Weltbehindertenbericht "Behinderung von vornherein mitdenken"

Die Zahl der Menschen mit Behinderung nimmt weltweit zu. Wenn ihnen geholfen wird, profitiert die Gesellschaft, sagt Rainer Brockhaus von der Christoffel Blindenmission.

Mutter trägt ihren behinderten Sohn in China die Treppe hinauf
Eine Mutter trägt ihren behinderten Sohn in China die Treppe hinauf.

Eine Mutter trägt ihren behinderten Sohn in China die Treppe hinauf.

ZEIT ONLINE: Herr Brockhaus, in dem gerade erschienen Weltbehindertenbericht wird geschätzt, dass 15 Prozent aller Menschen auf der Welt behindert sind. Wie verteilt sich diese Zahl zwischen armen und reichen Ländern?



Rainer Brockhaus
Rainer Brockhaus

Rainer Brockhaus ist Direktor der Christoffel Blindenmission (CBM). Der erste Weltbehindertenbericht wurde von der WHO und Weltbank erstellt und von verschiedenen Organisationen finanziell unterstützt.  Die CBM hat an der Datenanalyse und der Interpretation der Daten des Berichts mitgearbeitet.

Rainer Brockhaus: Interessant ist diese Zahl schon deshalb, weil man seit den 70er Jahren davon ausgegangen ist, dass zehn Prozent der Weltbevölkerung eine Behinderung haben. Aber diese Zahl ist falsch. Die neue Schätzung, die auf der Auswertung vieler Studien basiert, geht davon aus, dass statt 650 Millionen Menschen eine Milliarde Menschen behindert sind. In Entwicklungsländern sind durchschnittlich 20 Prozent der Bevölkerung betroffen, in den wohlhabenden Gesellschaften nur zehn Prozent. In Deutschland sind es etwa zwölf Prozent. Arme Menschen sind öfter behindert als wohlhabende, denn 20 Prozent der Behinderungen kommen durch Mangel- und Fehlernährung zustande. Und die Zahl der Menschen mit Behinderungen nimmt zu. 



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ZEIT ONLINE: Warum?



Brockhaus: Zum einen werden die Menschen weltweit immer älter. Ein höheres Alter birgt auch ein höheres Risiko, krank und behindert zu werden. Zum anderen haben sich die Lebensgewohnheiten verändert. Mehr Menschen leben in Städten und ernähren sich schlechter. Auf dem Land konnten sie sich selbst mit Gemüse und Getreide versorgen. Die Zahl der Diabetes- und Herzerkrankungen steigt auch in Entwicklungsländern, und diese Krankheiten können, wenn sie nicht richtig behandelt werden, wiederum Behinderungen verursachen. 



ZEIT ONLINE: Behinderung ist ein weiter Begriff. Wir nehmen Menschen im Rollstuhl, Blinde oder auch Menschen mit Down Syndrom wahr – andere jedoch gar nicht. Wird der Bericht allen Menschen mit Behinderungen gerecht?



Brockhaus: Ja, denn der Report wendet sich davon ab, die Probleme behinderter Menschen nur unter medizinischen Aspekten zu betrachten. Behinderung entsteht zunächst einmal aus der Interaktion mit der Umwelt. Die körperliche Beeinträchtigung ist nur ein Teil des Problems. Die größeren Barrieren entstehen im Umfeld. Ein Beispiel: Jemand der stark kurzsichtig ist und eine Brille trägt, wird hier nicht als behindert wahrgenommen. In einem Entwicklungsland ist die Situation eine ganz andere, weil er vielleicht gar keine Brille bekommt. 


ZEIT ONLINE: Was muss also getan werden? 



Brockhaus: Am besten ist es, Behinderung in jeder Planung von vornherein mitzudenken. Das Stichwort heißt Inklusion statt Integration. Bisher integrieren wir im besten Fall Menschen mit Behinderungen im Nachhinein in die Welt der Nicht-Behinderten. Das heißt, wenn das Haus schon fertig ist und ich es erst dann behindertengerecht umbaue, wird es teuer. Denken wir an Haiti. Die Notunterkünfte hätte man gleich barrierefrei bauen können. Wenn die Tür ein wenig breiter geplant wird, kostet sie nichts zusätzlich. Gerade in der Entwicklungshilfe ist das gut umsetzbar. Im Moment ist Australien in der inklusiven Entwicklungszusammenarbeit Vorreiter. Jedes neue Projekt wird dort daraufhin geprüft, ob behinderte Menschen mitbedacht wurden. 


ZEIT ONLINE: Inklusion in Schulen, also die selbstverständliche Teilnahme behinderter Kinder in Regelschulen, ist gerade in Deutschland ein großes Thema. Welche Schulen und Kindergärten brauchen behinderte Kinder wirklich? Kann man ihnen in Regelschulen immer gerecht werden?



Brockhaus: Inklusion in die ganz normale Schule und in den Kindergarten ist der effizienteste Weg. Ich habe beobachtet, dass körperlich behinderte Kinder in einer Regelschule oft zu den Klassenbesten gehören, weil sie sich mit einer ganz anderen Intensität in der Schule einbringen. Und alle profitieren von dieser Erfahrung, gerade auch die Nicht-Behinderten. Dieser Weg funktioniert aber nicht für jeden. Deshalb sind wir für einen zweigleisigen Ansatz. Inklusion ist die Regel, spezifische Maßnahmen sind dann darüber hinaus noch möglich. Für blinde Kinder ist es zum Beispiel in manchen Fällen schwierig, wenn die Regelschule die Brailleschrift nicht unterrichtet.



ZEIT ONLINE: Deutschland ist aber noch nicht so weit mit der Inklusion, wie die Behindertenrechtskonvention der UN es festlegt. 



Brockhaus: Ja, aber da Deutschland die Konvention 2009 ratifiziert hat, wird sich jetzt viel ändern. Einige Eltern nutzen schon die Chance, das Recht ihrer  behinderten Kindern einzuklagen, wenn sie keinen Platz an einer Regelschule bekommen, denn die Konvention ist nationales Recht. Und auch der Weltbehindertenbericht kann mit seinen Empfehlungen zur Richtschnur werden.



Leser-Kommentare
  1. Hier argumentiert Brockhaus rein aus medizinischer Perspekitive.

    Die Herausforderung bei geistig behinderten Menschen liegt auf therapeutischer Ebene, und da vor allem auf dem Gebiet der Kommunikationsfähigkeit.

    Da wird sich im übrigen auch auf internationalen Konferenzen ausgetauscht.

  2. Ich habe einen GdB von 50% bekommen, leider etwas zu spät- mein angeblich christlicher Arbeitgeber fand (um meine schon bekannten Krankheiten wissend) mich nicht effizient genug und servierte mir die Kündigung. Na gut, diese ist nicht gültig und ich damit nicht arbeitslos, aber ich sehe, daß in dieser Gesellschaft selbst in Sozialberufen nur die Effizienz des AN zählt. Als "Behinderter" wird man doch bestenfalls eingestellt, weil das muß und weil es Fördergelder dafür gibt.

    Übrigens hätte ich gerne auch über psychische Behinderung gelesen.

    Eine Leser-Empfehlung
  3. Die Frage nach der Berücksichtigung von Menschen mit Behinderung von vornherein ist ein schwieriges Thema.

    Grundsätzlich ist die Idee vollkommen richtig, erstens sollte behinderten Menschen ermöglicht werden, zu Dingen im täglichen Leben genauso Zugang zu haben wie jeder andere auch und zweitens ist das Einplanen von vornherein im Normalfall tatsächlich billiger als das nachträgliche Ändern.

    Aber:

    Ich persönlich möchte jetzt einmal das Beispiel eines Computerprogramms oder einer Website heranziehen. Auch hier treffen obige Punkte zu, eine unangepasste Website ist häufig für z.B. blinde Menschen quasi nicht zu gebrauchen.

    Auf der anderen Seite ist die Entwicklung einer blindengerechten Website unverhältnismäßig aufwändiger als eine "normale". So muss jedes Bild und jeder Baustein ordnungsgemäß beschriftet sein, unabhängig davon ob ein "Normaluser" das jemals zu Gesicht bekommen würde. Andere Elemente fallen vollständig weg, wie beispielsweise Flash-Animationen.

    Außerhalb des Internets könnte man das eventuell mit Treppen in Häusern o.ä. vergleichen.

    Nun besteht die Frage darin, ob man wirklich die Möglichkeiten, die man hat, einschränken soll um jedes Mitglied der Gesellschaft einbeziehen zu können. Für die Menschen, die es betrifft ist es fatal, wenn dies nicht gemacht wird.
    Ich kann nicht entscheiden, ob es moralisch gerechtfertigt ist, als Unbetroffener entsprechende Maßnahmen wegzulassen oder nicht...

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