Norwegen hat bei der Kinderbetreuung viel erreicht. Seit 2008 hat jedes Kind einen rechtlichen Anspruch auf einen Kindergartenplatz. Zudem wurde die ganztägige Kinderbetreuung flächendeckend ausgebaut: Im Jahr 2010 besuchten 79 Prozent der Kinder zwischen einem und zwei Jahren und 96 Prozent der Kinder über drei Jahre einen Kindergarten.

Die Pädagogik der Kindergärten legt viel Wert auf freies Spiel, auf soziales Lernen und auf den Spracherwerb. Die Personaldichte ist außergewöhnlich hoch und die Kosten für die Eltern gering. Hinzu kommt die Elternzeit (foreldrepermisjon), die ein bis anderthalb Jahre dauert. Sie soll es erwerbstätigen Eltern ermöglichen, sorgenfrei und ohne beruflichen Stress die ersten prägenden Monate mit ihren Kindern zusammen zu sein.

Trotz dieser im Vergleich zu anderen europäischen Ländern paradiesischen Zustände wird in Norwegen über Familienpolitik debattiert. Ein Teil dieser Debatte dreht sich um den richtigen Zeitpunkt, zu dem Kinder der Fremdbetreuung übergeben werden sollen. Für Kinder unter zwei Jahren sei es besser, Geborgenheit und Zuwendung durch die Eltern zu erfahren, als einen Kindergarten zu besuchen, sagt unter anderem der Psychologe Lars Smith von der Universität Oslo.

Manche Mediziner, wie zum Beispiel Anne Eskild aus Oslo, thematisieren das hohe Alter der norwegischen Erstgebärenden. Biologisch betrachtet sollten Frauen seiner Auffassung nach im Alter von 21 bis 25 Jahren ihr erstes Kind bekommen. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich viele von ihnen aber noch in der Ausbildung oder im Studium. Wer in dieser Phase ohne eigenes Einkommen ein Kind bekommt, erhält in Norwegen aber kein Elterngeld. Das verringert den Anreiz, früh eine Familie zu gründen.

Sozialmedizinische Untersuchungen konzentrieren sich auf das subjektive Wohlbefinden der Frauen, die Familie und Beruf kombinieren wollen oder müssen. Europaweit sind berufstätige Mütter stärker beansprucht als arbeitende Frauen ohne Kinder. Aber das norwegische Modell scheint zu funktionieren: Skandinavische Mütter verfügen über ein höheres subjektives Wohlbefinden, leiden weniger unter ökonomischen Belastungen und erfahren mehr Unterstützung durch ihre Umgebung als Mütter in Südeuropa, stellt die Wissenschaftlerin Torill Bull fest. Ein Grund dafür dürfte meiner Meinung nach sein, dass in Norwegen dafür geworben wird, dass Arbeitgeber und Kollegen Verständnis für die besondere Situation von Müttern und Vätern mit kleinen Kindern haben.

Die Diskussion in Norwegen über die richtige Form der Kinderbetreuung geht weiter, auch hier scheint das perfekte Modell, das Kinder, Partnerschaft und Karriere vereint, noch nicht gefunden zu sein. Doch mit den bestehenden Kindergärten und der staatlichen Unterstützung ist bereits viel geschafft.