Deutschland soll keine Anreize setzen, die Frauen zum Rückzug aus der Erwerbsarbeit veranlassen – das empfahl der damalige Chefberater der Bundesregierung Bert Rürup der Politik bereits im Oktober 1999. Dass mehr Mütter arbeiten gehen, gilt seither als notwendiger Baustein zur Sicherung eines konstant hohen Wirtschaftswachstums. Das wiederum braucht man, um die steigenden demografischen Kosten zu bewältigen.

Dementsprechend gestalten die Regierungen seit der Jahrtausendwende das Steuer-, Sozial- und Familienrecht Schritt für Schritt im Sinne dieses Ziels um. Kinderbetreuungskosten können nun besser von der Steuer abgesetzt werden. Rentenanwartschaften steigen, wenn beide Partner arbeiten. Das Elterngeld berechnet sich aus dem Gehalt. Vollzeithausfrauen erleben scharfe Einschnitte beim Unterhaltsrecht im Falle einer Scheidung.

Kurz: Arbeitsmarkt- statt Familienpolitik. Experten quittieren diese Systemumstellung mit Beifall. Und auch in der Bevölkerung trauern nur wenige dem gesellschaftspolitischen Abschied von der Hausfrau als Leitbild der Familienpolitik nach. Für die jungen Frauen von heute ist es aufgrund ihrer beruflichen Qualifikationen eine Selbstverständlichkeit, sich ein eigenes Einkommen und Anerkennung für ihre Leistungen zu verdienen. Werden sie Mütter, kommt für sie ein längerer Ausstieg aus der Arbeitswelt deshalb auch nicht mehr in Frage.

Dennoch könnte die modernisierte Familienpolitik, das zentrale demografische Problem hierzulande, den chronischen Kinderschwund tendenziell sogar noch verschärfen.

Das zeigt etwa der Blick auf das Alter der Mütter, wenn sie ihr erstes Kind bekommen. In den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts lag es noch bei rund 25 Jahren; 2009 ist dieses Durchschnittsalter auf 29 Jahre geklettert. Damit steigt tendenziell das Risiko, ungewollt kinderlos zu bleiben.

Die Einkommensverluste durch den zeitweiligen beruflichen Ausstieg ("Opportunitätskosten") liegen deutlich höher, als in jüngeren Jahren. Und es sinkt die Wahrscheinlichkeit, eine kinderreiche Familie zu gründen. Genau deren Mangel hierzulande ist ein charakteristischer Unterschied zu den demografisch erfolgreicheren Industriestaaten wie Frankreich oder Schweden.

Aus all diesen Gründen empfehlen Fachleute, jungen Menschen die Umsetzung ihrer Kinderwünsche in früheren Jahren, zum Beispiel bereits während des Studiums zu ermöglichen. In der familienpolitischen Praxis passiert genau das Gegenteil. Mit dem Elterngeld hat sich der Trend zur späten Mutterschaft beschleunigt. "Vor allem Frauen im Alter von 33 bis 37 Jahren bekommen wieder mehr Kinder", stellte die damalige Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen im August 2008 noch hocherfreut fest.