester und ihrem Mann wäre jedenfalls vieles leichter gefallen, hätte es so ein Angebot auch in unserer Stadt gegeben.

    Ich hoffe, dass dieses Beispiel viele Nachahmer - in unserer an Mitgefühl so armen und an Respektlosigkeit so reichen Welt - findet.
    (und)
    Dass möglichst oft in den Medien darüber berichtet wird.

    @ Esquire

    Ich stelle mir die Frage, ob Sie auch noch so darüber denken, wenn Sie selbst betroffen wären.

    Aus eigener Erfahrung heraus kann ich sagen, dass es für Eltern von totgeborenen Kindern ein ganz wichtiger Schritt ist sich von ihrem Kind in einem würdevollen Rahmen verabschieden zu können.

    Zu Ihrem Kommentar fällt mir nur ein einziges Zitat ein:

    Menschen sollten nie mit vollem Mund reden, tun es aber bedenkenlos mit leerem Kopf!

    Bitte einfach mal drüber nachdenken, wie sich betroffene Eltern fühlen, wenn sie solche Kommentare wie Ihres lesen.

  2. Über den Tod zu schreiben, ist nicht geschmacklos. Zum Glück gelingt es meist, ihn weit aus dem Alltagsleben herauszuhalten und den heimlichen Glauben an die eigene Unsterblichkeit (Freud) zu pflegen. Dagegen ist gar nichts einzuwenden, es sei denn, die Verdrängung des Themas geht zu Lasten der Betroffenen. Ist es wirklich zu viel, denen, die ohne ihr Kind eine Geburtsstation verlassen müssen, einen Gedenkraum anzubieten? Das ist doch das mindeste an existentieller Solidarität was eine humane Gesellschaft denen schuldet, die einen Schicksalsschlag erleiden.

    Eine Leserempfehlung
  3. ... finde ich einzig und alleine Ihren gedankenlosen und gefühllosen Kommentar.

    Nur deshalb, weil der frühe Tod eines Kindes ein Tabuthema in unserer Gesellschaft ist, heisst dies noch lange nicht, dass sich werdende Eltern nicht für dieses Thema interessieren.

    Meiner jüngsten Schwester und ihrem Mann wäre jedenfalls vieles leichter gefallen, hätte es so ein Angebot auch in unserer Stadt gegeben.

    Ich hoffe, dass dieses Beispiel viele Nachahmer - in unserer an Mitgefühl so armen und an Respektlosigkeit so reichen Welt - findet.
    (und)
    Dass möglichst oft in den Medien darüber berichtet wird.

    Antwort auf "Geschmacklos"
    • SmoovE
    • 24.08.2010 um 16:44 Uhr

    zu Kommentar1: Sie sind nicht Vater oder Mutter,oder? Sonst wäre Ihnen nicht dieser Kommentar passiert.

    Einen Abschiedsraum sollte es in jedem Krankenhaus geben...

  4. Finde ich ebenfalls nicht geschmacklos, sondern sehr schön, dass sich jemand so sensibel mit diesem schwierigen Thema auseinandersetzt. In meinem Umfeld hat es auch ein totes Baby gegeben und alle schauen weg bzw. verharmlosen das, wollen nichts damit zu tun haben und reden davon, dass die betroffene Frau schon bald wieder schwanger sein wird. Der Tenor des ersten Leserkommentars spiegelt dies im übrigen prima wider. Ja, es ist schwer,sich damit auseinanderzusetzen, umso höher muss man die Arbeit der Hebamme schätzen.

  5. Meine Kritik gilt einzig der Platzierung des Artikels auf der Hauptseite. Um mit einem sensiblen Thema umzugehen braucht man den richtigen Ort. Wieso sollte es in der Zeitung anders sein?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 20
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Baby | Eltern | Geburt | Berlin
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service