Die deutschen Geburtenzahlen befinden sich im Absturz. Mit 665.000 Babys erreichte das Land im letzten Jahr ein neues Rekordtief . Auch die Geburtenrate sackte auf 1,36 Kinder pro Frau und damit auf den Stand des Jahres 1999. Erstaunlicherweise gingen diese dramatischen Zahlen, die letzte Woche veröffentlicht wurden, im öffentlichen Schlachtgetöse um den richtigen Feminismus fast unter. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder hatte es kurz vor Veröffentlichung der neuen demografischen Negativzahlen für angebrachter gehalten, in ihrem ersten Spiegel Interview mit der Frauenbewegung der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts und der Person Alice Schwarzer abzurechnen. Die Geburtenzahlen selbst wollte sie von sich aus nicht kommentieren. Erst auf Medienanfragen bequemte sie sich zu einer Antwort.

Rückblende: Anfang August 2009 schrillten bei der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen alle Alarmglocken. Kurz zuvor hatte das Europäische Statistikamt gemeldet: "Außer in Deutschland stieg die Bruttogeburtenziffer zwischen 2007 und 2008 in allen Mitgliedstaaten an." Nur wenige Stunden später wies das Bundesfamilienministerium diese Zahlen als "falsch oder veraltet" zurück. Tatsächlich seien 2007 und 2008 gleichviel Babys geboren worden.

Dieser ministerielle Streit mit den europäischen Statistikern um Veränderungen der Geburtenrate im Promillebereich sorgte für großes mediales Aufsehen. Allerdings hatte Ursula von der Leyen allen Grund für ihren (Über)Eifer. Hatte sie doch der deutschen Öffentlichkeit eine Geburtenwende prophezeit. Mit ihrer modernisierten Familienpolitik aus Elterngeld und Krippenausbauprogramm sei die Trendumkehr endlich zu schaffen.

Die Zahlen des Jahres 2009 bestätigen jetzt das Gegenteil – und sorgen für polit-mediale Einsilbigkeit. Jungministerin Kristina Schröder kann unter Mühen Tröstliches für die Öffentlichkeit ausmachen: Die aktuellen Zahlen zeigten, "dass trotz der Krise 2009, die viele Menschen verunsichert hat, die Geburtenrate nicht drastisch abgesackt ist". Ansonsten ist Optimismus angesagt. Bereits im Sommer hatte sie sich mit der Aussage der "WM-Erfolg (beim Fußball) lässt Geburten steigen" zitieren lassen.

Dieser Satz signalisiert eine familienpolitische Ernüchterung, die mittlerweile die Bundestagsparteien erfasst hat. Mehr Geburten, so der neue Konsens, sind durch die Instrumente der Politik doch nicht zu erreichen. Das hat Kristina Schröder in ihrer wochenlangen Orientierungsphase nach der Übernahme des neuen Amtes um die Jahreswende 2009/2010 schon geahnt. Deshalb findet sich in ihrer Antrittsrede im Bundestag Ende Januar kein einziger Satz zum absehbaren Babyschwund und zu den möglichen Gegenmitteln. Stattdessen erklärte sie die Pflege alter Menschen durch ihre erwachsenen Kinder "zu einem großen familienpolitischen Thema der Zukunft."

Während der Haushaltsdebatte Mitte September gab es im Bundestag dann sogar ein denkwürdiges Kunststück zu bewundern: Minister, Ministerinnen und Abgeordnete aller Fraktionen setzten sich an diesem Tag zwar alle mit dem "demografischen Wandel" auseinander – aber niemand beschäftigte sich mit der anhaltenden Geburtenmisere. Selbst die Worte "Geburten" oder "Kinderwunsch" tauchen im 120-seitigen Bundestagsprotokoll kein einziges Mal auf!
Das drastisch gesunkene Interesse der Politik an der Geburtenkrise manifestiert sich ebenso auf einem anderen Feld: bei der Statistik. Die Wiesbadener Zahlensammler haben dieses mal mehr als 11 Monate gebraucht, um die Geburtenrate des Vorjahres angeben zu können. Im Jahr 2007, als es galt, den regierungsamtlichen Erfolg des Elterngeldes zu dokumentieren, lag diese Zahl am 20. August 2008 vor. Die Ziffer für 2008 folgte am 4. September 2009. Jetzt wurden die Daten erst am 12. November veröffentlicht – fast vier Monate später als 2007.