"Ich bin größer als Du", sagt Ella und grinst. Eben hatte sie noch unsicher zu Boden gesehen, denn die Stange, auf der sie balanciert, ist ziemlich hoch für ein zweieinhalbjähriges Kind. Schritt für Schritt tappt sie weiter, immer an den Händen ihres Vaters. "Gut gemacht Ella", sagt er auf Türkisch. Und wieder strahlt Ella. Sie kann von einer Sekunde auf die andere von Türkisch auf Deutsch umschalten. "Heute ist ein guter Tag", erklärt Numan Acar. Denn heute ist Ella weder unruhig noch quengelig noch krank. Mit einer fröhlichen Tochter kann Acar umgehen, mit einer quengeligen auch. Aber mit einem kranken Kind? In einem solchen Fall sucht er Rat bei seinen deutschen Schwiegereltern. Letztes Wochenende, erzählt er, waren sie mit Ella im Krankenhaus, die Kleine hatte Fieber.

Manchmal nimmt sich Acar Zeitungen mit zum Spielplatz und liest auf der Parkbank. Denn Ella kann sich oft ganz gut alleine beschäftigen. "An anderen Tagen bin ich ihr einziges Spielzeug." Ganz normaler Alltag in der Elternzeit.

Seit Januar 2011 kümmert sich Acar alleine um seine Tochter. Erst abends geht er zum Deutschkurs und überlässt Ella seiner Frau. Vorher ist er viel in der Welt unterwegs gewesen, er hat seine Doktorarbeit über internationales Tourismusmanagement geschrieben. Zwei Jobangebote hat er abgelehnt. Denn irgendwann, sagt er, sei es zu viel gewesen: Für die Beziehung. Für die Familie. "Ich hatte ganz vergessen, dass ich ein Kind habe."

Als die Doktorarbeit endlich fertig ist, sucht sich seine Frau Anna eine Arbeit und er bleibt zu Hause. Eine binationale Partnerschaft haben die beiden, so heißt das im Soziologenjargon. "Wir haben uns in Antalya kennengelernt, ich habe dort gearbeitet, und sie war für ein Projekt da. Und dann..."

Anna wird schwanger, beide ziehen nach Berlin zu ihren Eltern. "Das erste Neue war die Geburt." sagt der Mann mit den kleinen Lachfalten um die braunen Augen. In der Türkei ist es nicht üblich, dass der Mann dabei ist. Das zweite Neue war die Elternzeit für ihn. Dass ein Mann Elternzeit nimmt, ist wiederum auch in Deutschland noch ungewöhnlich . Rund 10 Prozent der Väter bekommen Elterngeld, häufig aber bleiben sie nur zwei Monate zu Hause, damit die Familie insgesamt 14 Monate Elterngeld beziehen kann.

Acar ist heute nicht der einzige Mann auf dem Spielplatz, zwei Erzieher toben mit Kindergartenkindern herum. Ella steht neugierig an einem blauen Karussell und beobachtet, wie ein Erzieher den Kindern einschärft, sich gut festzuhalten. Acar hat das kleine Mädchen fest im Blick und sagt: "Aber sonst bin ich hier ganz alleine. Manche Mütter fragen mich auch, wie das so ist, allein mit Kind." Und wie ist es? Ella läuft herbei und zeigt auf ihre Hose. Es ist die Hose für zu Hause, lacht Acar: "Ich hab ganz vergessen, ihr die andere anzuziehen. Sehen Sie, jeden Tag muss ich überlegen: Welche Jacke? Ist es warm oder kalt?" Er lerne jetzt praktische Dinge, über Kinder und Erziehung.