Alleinerziehende : Die Stillhalter der Nation

Alleinerziehende sollen Vollzeit arbeiten, sobald das Kind drei Jahre alt ist. Das Urteil des BGH schadet Eltern und Kindern gleichermaßen, kommentiert Leserin A. Prinz.

Knapp 20 Prozent aller Eltern in Deutschland sind alleinerziehend, der Großteil davon sind Frauen. Viele der Single-Eltern leben am Rande des Existenzminimums und sind am Ende ihrer Kräfte. Ein Drittel der Alleinerziehenden ist auf Hartz IV angewiesen. Single-Familien sind überfordert, krankheitsgefährdet und meistens knapp bei Kasse. Armut belastet nachweislich auch den Nachwuchs.

Alleinerziehende leisten Großes und sind trotzdem die neuen Verlierer der Gesellschaft. Mit ignoranter Selbstverständlichkeit hat der Bundesgerichtshof (BGH) jetzt entschieden, dass Alleinerziehende mit über dreijährigen Kindern Vollzeit arbeiten müssen, um Anspruch auf Unterhalt zu haben. Wer Erziehung übernimmt, muss also zusätzlich einer 40-Stunden-Beschäftigung nachgehen, um eine sichere und nachhaltige Lebensgrundlage zu schaffen.

Die Vielfachbelastung durch Kinder, Haushalt und Beruf ist damit zu einem täglichen Kampf um Versorgung und Würde geworden.

Denn mit dem Urteil des BGH wird Erziehung zur Kleinigkeit erklärt. Bestraft werden ausgerechnet jene, die sich der Verantwortung stellen, für die Zukunft unserer Gesellschaft zu sorgen. Wer Kinder großzieht, bildet den Kern, die Zukunft und die moralische Stütze des Systems. Von Eltern wird deswegen eine anspruchsvolle und gleichermaßen behütende Erziehung erwartet. Offenbar soll diese aber nicht mehr zu Hause, sondern in Ganztagsschulen stattfinden. So die Argumentation der Richter.

Das Urteil wäre weniger tragisch, wenn in Deutschland tatsächlich eine pädagogisch betreute Ganztagsunterbringung von Kindern in Hort oder Schule gewährleistet wäre. Das ist an vielen Orten aber nicht der Fall. Dazu kommt, dass bei vielen Arbeitgebern die Türen für Alleinerziehende geschlossen bleiben, erst recht wenn es um eine Ganztagstätigkeit geht. Selbst wenn Alleinerziehende in Vollzeit arbeiten möchten, ist eine Beschäftigung noch lange nicht garantiert.

Natürlich kennen auch Eltern aus normalen Familien Alltagsstress und Kindersorgen. Doch sie haben einen entscheidenden Vorteil: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Alleinerziehende teilen ihr Bett häufig bloß mit erdrückender Verantwortung und schlechtem Gewissen. Daran wird sich so schnell nichts ändern. Stattdessen wird es Eltern in einer ohnehin schon kinderarmen Gesellschaft künftig noch schwerer gemacht.

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Kommentare

276 Kommentare Seite 1 von 31 Kommentieren

Minderheitengejammer auf hohem Niveau

Tut mir leid, aber was Sie da schreiben, ist ja blanker Hohn.

[...]

Was spricht dagegen, sich mit dem "Miterzeuger" auf erwachsene weise zu verständigen und z.B. eine für das Kind vernünftige Regelung zu treffen. ( Geteiltes Leid und so ... )

"Alleinerziehende teilen ihr Bett häufig bloß mit erdrückender Verantwortung und schlechtem Gewissen." Dagegen kann man ja wie eben beschrieben was tun ausser jammern.

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/er

das wirkliche Trauerspiel ist

dass sich erwachsene Menschen nicht mit Anstand und Würde trennen können - insbesondere wenn Kinder im Spiel sind. Über die Köpfe der Kinder hinweg - aber mitten ins Herz der Kinder hinein - werden pubertäre Zweikämpfe ausgetragen.. ..... vor allem Frauen werden hier sehr erfinderisch - das sage ich als Frau, die ebenfalls einen Fall kennt, wo der Mann seine Kinder bereits via facebook sucht -

Minderheitengejammer

Liebe Autorin,

ich schließe mich meinem Vorredner jgmischke zu 100% an. Ich bin einer dieser Väter, die das zweifelhafte Recht genießen, mein Kind zweimal die Woche für jeweils etwa zwei Stunden zu sehen. Mehr Recht räumt man mir nicht ein. Ich darf mir zwar sehr oft das Gejammer der Mutter meines Kindes anhören, aber auch nur das. Mich einzubringen, wie man etwas anders machen könnte, ist nicht gewünscht. Mich einzubringen, das Kind mal für längere Zeit zu nehmen, ist nicht gewünscht. Jammern hat ja auch was Schönes. Man wird bemitleidet und sei es von den eigenen Verwandten, Freunden und Bekannten. Der Buhmann ist ja schnell ausgemacht. Ich zahle meinen Kindsunterhalt und keinen Cent mehr. Solange die Umstände so sind wie sie sind, hält mich mein Mitleid in Grenzen.

Ich will nicht Verallgemeinern, aber so manche Alleinerziehende sieht sich offensichtlich sehr gerne in der Opferrolle. Ich fühle mich als Vater, der sein Kind ca. 5 Stunden die Woche sieht ebenfalls als Opfer. Aber nicht gerne.

BGH-Entscheidung

Liebe Kommentatoren,

bitte beziehen Sie sich auf den Inhalt des Artikels und verzichten Sie auf Pauschalisierungen: Hier geht es weder um die Opferrolle von Frauen (der Artikel befasst sich mit Alleinerziehenden aller Art - der Großteil sind dabei nun einmal nachweislich Frauen) noch um die Frage, welcher Elternteil für was verantwortlich ist.

Die Autorin kritisiert die Entscheidung des BGH und die Probleme, die auf Alleinerziehende damit (zusätzlich) zukommen. Das gilt für Frauen wie Männer.

Grüße,
E.K.

Liebe ZEIT-Reaktion

"bitte beziehen Sie sich auf den Inhalt des Artikels und verzichten Sie auf Pauschalisierungen: "

Der Artikel pauschalisiert selbst. Wo Vater und Mutter verantwortlich mit der Situation umgehen, stellt sich die Problematik oft nicht.

"Die Autorin kritisiert die Entscheidung des BGH und die Probleme, die auf Alleinerziehende damit (zusätzlich) zukommen. Das gilt für Frauen wie Männer."

Auch hier gilt, wo beide Parteien verantwortungsvoll mit der Situation umgehen, entstehen solche Probleme seltener.

Darüber hinaus weiß ich nicht, was es an der BGH-Entscheidung zu kritisieren gibt. Will sich denn der Alleinerziehende auf Jahre abhängig von seinem Ex-Partner machen? Hier haben sich zwei erwachsene Menschen getrennt und ich für mich kann sagen, ich würde alles in meiner Macht stehende tun, um mich nicht finanziell abhängig von meinem Ex-Partner zu machen. Ich würde mich auch nicht von meinen Partner abhängig machen wollen. Man hat sich getrennt, wozu sich also auf Jahre in Abhängigkeit begeben?

Ich jedenfalls kann nicht verstehen, wie man sich freiwillig in die Abhängigkeit eines Partners begeben kann. Wer garantiert mir denn die Allimentierung durch meinen Partner für den Rest meines Lebens (was ist mit Todes- oder Krankheitsfall, Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit)? Jeder, der freiwillig auf ein eigenes Einkommen verzichtet, geht das Risiko der Altersarmut ein. Doppelter Boden hält besser.

Das BGH appeliert an die Eigenverantwortung eines jeden. Und das ist gut so.

Aha??

"Auch hier gilt, wo beide Parteien verantwortungsvoll mit der Situation umgehen, entstehen solche Probleme seltener".

Und mit Emotionen bei Trennungen und Rosenkriegen hat das nichts zu tun?

Schön kommentiert aus einer anderen Welt der Verantwortungsvollen.

Wer fällt das Urteil? Alte Männer aus einer anderen Generation und aus einer anderen Schicht - ahnungslos, beratungsresistent - und das muss ich ausnahmsweise für den BGH mal sagen - inkompetent.

Ein Staat schafft sich ab

Die vermittelte Lösung des Problems aus Sicht der neoliberalen Koalition: Keine Kinder mehr bekommen.

Der Staat hat mit dem Elterngeld ohnehin klar gemacht, dass er in Zukunft nur noch auf "Qualitätskinder" der Besserverdiener-Haushalte wert legt.

Der Rest wird durch Fachkräfte-Import substituiert - zumindest in der Theorie.

@pehagi

Das ein Straßenkehrer in diesem Land nichts mehr "verdient", sehe ich anders. Es wird ihm nur nichts mehr gezahlt.

Und wenn sie meinen, die Welt warte ausschließlich auf Früchte der Lenden jener Menschen, die diese Zustände für gut heißen, dann werden sie sich (hoffentlich) schon bald eines Besseren belehrt sehen:

Ein zweites Mittelalter wird es nicht geben und auch ihre umlagefinanzierte Rente wird ohne Lohnsklaven (gottlob) nicht funktionieren...

kein Kind leisten

Wenn ich ein Kind nicht ernähren kann, kann ich mir eben keins leisten. Wir haben früher gar nichts bekommen und die Geburtenrate hat noch gestimmt.

Wann war "früher"? In den 50er, 60er oder 70er Jahren? Als es alles im Überfluss gab und Löhne gezahlt wurden von denen wir heute nur träumen können? Als nur ein Elternteil arbeiten musste, um vier Köpfe ernähren zu können?

Sie müssen auch ein wenig auf die heutige Zeit schauen. Ihre indirekte Forderung, dass kein Kindergeld gezahlt werden sollte, hätte zwei Konsequenzen: es würde einerseits weniger Kinder in Haushalten mit unterdurchschnittlichen Einkommen geben (ca. 1500-2500 EUR monatl.) und andererseits würden die Kinder in den Haushalten mit ganz schlechtem Einkommen völlig verwahrlosen. Das kann sich Deutschland nun wirklich nicht leisten.