Thomas Gensicke ist Mitverfasser der Shell-Jugendstudie 2010 und Sozialforscher bei "TNS Infratest Sozialforschung"

ZEIT ONLINE: Schon in der letzten Studie bekamen wir eine recht brave, pragmatisch handelnde Jugend präsentiert. Familie, Ausbildung und Leistung sind das Wichtigste im Leben. Woran liegt das? Haben Jugendliche so viel Angst vor dem Absturz, dass sie sich an das Konventionelle klammern?

Thomas Gensicke: Nein. Eindeutig kann die Studie diese psychologischen Zusammenhänge zwar nicht klären. Deutlich wird aber, dass die Jugendlichen nicht verkrampft ihr Leben auf Regeln und Anstrengung ausrichten. Sondern ihre Haltung geht immer damit einher, auch etwas vom Leben haben zu wollen. Karrierismus ist für die meisten nicht erstrebenswert, der Spaßfaktor spielt nämlich nach wie vor eine große Rolle. Das ist das wesentliche Ergebnis der Studie: Jugendliche verspüren von Eltern und Lehrern einen großen Druck. Aber sie nehmen ihn nicht bedingungslos an. Sie tun das eine, aber lassen das andere deshalb nicht. Sie verteidigen sich gegen den Druck, gehen aber deshalb nicht in Opposition. Das Wichtigste im Leben ist ihnen das gute private Netzwerk: Familie und Freunde. Erst dann kommt die Bewährung im Leben in Ausbildung und Beruf. Aber auch das ist keine idealistische Veranstaltung. Ein hoher Lebensstandard ist ebenfalls eine hohe Wunschkategorie.

ZEIT ONLINE: Sie stellen außerdem fest, dass die Jugendlichen optimistischer sind als vor vier Jahren. Nur sieben Prozent sehen ihre Zukunft schwarz.

Gensicke: Ja, und der Optimismus hat ein solides Fundament. Das liegt auch am demografischen Wandel. Jugendliche haben feine Antennen: Sie riechen, dass sie begehrter sind, dass sie, weil sie wenige geworden sind, umworben werden. Auch Problemjugendliche kann man bald besser in Ausbildung bringen. Das Gefühl, sicherer zu sein, unterstützt auch die Bereitschaft, sich zu engagieren.

ZEIT ONLINE: Jugendliche werden laut ihrer Studie im Durchschnitt auch etwas politischer. Besonders auffällig ist es aber nur bei den 12- bis 14-jährigen. Im Vergleich zum Zeitraum vor acht Jahren interessieren sie sich doppelt so viel für Politik. Ist das ein Trend?

Gensicke: Das ist wirklich sehr interessant und neu, dass besonders die ganz Jungen politisch interessiert sind. Es könnte einen Wandel andeuten. Ansonsten warten wir auf die Repolitisierung der Jugend weniger wegen der Ergebnisse dieser Studie. Nur ein Hobbyastrologe würde das aus der Studie herauslesen wollen. Aber es gibt theoretische Erwartungen. Eine Generation dauert etwa 15 Jahre. Die pragmatische Generation, wie wir die jetzige Jugend seit der letzten Studie nennen, geht zu Ende. Deshalb müssten wir eine neue, politische Generation in der nächsten Studie finden. Die Jugend heute hat Ähnlichkeiten mit der skeptischen Jugend der 1950er Jahre, nur dass diese nicht so flexibel war. Auf die skeptische folgte die 68er Generation. Das Problem ist: Jetzt sind all die 68er unterwegs und suchen nach den Mustern ihrer eigenen Aktivitäten. Aber Geschichte wiederholt sich nicht. Wir wissen nicht, in welcher Form sich das neue politische Bewusstsein äußern wird. Der Wandel wird sich auch nicht langsam ankündigen sondern abrupt kommen.  

ZEIT ONLINE: Sie beschreiben, dass Jugendliche aus sozial schwachen Familien mehr vor dem Fernseher und Computer sitzen und wesentlich weniger zuversichtlich sind als der Durchschnitt. Der Graben zwischen den Schichten ist laut ihrer Studie sogar noch stärker geworden. Warum ändert sich nichts?

Gensicke: Es hat einfach noch kein grundlegender Wandel stattgefunden. Selbst wenn manche Problemjugendliche jetzt eine Chance auf einen Ausbildungsplatz bekommen, ist das nur ein Anfang. Viele bleiben am Boden. Die Politik ist seit zehn Jahren Ankündigungspolitik, bis jetzt hat sich nicht viel geändert. Doch wenn man genau hinschaut, ist selbst unter Arbeitslosen immer noch die Hälfte optimistisch. Sie sind eben jung!

ZEIT ONLINE: Und was ist mit den Horrorstorys über die Jugend? Komasaufen und Computerspielsucht? Ist das auch ein Schichtenproblem oder eher eine Frage des Alters?

Gensicke: Alkohol trinken und sich mit Computerspielen ablenken, ist deutlich schichtspezifisch. Das große Problem dabei ist, dass es sich um negative Reaktionen auf Schwierigkeiten handelt. Jugendliche aus sozial schwierigen Verhältnissen lenken sich oft mit Computerspielen ab, nicht um ein Problem nur aufzuschieben (wie es der Durchschnittsjugendliche auch gern tut), sondern um es ganz zu verdrängen, was sie sehr unzufrieden macht.

Beim Alkohol kommt tatsächlich das Alter ins Spiel, denn erst die älteren Jugendlichen trinken mehr. Hier haben Verbote und Kampagnen viel bewirkt. Die Älteren sind wegen ihrer größeren Reife aber organisierter und deshalb zufriedener als die, die mit Computerspielen Probleme verdrängen wollen. Das sogenannte Flatrate-Saufen ist allerdings in unserer Studie nicht abbildbar.

ZEIT ONLINE: Haben muslimische Jugendliche andere Werte, andere Wünsche, eine andere Haltung zu ihrer Zukunft? Oder ist auch hier die Schichtzugehörigkeit entscheidend.