ZEIT ONLINE: Laut einer Studie sind nicht vorrangig die arbeitslosen, armen und einsamen Frauen von Alkoholsucht betroffen, sondern ausgerechnet berufstätige, gut ausgebildete Frauen mit Familie. Ist es ein Zeichen von Emanzipation, dass es immer mehr alkoholsüchtige Frauen gibt?

Kerstin Jüngling: Sicherlich spielt die Emanzipation eine Rolle. Die gebildeten Frauen haben Kinder und gleichzeitig verantwortungsvolle Jobs. Es sieht so aus, als hätten sie ihr Ziel erreicht. Aber die Balance stimmt nicht. Die Lebenswelt dieser Frauen bewegt sich zwischen zwei Extremen: Im Beruf sind sie vielleicht emanzipiert und gleichgestellt. Aber die Lebenswelt zu Hause ist nahezu gleich geblieben, wie vor 50 Jahren. Kindererziehung und Haushalt bleiben in der Hand der Mütter. Für die Frauen kamen also Aufgaben hinzu. An anderer Stelle fand dagegen keine Entlastung statt. Und diese Entlastung suchen manche dann im Alkohol.

ZEIT ONLINE: Aber Männer sind doch heutzutage viel häufiger auf Spielplätzen zu finden als früher und helfen im Haushalt?

Jüngling: Manchmal ja. Das ist aber nicht alles. Hinzu kommen nämlich die Erwartungen der Frauen an sich selbst und die der Gesellschaft: Frauen fühlen sich für das Emotionale zuständig – für alle Wehwehchen der Kinder und des Ehemanns. Aber das Kümmern und Umsorgen lässt sich nicht beschleunigen. Es braucht genauso lange wie vor 50 Jahren.

ZEIT ONLINE: Warum trinken aber gerade die 45 bis 53 Jahre alten Frauen besonders viel und nicht die 30-Jährigen?

Jüngling: Die Verantwortung steigt mit dem späteren Lebensalter. Viele Frauen haben zum Beispiel eine zusätzliche Ausbildung gemacht oder sind wegen der Kinder aus dem Beruf ausgestiegen, sodass die Karriere erst spät begonnen hat. Hinzu kommt, dass Arbeitnehmer in verantwortungsvollen Positionen heutzutage oft befristete oder auf Erfolg basierende Arbeitsverträge haben. Und die Arbeit muss möglichst komprimiert und schnell erledigt werden. Das erhöht den Druck zwar für beide Geschlechter. Die älteren Frauen müssen dabei aber zusätzlich mit jungen Männern ohne Kinder konkurrieren.

ZEIT ONLINE: Sie müssen also die besseren Männer sein?

Jüngling: Ja, Frauen neigen immer noch dazu, den Stereotyp des erfolgreichen Mannes zu kopieren. Sie denken zum Beispiel, sie müssten noch härter durchgreifen, um anerkannt zu werden. Und so glauben sie auch, beim Alkohol mithalten zu müssen, obwohl Frauenkörper viel empfindlicher auf Alkohol reagieren als Männerkörper.