Kindesmissbrauch : Täter reichen vom pädophilen Priester bis zum Mitschüler

Je geringer die Macht des Kindes, je ausgeprägter die Abschottung der Institution, desto größer die Gefahr – auch heute noch. Kinder brauchen einen Vertrauensanwalt.

Kindesmissbrauch ist ein Verbrechen mit unheimlichen Eigenschaften. Weil es für die meisten Menschen unvorstellbar ist, mobilisiert es immer auch unsere Fähigkeit zum Vergessen. Die sexuelle Gewalt in Institutionen, über die sich die Öffentlichkeit gerade empört, hat immer in vergangenen Jahren stattgefunden. Die "aktuelle" Empörung ist dem Unhold vorbehalten, der so monströs ist, dass wir ihn verabscheuen und seine Taten als Ausnahmefall von uns wegschieben können.

Aber Familie, Schule, Internate sind der Normalfall. Die sexuelle Gewalt, die im letzten Jahr die Republik erschüttert hat, datiert aus den 80er und 90er Jahren, in denen große Aufklärungswellen über den Kindesmissbrauch durchs Land gingen.

Den missbrauchten Odenwald- oder den katholischen Internatsschülern konnten sie nicht helfen. Auch nicht dem achtjährigen Jungen, der im letzten Jahr bei der Anlaufstelle "Sprechen hilft" angerufen hat. Und nicht dem zwölfjährigen körperbehinderten Jungen, der vor wenigen Jahren in einem renommierten Behinderteninternat von einem älteren Mitschüler missbraucht wurde. Als "epidemisch" hat sein Vater den Kindesmissbrauch bezeichnet, als "kafkaesk" die Erlebnisse, die Eltern und Sohn auf ihrer Suche nach Schutz und Hilfe hatten.

Dieser Vater ist alles andere als ein Alarmist. Und aufgeregte Befunde, wonach Missbrauch überall ist, werden Kindern nicht helfen, die jetzt und künftig sexueller Gewalt ausgeliefert sind. Wenn es heute Hoffnung gibt, dass aus dem Erschrecken des letzten Jahres gelernt wird, dann ist das zwei Initiativen von Christine Bergmann zu verdanken, die im letzten Jahr zur Unabhängigen Beauftragten Kindesmissbrauch berufen wurde. Die erste war die Kampagne "Sprechen hilft" mit telefonischer Anlaufstelle, ausgebildeten Helfern und wissenschaftlicher Begleitung. Sie hat gezeigt, das Kindsmissbrauch kein Problem der Vergangenheit ist. Die zweite ist die in diesen Tagen veröffentlichte Studie über den Missbrauch in Schulen, Internaten und Heimen. Gefragt wurde nach angezeigten Verdachtsfällen.

Die Studie ist kein empirischer Spiegel von Missbrauchsfällen. Doch als Hinweis auf Ursachen und Bedingungen von Missbrauch muss sie ernst genommen werden. 82 Prozent der Heime, 67 Prozent der Internate, fast die Hälfte aller Schulen gaben an, mit Verdachtsfällen konfrontiert worden zu sein. Das Täterbild – vom pädophilen Priester bis zum Mitschüler im Heim – ist so vielgesichtig, wie eine Grundbedingung eindeutig ist: Je geringer die Macht des Kindes, je ausgeprägter die Abschottung der Institution, desto größer die Gefahr.
Das ist nicht überraschend und äußerst beunruhigend. Missbrauch lebt vom Schweigen, das der Täter seinem Opfer aufzwingen kann. Hierarchien, Gruppenzwang und Rudelverhalten, in denen Stärkere – Schüler, Erzieher, Hausmeister – Macht über Schwächere ausüben, können in Heimen und Internaten leicht zum Selbstlauf werden. Nicht zufällig ist der erste ""vergessene" Missbrauch in der Bundesrepublik der an den Heimkindern der 50er und 60er Jahre.

In den letzten fünf Jahren ist die Zahl der in Heime eingewiesenen Kinder um 42 Prozent gestiegen. Wie finden sie, finden alle Kinder, die in ihren Familien oder Institutionen Missbrauch erleben, einen Vertrauensanwalt, der ihnen glaubt? Bergmann hat dafür ein Beispiel geschaffen. Unabhängige Beauftragte müssen einen festen Platz im Umfeld der pädagogischen Einrichtungen haben.

Erschienen im Tagesspiegel

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Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Wir vertrauen

Menschen die wir kennen und die wir lieben.

Das sind für Kinder in Heimen dann die Lehrer und Betreuer AUS DIESEM HEIM, das ist der Vater oder der Onkel, dass ist die Mutter, die psychischen Druck ausübt, das kann der oder die Geliebte sein.

Gerade da liegt das Problem. Die Person der vertraut wird ist die gleiche, die dieses Vertrauen missbraucht.

Hoffnung?

Die Kampagne "Sprechen hilft" und diese "Studie" geben mir keine neue Hoffnung. Denn sie hat nichts Neues gefunden - sondern was heraus kam, war, was die Beratungsstellen und Betroffenen schon seit 10 Jahren fordern. Die Probleme waren schon längst bekannt.

Dass jede zweite Schule vom mindestens einem Missbrauchsverdachtsfall konfrontiert wird - was ist da so Neues dran? Statistisch gesehen sitzt in jeder Schulklasse ein missbrauchtes Kind (wobei die Statistik hier natürlich auch nichts viel aussagt, wenn man nicht klar definiert, was man genau unter Missbrauch versteht). Dass ein Kind sich auch mal in der Schule offenbart, liegt auf der Hand.

Mich wundert eigentlich, dass jede zweite Schule noch nie mit einem Verdachtsfall zu tun hatte - wo bei einem verhaltensauffälligem Schüler, magersüchtiger Schülerin, Leistungsabfall, eigene Gewalttätigkeit usw. dahinter eine Missbrauchserfahrung als Grundproblem dahinter steckte. Hatten diese Schulen nur mustergültige Schüler ohne Probleme? Oder hatten sie diese verhaltensauffällige Schüler einfach als "Problemschüler" einfach abgetan? Wie oft haben diese Schulen genauer hingeschaut und festgestellt, dass es keine Missbrauchs/Misshandlungs/Gewalterfahrungen z.B. in der Familie gibt?

Meine Freundin wurde misbraucht

als sie 14 war.
Es war Missbrauch vom eigenen Vater. Er wurde grob übergriffig auf sexuelle Weise. Es war eine Vergewaltigung für sie, obwohl das Wort nicht ganz passt.

Mir dreht sich der Magen heute noch um, wenn ich an ihre Schilderung der Einzelheiten denke.

Sie hangelte sich in der Schule die Treppen am Geländer hoch, konnte dem Unterricht nicht mehr folgen, musste das Gymnasium verlassen.

Mir ist diese Geschichte wieder eingefallen, weil Sie, clair11, vom Leistungsabfall schrieben.

Kinder glauben und vertrauen ihren Eltern.
Bei Kindern muss das so sein, damit sie von ihren Eltern lernen. Die Eltern brauchen und missbrauchen das Vertrauen.

Jede Lüge,jede Halbwahrheit die Eltern ihren Kindern erzählen, ist ein Missbrauch des Vertrauens. Es wird gedroht mit der Hölle. Es wird vom "lieben Gott" erzählt, der brave Kinder belohnt.
Es wird vom Weihnachtsmann und Osterhasen erzählt.
Es werden unerfreuliche Wahrheiten verschwiegen.
Es wird indoktrimiert. Christen machen aus ihren Kindern Christen und Muslime machen aus ihren Kindern Muslime.
Alles natürlich immer zum Wohle des Kindes. Es soll belehrt werden, es soll geschützt werden, es soll in einer heilen und schönen Welt aufwachsen.
Aber es ist Vertrauensmissbrauch.

Der Missbrauch findet auch im ganz kleinen statt und ist die Norm.

Relationen bleiben unklar.

In 80% der Einrichtungen ist in den letzten 3 Jahren zu Missbrauchsfällen gekommen.

Wieviel Kinder wurden dort betreut? Wie groß ist das Verhältnis gegenüber Kindern, die in Familien aufwachsen?

Die Aussage allein, dass es in 80% der Einrichtungen zum Missbrauch gekommen ist klingt erschreckend, für die Betroffenen ist es das auch. Allerdings wird bewußt keine Relation zu Zahlen von Betroffenen gezogen.

@NürnbergerLand

Es steht:

"82 Prozent der Heime, 67 Prozent der Internate, fast die Hälfte aller Schulen gaben an, mit Verdachtsfällen konfrontiert worden zu sein."

Wenn man die Studie liest, merkt man, dass dieser Satz nur besagt, dass diese Institution mit Verdachtsfällen zu tun hatten, z.B. weil ein Kind sich dort über Missbrauch vom Vater erzählt hatte und der Lehrer sich überlegen musste, was er mit dieser Info machen soll. Und es geht darum, dass diese Lehrer Fortbildungen brauchen, um in solchen Situationen handlungsfähig zu sein (was macht man denn da, Familie anrufen? Jugendamt einschalten? Flyer für eine Beratungsstelle mitgeben? Schulamt informieren? Schulleiter informieren? Schulpsychologe einschalten????).

In Heimen kommen eben viele Kinder, welche zu Hause nicht mehr leben konnten, weil sie dort von Eltern missbraucht wurden. Es liegt auf der Hand, dass die Heimen sehr häufig mit dem Thema konfrontiert wird - das ist sogar die Aufgabe der Jugendhilfe.

Dass die Medien das so berichtet, als ob die Erzieher in Heimen, Lehrer an Schulen so häufig an Kinder selbst vergreifen - das ist die Hysterie und Feindbilderzeugung.

Was mich stört...

Ich bin im Kinderheim aufgewachsen, ich wurde nicht vergewaltigt oder sexuell missbraucht.

Was mich an dieser ganzen Diskussion stört ist die zunehmende Stigmatisierung von Heimkindern als potentielle Missbrauchsopfer.

Dem widersetze ich mich, ich möchte mich nicht durch Frau Bergmann und Co missbrauchen lassen für ihre Politik!

Richtig, ich fühle mich missbraucht von dieser Politik. Während es früher kein Problem war darüber zu sprechen, dass man im Kinderheim aufgewachsen ist, stelle ich seit einem Jahr zunehmend fest, dass nach der Nennung diese Fakts nicht mehr so sehr die Freude geteilt wird, dass ich trotzdem sozial aufsteigen konnte, sondern der unausgesproche Verdacht ensteht: Ist er missbraucht worden?

Aus diesem Grunde verschweige ich zunehmen meine Vergangenheit.

Es ist tragisch, dass mich ausgerechnet die "Aufklärungspolitik" von Frau Bergmann dazu sozial zwingt nicht mehr offen zu sein.