Fatima ist jung verheiratet worden mit einem Mann aus ihrem libanesischen Heimatdorf. Sie folgt ihm in die USA, wo er bei Mr. Ford arbeitet, wie sie die Fabrik nennt. Zehn Kinder hat sie in die Welt gesetzt und einen libanesischen Feigenbaum gepflanzt, der in Detroit aber keine Früchte tragen mag. Wichtig ist ihr, dass aus den Kindern etwas wird. Nur helfen konnte sie ihnen bei den Hausaufgaben nicht, denn lesen und schreiben hat sie auch in Amerika nicht gelernt. Und den westlichen Lebensstil hat sie auch nie ganz verstanden, weshalb die Mädchen nach den dörflich arabischen Sittenvorstellungen aufwuchsen, zu Hause blieben, wenn ihre Schulkameradinnen in Feriencamps fuhren oder zum Schulball gingen.

Ihren Lieblingsverwandten, Amir, den Enkel, der sie jetzt versorgt, wo sie alt ist, will sie unbedingt noch verheiraten, bevor sie stirbt. Auch wenn er immer wieder versucht, das Wort "schwul" auszusprechen. Doch wenn sie ihn daran hindert, das böse Wort zu sagen und die Töchter irgendwelcher arabischer Bekannter als Hochzeitskandidatinnen ins Haus einlädt, wird sie schon alles regeln. Schließlich war ihre Großmutter, die beste Heiratsvermittlerin Libanons.

Bildungsfern, extrem fruchtbar, muslimisch, intolerant und unterdrückte Töchter heranziehend – die Lebensgeschichte der Hauptfigur des Romans Feigen in Detroit von Alia Yunis klingt nach missglückter Integration, nach einem Sarrazin'schen Albtraum. Auch wenn Fatima die Nachbarn dafür verachtet, dass sie japanische statt amerikanischer Autos kaufen, klebt sie noch an den alten Geschichten aus dem Libanon und am Haus, das sie noch vererben könnte, wenn sich denn irgendeiner ihrer vielen Nachkommen dafür interessieren wollte.

Die Heimat von Fatimas Kindern ist aber nicht das Dorf im Libanon, sondern Detroit, Los Angeles, New York oder Las Vegas. Sie sind Amerikaner. Anders als in Deutschland sind die Geschichten der erwachsenen Kinder Fatimas, der zweiten Einwanderergeneration, nicht geprägt von Ghettovierteln und mangelnder Sprachkenntnis. Mit der Mutter reden sie nur noch in allen Details über das Wetter, weil sie ihr nicht zutrauen, dass sie ihre wirklichen Probleme und Wünsche verstehen könnte, und weil sie umgekehrt glauben, Fatimas Ansprüche enttäuscht zu haben.

Integriert sind sie alle, auch wenn sie manchmal zerrissen sind zwischen den Ansprüchen der Eltern und den eigenen Ambitionen. Aber wer hat keine Probleme mit der Familie? Die Geschichten dieser Einwandererkinder sind so witzig und anrührend wie andere Familiengeschichten auch. Da ist zum Beispiel Randa. Sie nennt sich lieber Randy, lebt ein mustergültiges texanisches Spießerleben, um ja nicht erkannt zu werden als Araberin.

Oder Hala, eine erfolgreiche Gynäkologin, ihr Makel aus Fatimas Sicht ist der chinesische Ehemann und die uneheliche Enkelin. Bassam wiederum hat sich mit der Rolle des Losers der Familie abgefunden. Vier Ehen und den Alkoholismus hat er hinter sich, trotz Harvard-Chancen ist er nur einer der vielen sogenannten "Sams" unter den arabischstämmigen Taxifahrern geworden.

Mit dem Islam ist nur Laila, die älteste konfrontiert, weil ihr Mann seit ihrer Krebserkrankung andauernd in die Moschee läuft und zu ihrem Missfallen auch die Söhne mitnimmt. In einem Anfall von aufgewühlter Aufmüpfigkeit serviert sie dem Gatten und seinen Betbrüdern Schweinekoteletts, die unter Tomatensoße als Lammfleisch getarnt werden.